Berichterstattung über die Krim-Krise Blick aus der Blase

Fernsehstationen berichten vor dem US-Botschaftsgebäude in London vom Treffen von US-Außenminister John Kerry mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow am vergangenen Freitag

(Foto: Getty Images)

Sind westliche Journalisten ignorante Putin-Hasser und blinde Nato-Gefolgsleute? Seit Ausbruch der Krim-Krise steht die Berichterstattung über Russland und die Ukraine in der Kritik. Doch der Ruf nach "objektivem Journalismus" führt in die Irre.

Von Hannah Beitzer

Solange er nur hin und wieder sein Hemd auszog, war es halb so schlimm, dass wir im Westen ihn nicht so recht verstanden. Klar, Journalisten fragten sich schon: Was bringt es Wladimir Putin, russischer Präsident und einer der mächtigsten Männer der Welt, sich in albern-chauvinistischen Posen ablichten zu lassen? Ein bisschen herablassend, ein bisschen spöttisch war da von einem überkommenen Männlichkeitsbild die Rede und von der Sehnsucht der Russen nach einem starken Anführer. Und, weit weniger spöttisch, auch von all dem, was diese vermeintliche Sehnsucht nach sich zog: Kontrolle der Medien, Marginalisierung der Opposition, Verhaftungen und ein wachsender Nationalismus in Russland.

Inzwischen ist es in westlichen Medien aber endgültig vorbei mit Herablassung und Spott. Spätestens seit Ausbruch der Krim-Krise analysieren Journalisten aus ebenso aktuellem wie brisantem Anlass Putins Politik anstelle seines Kleidungsstils. Das Urteil fällt in den großen Medien tendenziell negativ aus: Putin sei gefährlich, wenn nicht gar verrückt. Völkerrechtswidrig wolle er sich die Halbinsel Krim, die zur Ukraine gehört, einverleiben. Gnadenlos verteidige er seine Einflusssphäre.

Machen es sich Medien damit zu einfach? Das jedenfalls glauben nicht wenige Experten und Journalisten, die nun die Berichterstattung rund um die Themen Ukraine und Krim kritisieren. Im Guardian schreibt etwa der australische Journalist Antony Loewenstein: "Niemand kann die Brutalität Putins bezweifeln. Aber die Art und Weise, wie westliche Medien über den Konflikt berichten, wirft doch einige Fragen auf."

Schablonenhafte Berichterstattung?

Schablonenhaft sei das Bild, das viele Medien von Putin zeichneten: Das eines hemdlosen Machos, der aus reiner Bösartigkeit und Größenwahn nichts lieber tue, als in fremde Länder einzumarschieren und das eigene Volk zu unterdrücken. Besonders fatal sei die stereotype Betrachtung Putins im gegenwärtigen Konflikt. Sicher, Putin habe in seinem Land ein autoritäres System installiert - "dafür kann es keine Entschuldigung geben". Aber dass ausgerechnet US-Politiker und -Medien ihm einen Bruch des Völkerrechts vorwerfen, sei scheinheilig - einer Argumentation, der auch die deutsche Linke folgt, wie etwa Gregor Gysi oder Sahra Wagenknecht.

Loewenstein zitiert den Journalisten Patrick Galey, der in einem Blogeintrag die Arroganz westlicher Medienmacher beklagt. "Wir denken, dass wir - weil wir die Medienlandschaft und lange Zeit auch die Nachrichtenagenda kontrollieren - auch automatisch die Kontrolle über die Wahrheit haben." Galey widmet sich vor allem der Ablehnung, die dem staatlichen Sender Russia Today und seinen Berichterstattern in westlichen Medien entgegenschlägt. Er bestreitet nicht, dass Russia Today eine kremltreue Berichterstattung fährt, gibt jedoch zum einen zu bedenken, dass dies ja im Sinne der Meinungsvielfalt durchaus interessant sei.

Insbesondere geht er aber auf zwei Episoden ein, die in den vergangenen Wochen für einige Aufregung gesorgt haben. Da war zunächst der Ausbruch einer Moderatorin von Russia Today, die vor laufender Kamera die russische Invasion auf der Krim und somit ihren Auftraggeber, die Regierung Putin, kritisierte. Wenige Tage später kündigte eine Kollegin vor laufender Kamera - ebenfalls, weil sie in der Krim-Krise die Haltung der russischen Regierung und somit ihres eigenen Senders nicht mehr länger unterstützen wollte. Diese Vorfälle hätten zu triumphierenden Berichten in westlichen Medien geführt.

Galey erinnert hingegen an einige US-amerikanische Medien, die Journalisten im Zuge der Berichterstattung um 9/11 und den Irakkrieg entlassen hätten. Da, so argumentiert Galey, war es dann mit Meinungspluralismus auch nicht mehr weit her.

Streit über rechte Kräfte in der Ukraine

Auch die deutsche Berichterstattung steht in der Kritik, das zeigt zum Beispiel ein Beitrag in der Online-Ausgabe des deutschen Magazin Cicero. Putin werde in Deutschland als Autokrat, Egomane und/oder skrupelloser Taktierer beschrieben. Die Berichterstattung sei personalisiert statt hintergründig, häufig schwarz-weiß. Eine genaue Einordnung - zum Beispiel der Bedeutung rechter Kräfte in der Ukraine - fehle, stattdessen werde über- oder untertrieben, klagen die dort zitierten Experten.

Damit stehen sie nicht alleine, die Rechten in der Ukraine sind ein Dauerthema im Streit um die vehement eingeforderte journalistische Objektivität. Von der einen Seite heißt es, westliche Journalisten ignorierten schlicht die Gefahr, die von der nationalistischen Partei Swoboda sowie radikaler Gruppen auf dem Maidan ausgingen, um ihre Verbündeten in Kiew halten zu können. Russische Medien berichten viel vom vermeintlich faschistischen Umsturz in der Ukraine, schüren Angst vor Nationalismus und Antisemitismus. Aber auch die Linkspartei wird nicht müde, die braune Gefahr in Kiew zu betonen. Und nicht zuletzt weisen auch viele Leser in den Kommentaren großer Online-Medien auf diese nach ihrer Meinung vernachlässigte Sichtweise hin.

Andere wiederum werfen westlichen Medien vor, auf eben diese russisch lancierte Sichtweise - "Propaganda" eben - hereinzufallen und den Rechten eine viel zu große Bedeutung beizumessen. Das gipfelte in einem leicht skurril anmutenden Aufruf Dutzender Wissenschaftler, doch bitte das Augenmerk nicht in einem solchen Ausmaß auf Nationalismus in der Ukraine zu richten - ohne, dass sie übrigens eine bessere Einordnung der Ereignisse liefern konnten.