Anti-EU-Stimmung in Großbritannien Vom schweren Leben als Europa-Fan auf der Insel

Viele Briten sehen die EU mit Argwohn. Premier Cameron will deswegen 2017 ein Referendum abhalten (Archivbild von 2005).

(Foto: REUTERS)

"Eine fremde Institution, die unsere Unternehmen gängelt": Viele Briten halten wenig von der EU und fordern einen Austritt ihres Landes. Den Europaskeptikern nutzt dabei, dass die Medien ihre Parolen nicht enttarnen und weiter Vorurteile verbreiten.

Ein Gastbeitrag von Mathew Shearman

Im Spaß habe ich mal zu einem Freund aus Deutschland gesagt, dass ich "wahrscheinlich der letzte britische Europäer" bin. Diese Bemerkung aus dem Jahr 2009 könnte ich heute so nicht wiederholen, da die Leute denken würden, dass ich mit meinen proeuropäischen und föderalistischen Ansichten den Bezug zu britischen Positionen verloren habe. Selbst politisch interessierte Freunde lachen, wenn ich europapolitische Themen anspreche, als hätte ich zu lange Pariser Luft eingeatmet und wäre mit einem seltsamen, esoterischen Interesse zurückgekehrt.

Heute verwende ich stattdessen einen erfundenen Ausdruck und sage, dass ich "euro-interessiert" bin, um mich von verkürzten Definitionen und schlecht informierten Diskussionen abzusetzen, die eine Debatte über die EU in Großbritannien verhindern. Auch wenn ein Referendum erst in einigen Jahren ansteht, kristallisiert sich heraus, dass es nur zwei Arten gibt, über Europa zu sprechen - Austritt oder Verbleib.

Der Kern des britischen Argwohns gegenüber der EU liegt darin, dass man sie als unnötigen, bürokratischen Angriff auf die englische Souveränität empfindet. Die allgemeine Antwort, die europäische Einigung habe dem Kontinent "Frieden und Wohlstand" gebracht, gilt in einem Land, das sich als Garant für Frieden in Europa sieht, nicht viel. Stattdessen wird die EU als "fremde" Erfindung wahrgenommen, die Joghurt und Käse beim Mittagessen in den Schulen verbietet und britische Unternehmen gängelt. Bei dieser Wahrnehmung der EU ist es nicht verwunderlich, dass in Großbritannien über den Austritt statt über die Zukunft Europas diskutiert wird, wie das im übrigen Europa der Fall ist.

Seit Januar 2013 besteht die Strategie von David Cameron darin, ein Referendum "bis spätestens 2017" zu versprechen und sich für einen Verbleib in der EU auszusprechen, wenn es zugleich Reformen gibt. Auf die jüngste Aufforderung aus Berliner Politikkreisen, zu sagen, "was wir wollen", kann ich nur antworten, dass Premierminister Cameron noch die entscheidenden Zugeständnisse finden muss, die die Briten überzeugen würden, für einen Verbleib in der EU zu stimmen. Ich befürchte, dass es auf einen verhandelten Austritt hinauslaufen wird.

Eine ausgewogene Debatte über Europa ist unmöglich

Die Rede von Angela Merkel im britischen Parlament wird wahrscheinlich als letzte proeuropäische Rede in Erinnerung bleiben, die in diesem prachtvollen Gebäude gehalten wurde. Doch sie hat auch nicht dazu beigetragen, eine ausgewogene Debatte über die EU zu ermöglichen. Merkels Warnung, dass diejenigen, die von ihr erwarteten, den "Weg für eine grundlegende EU-Reform auf Basis britischer Wünsche" zu ebnen, "enttäuscht sein werden", lieferte den Journalisten den erforderlichen Beleg, Camerons Werben für einen Verbleib in der EU als Totgeburt zu bezeichnen.

In einem Leitartikel der Daily Mail hieß es, dass "mit deprimierender Vorhersagbarkeit ... die schamlos föderalistische Frau Merkel Plattitüden über Reformen abgeliefert hat." Der Economist schrieb, Camerons Strategie sei auf die Unterstützung von wichtigen Verbündeten wie Deutschland, Frankreich, die Niederlande oder Polen angewiesen, um eine grundlegende Reform durch multilaterale Verhandlungen zu garantieren.