Atomabfall von Fukushima Erst verstrahlt, dann verbrannt

Radioaktive Erde wird vergraben, verstrahlter Klärschlamm verheizt - und der noch geschäftsführende Premier Naoto Kan bittet um eine temporäre Deponie. Fünf Monate nach der Atomkatastrophe von Fukushima entsorgt Japan radioaktiven Müll höchst fragwürdig.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Japans Premier Naoto Kan hat die Präfektur Fukushima gebeten, eine temporäre Deponie für radioaktiv verseuchte Trümmer und kontaminierte Erde zu akzeptieren. Es gebe keinen anderen Weg, mit mehreren zehn Millionen Tonnen verstrahltem Müll fertig zu werden, sagte er am Wochenende. Es war eine seiner letzten Amtshandlungen. Naoto Kan wird an diesem Montag abtreten. In einem Treffen mit Yuhei Sato, dem Gouverneur von Fukushima, versprach Kan, das Zwischenlager werde nicht zur permanenten Lösung. Zugleich überbrachte er die schlechte Nachricht, wegen hoher Strahlung würden viele Evakuierte über Jahre oder Jahrzehnte nicht in ihre Heimatorte zurückkehren können.

Orte, in denen die derzeit gemessene Strahlung 200 Millisievert pro Jahr übertrifft, bleiben mindestens 20 Jahre gesperrt, Orte mit 150 Millisievert pro Jahr mindestens zehn Jahre, so Goshi Hosono, der für den Atomunfall zuständige Minister. Nach der Strahlungskarte der Regierung bleibt demnach die Hälfte aller Messstellen innerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone um Fukushima I unbewohnbar. In Okuma erreicht die Jahresdosis mehr als 500 Millisievert. Von 80.000 Evakuierten wird ein Großteil nicht in ihre Häuser zurückkehren können.

Die verstrahlten Trümmer, für die Kan ein Zwischenlager sucht, stammen von der AKW-Ruine und von Gebäuden in der Sperrzone. Dazu gehört auch Holz und verstrahltes Reisstroh, das im Freien gelagert wurde. Allerdings sind an vielen sogenannten Hot-Spots teils mehr als hundert Kilometer vom AKW entfernt ebenfalls hohe Verstrahlungen gemessen worden. Die kontaminierte Erde, die entsorgt werden soll, fällt dort an, wo die oberste Bodenschicht zur Dekontamination abgetragen wird. In der 300.000-Einwohner-Stadt Fukushima wurden bis Anfang August bereits 334 Schulhöfe und Kindergärten auf diese Weise saniert. Die Stadt Koriyama in der Präfektur Fukushima war die Gemeinde, die ihre Schulhöfe dekontaminierte. Und weil man dort nicht wusste, wo die verstrahlte Erde entsorgt werden sollte, wurde sie zum Grauen vieler Eltern jeweils auf dem Schulgelände vergraben.

Es sind aber nicht nur Schulhöfe in Fukushima und den Nachbarregionen verstrahlt. Die Regierung hat mittlerweile eingesehen, dass sie die Grenzwerte für Kinder zu hoch angesetzt hatte. Nach den neuen Kriterien müssen selbst weit entfernte Schulhöfe dekontaminiert werden, etwa in Kashiwa nur 20 Kilometer nordöstlich der Stadtgrenze von Tokio.

Kans Bitte, die Präfektur Fukushima möge eine temporäre Deponie zur Verfügung stellen, kommt viel zu spät: Die Tageszeitung Asahi schrieb schon am 5. August, tief in den Bergen der Präfektur lade an einer Grube von der Größe eines Schwimmbades alle paar Minuten ein Lkw große Leinensäcke mit verstrahltem Müll ab. Die Anwohner wüssten nicht, wozu die geheime Grube da sei, die Präfektur hatte nichts bekanntgegeben. Auf Anfrage des Asahi-Reporters sagte ein Beamter, wenn man damit an die Öffentlichkeit ginge, brächten andere Leute ihren Müll dorthin. Er versicherte, die Grube sei "temporär".

17 der 48 Präfekturen Japans, darunter auch Tokio, melden außerdem, sie blieben auf radioaktiv verseuchtem Klärschlamm sitzen. Nach Recherchen des Fernsehsenders NHK haben sich bereits 50.000 Tonnen solchen Klärschlamms angesammelt, davon seien 1500 Tonnen hochradioaktiv. Der Schlamm wird - meist nur mit Planen abgedeckt - auf den Arealen von Kläranlagen gelagert. Nach einer Bestimmung des japanischen Umweltministeriums dürfen radioaktiver Klärschlamm und Müll dann verfeuert werden, wenn sie maximal mit 8000 Becquerel pro Kilogramm belastet sind.

In den USA wäre das undenkbar, sagt dazu der US-Nuklearingenieur Arnie Gundersen. Wenn dieser Müll verbrannt werde, breiteten sich radioaktive Partikel mit dem Rauch und über die Asche aus. Japans Umweltministerium dagegen lässt nicht nur die Verbrennung des verstrahlten Mülls zu - es erlaubt explizit, radioaktiven Müll mit normalem Industriemüll zu mischen, bis die Radioaktivität unter die 8000-Becquerel-Grenze fällt. Damit lasse Tokio es zu, so Gundersen, dass stets weitere Gegenden schwach radioaktiv kontaminiert würden. Yoshinori Moriyama von der Agentur für Nuklearsicherheit (NISA) bestätigt das Müll-Mischen: "Entscheidend ist der Durchschnittswert. Aber NISA ist dafür nicht zuständig." Ein Regierungssprecher erklärte, bis Ende August werde die Zuständigkeit für radioaktiv verseuchten Müll geklärt.

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