Anti-Terror-Krieg wird zu "Obama's War" Herr über Leben und Tod

In Pakistan besitzt die CIA generell eine präsidentielle "Lizenz zum Töten" - Barack Obama, der Friedensnobelpreisträger, zeigt mittlerweile eine größere Härte gegen mutmaßliche Terroristen als sein Vorgänger George W. Bush.

Von Christian Wernicke, Washington

Barack Obama ist Herr über Leben und Tod. Jede Woche, und fast immer dienstags: "Terror Tuesday" heißt im Jargon des Weißen Hauses jene Sitzung im abhörsicheren "Situation Room", wenn der US-Präsident die Todeslisten ("Kill Lists") des Verteidigungsministeriums durchgeht, wenn er per Power-Point-Präsentation die geheimen Steckbriefe mutmaßlicher Al-Qaida-Terroristen studiert.

Und wenn dann allein er, der einstige Irakkriegsgegner und linksliberale Dozent für Verfassungsrecht, entscheidet, wen es treffen soll. Obamas Zustimmung bedeutet, dass demnächst irgendwo in den pakistanischen Bergen oder in der jemenitischen Sandwüste eine amerikanischen Lenkrakete einschlagen und Menschenleben dahinraffen wird. So wie am Montag, als ein Drohnenangriff der CIA nach US-Angaben Abu Jahja al-Libi tötete.

Amerikas Anti-Terror-Krieg, von George W. Bush nach dem 11. September 2001 begonnen, ist längst zu "Obama's War" geworden. Wie sehr der mächtigste Mann der Welt sich dabei in die Details einzelner Militäraktionen einmischt, haben nun gleich zwei Enthüllungsgeschichten ausführlich ausgebreitet: Die New York Times berichtete, Obama persönlich billige jeden Schlag in Jemen oder Somalia; in Pakistan, wo CIA und US-Spezialeinheiten generell eine präsidentielle "Lizenz zum Töten" mutmaßlicher Terroristen besitzen, genehmigt das Staatsoberhaupt etwa eine von drei Attacken.

Und ähnlich beschreibt der Journalist Daniel Klaidman in seinem Buch "Kill or Capture" ("Töten oder Fangen", in Auszügen in Newsweek veröffentlicht), wie Amerikas Oberbefehlshaber mittlerweile seinen Galgenhumor pflegt, wenn einer seiner beiden engsten Anti-Terror-Berater das Oval Office betritt, um die Genehmigung für den Drohnenangriff einzuholen: "Uh-oh, das kann nichts Gutes sein."

Damit zeichnet das Weiße Haus das Bild eines ebenso einsamen wie stählernen Präsidenten. Das, so die offenkundige Absicht, soll Obama im Wahlkampf gegen den Republikaner Mitt Romney helfen, der dem Amtsinhaber regelmäßig einen zu weichen Kurs gegenüber Amerikas Feinden vorwirft. Dabei ist die Statistik eindeutig: Seit Obamas Amtsantritt starben laut Zählung der unabhängigen New America Foundation bei US-Drohnenangriffen mindestens 1482 Menschen in Pakistan, von 2004 bis 2008 unter Verantwortung von George W. Bush waren es "nur" 363 Tote. Amerika fängt kaum noch Terroristen, es bombt: Obama, der 2009 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war, verantwortet mittlerweile die Tötung von mehr mutmaßlichen Al-Qaida- und Taliban-Kämpfern, als je Gefangene in Guantanamo einsaßen.

Obama, so berichten Insider, habe seine Generäle wiederholt zu mehr Vorsicht gemahnt. Als Regel habe der Präsident Drohnen-Attacken nur erlaubt, wenn "nahezu mit Sicherheit" klar sei, dass keine Unschuldigen getroffen würden. Dennoch genehmigte Obama 2009 einen Angriff auf den pakistanischen Talibanführer Baitullah Mehsud, obwohl dessen Frau und andere Verwandte bei ihm waren. Und Obama selbst hat eingeräumt, sein Okay zum Raketenangriff auf den Al-Qaida-Propagandisten Anwar al-Awlaki in Jemen voriges Jahr sei ihm "leicht gefallen". Der Mann war sogar US-Bürger - aber auch das ließ den Präsidenten nicht zweifeln.