Anschlag auf Kirche in Frankreich Kann eine Fußfessel einen Terroristen aufhalten?

Anschlag trotz Fußfessel: Ein Polizist steht vor der Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray Wache.

(Foto: dpa)

Trotz elektronischer Überwachung überfiel Adel K. mit einem Komplizen eine Kirche in Nordfrankreich und ermordete einen Pfarrer. Auch in Deutschland wird über den Nutzen der Fußfessel debattiert.

Von Barbara Galaktionow und Paul Munzinger

Zweimal hat Adel K., einer der beiden Männer, die am Dienstag eine Kirche in Nordfrankreich stürmten und einen Pfarrer ermordeten, versucht nach Syrien auszureisen. Zweimal scheiterte er. Der erste Versuch endete im März 2015 in Deutschland, K. war erst 17 Jahre alt. Nur zwei Monate später brach er wieder auf, erst in der Türkei wurde er aufgehalten und zurück nach Frankreich gebracht. Die Ermittler glaubten, dass er sich in Syrien dem sogenannten Islamischen Staat anschließen wollte, er kam in Untersuchungshaft. Nach zehn Monaten, am 18. März dieses Jahres, wurde er entlassen.

In einer vom Gericht angeordneten Untersuchung, aus der Le Monde zitiert, gab sich K. geläutert. Er sei kein Extremist und bereue seine Ausreiseversuche. Er wolle sein Leben wieder aufnehmen, seine Freunde wiedersehen, heiraten. Der zuständige Richter glaubte ihm - anders als die Staatsanwaltschaft, die ein großes Risiko in K.s Freilassung sah. Selbst dessen Eltern gaben an, ihren Sohn lieber eingesperrt, aber lebendig zu wissen, als frei und auf dem Weg nach Syrien. Doch der Richter hielt die Gefahr, die von K. ausgeht, für beherrschbar. Er gab dem Antrag auf Entlassung aus der Untersuchungshaft statt.

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K. kehrte in das Haus seiner Eltern zurück, allerdings unter strengen Auflagen. Einmal wöchentlich musste er sich bei der Polizei melden, das Departement durfte er nicht verlassen, er musste sich einer psychologischen Behandlung unterziehen. Und er musste eine elektronische Fußfessel tragen. In Frankreich ermöglicht diese Maßnahme, Freiheitsstrafen zu verbüßen, ohne eingesperrt zu sein oder, wie in K.s Fall, eine Untersuchungshaft in Hausarrest umzuwandeln. Die Fußfessel schlägt Alarm, wenn ihr Träger das Haus verlässt - mit Ausnahme eines kurzen Zeitfensters, das der Richter festlegt. K. konnte an Wochentagen von halb neun am Morgen bis halb eins am Mittag das Haus seiner Eltern verlassen.

Wieder ein Anschlag in Frankreich, wieder eine Sicherheitsdebatte

Genau in dieses Zeitfenster fiel der Überfall auf die Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray nahe Rouen. Um 9:25 Uhr, während der Morgenmesse, drangen der mittlerweile 19 Jahre alte K. und ein noch nicht identifizierter Komplize mit Messern bewaffnet in die Kirche ein. Die beiden Männer, die der IS später als seine "Soldaten" bezeichnete, nahmen sechs Geiseln und ermordeten den 85-jährigen Pfarrer Jacques Hamel. Als Polizisten einer französischen Spezialeinheit die Angreifer erschossen, war es etwa elf Uhr.

Knapp zwei Wochen nach dem Anschlag in Nizza mit 84 Toten hat der Terror Frankreich erneut getroffen. Und wieder zieht der Anschlag binnen kürzester Zeit eine heftige Sicherheitsdebatte nach sich. Ging und geht es nach Nizza darum, wie viel (oder wenig) Unterstützung die kommunale Polizei aus Paris erhielt, stellt sich das Land nach dem Angriff auf die Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray nun erneut die seit eineinhalb Jahren diskutierte Frage: Wie weit darf der Staat im Kampf gegen den Terror gehen?

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Nur so weit, wie der Rechtsstaat erlaubt, erklärte Präsident François Hollande nach dem Anschlag von Saint-Etienne-du-Rouvray kategorisch. Sein Vorgänger Nicolas Sarkozy, der seit Monaten ein härteres Vorgehen gegen Terrorverdächtige fordert, geht zumindest rhetorisch bereits darüber hinaus: "Unser Feind kennt keine Tabus, keine Grenzen, keine Moral. Wir müssen unerbittlich sein." Die Zeit, sich durch "juristische Spitzfindigkeiten" einzuschränken, sei vorbei. Die Fußfessel wird aus dieser Sicht zum Symbol eines Staates, der dem Terrorismus nicht mit der nötigen Entschlossenheit begegnet.