Appell von Netanjahu Lieber die Unsicherheit in Nahost

  • Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat Juden in Frankreich angesichts der Terrorwelle in Paris zur Auswanderung nach Israel aufgefordert.
  • Mindestens eines der vier jüdischen Opfer des Anschlags auf einen koscheren Supermarkt in Paris soll am Dienstag in Jerusalem beigesetzt werden.
Von Peter Münch, Tel Aviv

Frankreichs Katastrophe ist auch eine Tragödie für Israel. Die vier Juden, die bei der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt in Paris getötet wurden, haben Schockwellen übers Mittelmeer gesendet. Die Angst vor dem alten Antisemitismus in Europa erhält neue Nahrung. Die Antwort darauf hat Israels Premierminister Benjamin Netanjahu nun sehr schnell und sehr direkt gegeben: Er ruft alle französischen Juden zur Auswanderung auf. "Israel ist nicht nur der Ort, wohin ihr euch zum Gebet wendet", erklärte er, "Israel ist auch eure Heimat."

Dieser Ruf ist nicht neu, schließlich gehört es zur israelischen Staatsräson, möglichst alle über den Globus verstreuten Juden ins Gelobte Land zu holen. Bislang lebt noch etwa die Hälfte in der Diaspora, meist in den USA. Doch mit mehr als 500 000 Mitgliedern ist die jüdische Gemeinde in Frankreich die größte in Europa. Hier liegt für Israel also ein erhebliches Einwanderer-Potenzial - und auf Einwanderer ist der jüdische Staat seit jeher angewiesen.

Die eigens dafür gegründete Jewish Agency wirbt weltweit für die Immigration, die Alijah genannt wird. Auf Deutsch heißt das Aufstieg. Schon in den vergangenen Jahren hatte die Organisation ihren Fokus auf Frankreich gerichtet und dabei aus traurigen Gründen - wegen der Wirtschaftskrise, aber vor allem eben wegen des anwachsenden Antisemitismus - einigen Erfolg gehabt.

Von Frankreichs Regierung wird dies allerdings mit deutlichem Missfallen betrachtet. Als Netanjahu bei einem Besuch im Élysée-Palast 2012 für die Alijah warb, konterte sein Gastgeber François Hollande kühl: "Der Platz der französischen Juden ist in Frankreich." Auch der französische Premier Manuel Valls erklärte nun, "wenn 100 000 französische Juden das Land verlassen, wird Frankreich nicht mehr Frankreich sein".

Hollande empfängt Netanyahu zum Solidaritätsmarsch in Paris. Wenn es um die Zukunft der französischen Juden geht, gehen ihre Meinungen auseinander.

(Foto: Pascal Rossignol/Reuters)

"Ihr werdet hier mit offenen Armen empfangen"

Das jedoch sehen immer mehr französische Juden anders. In großen Sprüngen ist deren Einwanderung nach Israel angestiegen, bis sie mit 7000 Immigranten im Jahr 2014 schließlich erstmals die Spitzenposition im Nationen-Ranking einnahmen. Selbst im Jahr des Gaza-Kriegs also zogen viele französische Juden die Unsicherheit im Nahen Osten der Bedrohung zu Hause vor. Der wachsende französische Einfluss ist übrigens bereits überall im Land zu spüren, nicht zuletzt daran, dass es plötzlich in Tel Aviv und andernorts wunderbare Baguettes gibt.

Netanjahu hat nun angekündigt, dass sich schon in dieser Woche eine Ministerrunde damit befassen werde, wie man die Einwanderung von Juden aus Frankreich weiter befördern könne. "Ihr werdet hier mit offenen Armen empfangen, und wir werden euch bei der Integration helfen", versprach er. Konkret werden bereits jetzt für alle jüdischen Einwanderer Eingliederungshilfen - vom staatlich finanzierten Sprachkurs bis zur Hilfe bei der Wohnungs- und Jobsuche - angeboten.

Am Sonntag ist Netanjahu auch zur großen Solidaritäts-Kundgebung nach Paris geflogen. Anfangs hatte er noch gezögert, sein Büro hatte das mit Sicherheitsbedenken wegen des öffentlichen Schweigemarschs begründet. Doch als dann Außenminister Avigdor Lieberman und Wirtschaftsminister Naftali Bennett vorpreschten und ihre Reise nach Paris ankündigten, blieb auch Netanjahu in Wahlkampfzeiten wohl kaum eine andere Wahl. Wenn er zurückfliegt nach Israel, wartet dort bereits ein trauriger Termin auf ihn. Mindestens einer der vier Getöteten aus dem Supermarkt soll am Dienstag in Jerusalem beerdigt werden.