Anschläge in Norwegen Detailliertes Tagebuch

Breivik beschreibt vom 2. Mai 2011 an in tagebuchartigen Sequenzen, wie er die Anschläge in dem Bauernhof, der sich "2 bis 2,5 Stunden von der Hauptstadt entfernt" befindet, geplant hat. Laut Handelsregister sollte Breivik hier Gemüse, Melonen und Rüben anbauen - in Wahrheit diente die "Geofarm" als Tarnung, um sechs Tonnen Kunstdünger zu kaufen, der als Sprengstoff genutzt werden kann. Meist ist er nach eigenen Angaben mit seinem geleasten Fiat Doblo unterwegs.

Am 13. Juni gelingt ihm an einem entlegenen Ort der erste erfolgreiche Test mit den Sprengkörpern: "BOOM! The detonation was successful!!!:-)". Breivik zwingt sich, ein paar Stunden abzuwarten. Er besucht ein Restaurant, bevor er die Auswirkungen der Explosion begutachtet. Er ist zufrieden und schreibt: "Heute war ein sehr guter Tag, diesen Erfolg habe ich wirklich gebraucht".

In den 1516 Seiten finden sich auch Schilderungen, wie er am 14. Mai den Eurovision Song Contest verfolgt: "I just love Eurovision...!:-)" Die Emoticons aus der Internetsprache verwendet Breivik öfter. Der Wettbewerb, der dieses Jahr in Düsseldorf stattfindet, biete zwar "eine Menge Scheißmusik, aber alles in allem ist es eine gute Show."

Ein gutes Abschneiden Norwegens wünscht er sich nicht: Für die Skandinavier singt Stella Nyambura Mwangi. Sie wurde in Kenia geboren und kam 1991, noch als Kind mit ihrer Familie nach Norwegen. Breivik schreibt enttäuscht: "Mein Land schickt wie immer einen beschissenen, politisch korrekten Teilnehmer." Der Beitrag endet mit dem Satz: "In any case, I hope Germany wins."

Sollte er mit dem Attentat scheitern und entkommen, so schreibt Breivik an anderer Stelle, könne er sich auch vorstellen, im Ausland für eine Sicherheitsfirma zu arbeiten, um dort in kürzester Zeit viel Geld zu verdienen, um die Schulden zurückzuzahlen.

In dem Manuskript interviewt sich Breivik auch selbst. Seine Operationen habe er alleine geplant und zur Sicherheit mit niemandem darüber geredet. Der Attentäter beschreibt seine Kindheit mit vier Halbschwestern - er habe zu viel Freiheit bekommen. Ein ehemaliger Schulkamerad sagte hingegen im Fernsehen, Breivik sei einer der Starken gewesen, die den Schwachen halfen. "Er ist blond, blauäugig und kalt wie Eis", beschreibt ihn dagegen ein Vernehmungsbeamter. Der 32-Jährige sei "aus dem Nichts" aufgetaucht und vorher noch nie polizeilich aufgefallen.

Fan von Immanuel Kant, Adam Smith und klassischer Musik

Im Internet hinterlässt Breivik neben dem voluminösen Manifest noch weitere sorgfältig inszenierte Visitenkarten: Die Profile unter seinem Namen bei Facebook und dem Kurznachrichtendienst Twitter sind erst am 17. Juli entstanden. Auf Twitter steht nur dieser Satz des Philosophen John Stuart Mill: "Eine einzelne Person mit einer Überzeugung ist so mächtig wie Hunderttausende, die nur Interessen verfolgen."

In der Öffentlichkeit will Breivik als konservativer Christ gesehen werden. Der Facebook-Seite zufolge, die zwar vom Betreiber gelöscht, aber von der Netzgemeinde gesichert wurde, hat er ein Osloer Handelsgymnasium besucht. Er gehe gerne jagen, spiele "Worlds of Warcraft". Als Idole nennt er den britischen Premierminister Winston Churchill (1874-1965) und Max Manus (1914-96) - Widerstandskämpfer während der Zeit der deutschen Besetzung Norwegens. Das Profil outet ihn als Liebhaber klassischer Musik, Kants "Kritik der reinen Vernunft" und Adam Smiths "Der Wohlstand der Nationen".

Deutlicher sind die nationalistischen Einträge unter dem Namen Anders B. Breivik auf der islamkritischen Internetseite document.no: Wortgewandt teilt er in den schon älteren Einträgen die Welt in kulturkonservative Menschen und Multikulturalisten, die eine "anti-europäische Hassideologie" vertreten. Ihr Ziel sei es, die europäische Kultur, die Nationalstaaten und das Christentum zu zerstören.

Menschenverachtendes Denken

Darauf geht Breivik in seinem "Manifest" detailliert ein. Er listet Rezepte zur Herstellung von Sprengstoffen und Chemikalien auf. Ein Foto zeigt Breivik mit Schutzanzug und Gasmaske beim Hantieren mit Chemikalien. Dem norwegischen Fernsehsender NRK zufolge hat Breivik als Mitglied in einem Osloer Pistolenklub zwei registrierte Waffen. Auf einem weiteren Foto trägt er einen Taucheranzug, hält ein Sturmgewehr - auf dem Arm ein Aufnäher mit den Worten "Marxist Hunter Norwegen - Erlaubnis zur Jagd von Multi-Kulti-Verrätern".

Das menschenverachtende Denken Breiviks wird in seinen Schriften ständig sichtbar, etwa wenn er jene Verkleidung andeutet, mit der er auf die Ferieninsel Utøya fuhr. Am 21. Juli, einen Tag vor dem Attentat, notiert er: "Erste Kostümparty des Herbstes. Kleide dich wie ein Polizist und trage die entsprechenden Abzeichen. Es wird fantastisch, denn die Leute werden sehr überrascht sein."

Der vergangene Freitag ist der 82. Tag, an dem Breivik seine Gedanken notiert. Er betont, dass das alte Sprichwort "Wenn du etwas erledigt haben willst, dann musst du es selbst tun" für ihn weiterhin gilt. Dann tippt er in den Computer: "Ich glaube, dies wird mein letzter Eintrag sein. Es ist jetzt Freitag, der 22. Juli, 12:51 Uhr."

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