Baden-Württemberg: SPD und Grüne Stuttgarter Erbengemeinschaft

Nach 58 Jahren CDU-Herrschaft hoffen der grüne Spitzenkandidat Kretschmann und SPD-Frontmann Schmid auf den Wechsel. Der eine wurde ausgebuht, der andere belächelt: Nun könnte einer von beiden Ministerpräsident werden.

Von Roman Deininger, Stuttgart

Winfried Kretschmann und Nils Schmid unternehmen ziemlich viel miteinander zur Zeit, am Montag machten sie einen Ausflug nach Waghäusel und schauten sich eine Fotovoltaikanlage an. Für die Fotografen rückten sie ganz eng zusammen, hinter ihnen funkelte ein Ozean von Solarmodulen dunkelblau in der Nachmittagssonne.

Vor ihnen, in der Ferne am Ufer des Rheins, funkelten die Kühltürme des Kernkraftwerks Philippsburg. Kretschmann und Schmid sprachen getrennt, aber sie sagten das Gleiche: Dass man gemeinsam in die Regierung wolle und dann raus aus der Atomkraft. Und dass man am Sonntag dann einfach sehen müsse, wer von beiden den Chef geben dürfe.

Seit 58 Jahren regiert in Baden-Württemberg die CDU. Und jetzt? Stehen ein Grüner und ein Roter eine Woche vor der Wahl auf einer Wiese herum und diskutieren, wer von ihnen Ministerpräsident wird. Nach den Atomunfällen in Japan liegt die Opposition in den Umfragen wieder vor der schwarz-gelben Regierungskoalition, sie hat zwei, drei Prozent Vorsprung. Und die Grünen liegen wieder vor der SPD, die sich doch eigentlich als zweite Kraft im Land versteht. All das gab es im Herbst schon mal auf dem Höhepunkt des Bürgerzorns um Stuttgart21. Man nannte es eine Momentaufnahme. Nun ist der Moment zurück.

Es war ein langer Weg auf die Wiese in Waghäusel für die Grünen und die SPD, und ein besonders langer für ihre Spitzenkandidaten Kretschmann und Schmid. Vor fast 32 Jahren hat Kretschmann die Grünen im Südwesten mitbegründet, 1980 gehörte er zu ihren ersten Abgeordneten im Landtag.

Er war ein Realo unter Fundis, er haderte oft mit seiner Partei. Zwei Mal schmiss er entnervt hin. Er wollte immer regieren, über drei Jahrzehnte träumte er von Schwarz-Grün, bis er den Traum aufgeben musste im unversöhnlichen Streit um die Atomkraft und den Stuttgarter Bahnhof. Als er dachte, es sei vorbei, fing es erst richtig an für ihn. Mit 62 könnte Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident der Republik werden.

Schmid war 24, als er 1997 in den Landtag nachrückte, der Erstkandidat war plötzlich gestorben. Er war der jüngste Abgeordnete der Geschichte, und er konnte noch so viel von Finanzen verstehen: für viele blieb er auf Jahre hinaus das "Jüngelchen". 2009 bewarb er sich um den Landesvorsitz der SPD. Weil er den Genossen als zu unerfahren und weich galt, ließ Schmid durchblicken, dass er nicht zwangsläufig auch Spitzenkandidat bei der Landtagswahl werden müsse.

Das dürfe gern der beliebte Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner machen. Gönner wollte nicht. Zu Beginn seines Wahlkampfes sagten Schmids eigene Leute: "Mitreißen kann der ein Publikum natürlich nicht." Inzwischen sagen sie: "Der ist an der Aufgabe gewachsen." Schmid hat seiner tief gestürzten Partei wieder auf die Beine geholfen. Der 37-Jährige könnte immer noch eines der schlechtesten SPD-Ergebnisse nach dem Krieg holen, 20 oder 25 Prozent. Aber er könnte Ministerpräsident werden damit.

Kretschmann ist ein unverhoffter Anwärter und ein ungewöhnlicher. Kürzlich wurde er in Ravensburg vom örtlichen Grünen-Landtagsbewerber im Gasthaus Ochsen empfangen. Der Gastgeber rief: "Du weißt, ich hätt' am liebsten in dei'm Sekretariat o'grufe und mir eine richtig große Kretschmann-Rede b'stellt. Mit Hannah Arendt drin, Perikles und allem Drum und Dran."

Kretschmann war Oberstudienrat an einem Gymnasium in seiner Heimatstadt Sigmaringen. Biologie, Chemie, Ethik. Ein bisschen ist er Oberstudienrat geblieben. Er doziert gerne, sogar im Wahlkampf. Seine Anhänger müssen bei seinen Reden durchaus mal länger auf eine Stelle warten, an der sie herzhaft klatschen können. CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus würde sagen: Das ist so! Kretschmann sagt: "Der Kern der Demokratie ist der Streit um Alternativen. Zu sagen, dass es nur eine Lösung gibt - das untergräbt doch nur das Vertrauen der Bürger in die Politik." Politik, sagt Kretschmann, müsse keinen Spaß machen. Sondern Sinn.

Anders sein als andere Grüne

In schöner Regelmäßigkeit sieht der Landtags-Fraktionschef Kretschmann Sinn in anderen Dingen wie die linke Basis seiner Partei. 2007 ist er auf dem Parteitag in Heilbronn niedergestimmt worden, weil er ein bedingungsloses Grundeinkommen für nicht finanzierbar hielt. Bei einer Demo gegen Stuttgart 21 erklärte er der aufgebrachten Menge, sie sollten doch bitte die "Lügenpack"-Rufe gegen Mappus und die Bahnchefs lassen, das fördere nur die Politikverdrossenheit. Er wurde ausgebuht und ausgepfiffen.

Aber er ist es gewohnt, anders zu sein als andere Grüne: Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, im Schützenverein und in der Narrenzunft "Gole" Riedlingen. Ein Wegbegleiter sagt, dem "Kretsch" sei etwas fast Unglaubliches gelungen: "Er hat die Partei mehr verändert als sie ihn."