Altkanzler Lammert: "Kohl war bisweilen eine außergewöhnlich sture Persönlichkeit"

  • Der Altkanzler war im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim gestorben.
  • "Wir verdanken es wesentlich ihm, dass sie heute Realität ist, die friedliche Einheit unseres Landes in einem freien und befriedeten Europa", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert.
  • Lammert ging in seiner Rede auch subtil auf die Kontroverse um die Trauerfeier ein, indem er die Wichtigkeit des Bundestages beim Gedenken an Kohl betonte.

Der Bundestag hat des nach langer Krankheit gestorbenen Altkanzlers Helmut Kohl gedacht. "Wir verdanken es wesentlich ihm, dass sie heute Realität ist, die friedliche Einheit unseres Landes in einem freien und befriedeten Europa", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) zu Beginn der Parlamentssitzung in Berlin. "Kohl bewies 1989 eine Weitsicht, die im Westen vielen bereits abhandengekommen war", sagte er weiter.

An der Würdigung Kohls im Bundestag nahmen auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie die Alt-Bundespräsidenten Joachim Gauck und Horst Köhler in der ersten Reihe der Zuschauertribüne teil. Lammert nannte ihn mit Blick auf seine diplomatischen Verdienste bei der Wiedervereinigung "die personifizierte vertrauensbildende Maßnahme der Weltpolitik".

Kein Bundeskanzler war bisher länger im Amt als Kohl, der Deutschland von 1982 bis 1998 regierte. Der Altkanzler war im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Ludwigshafen-Oggersheim gestorben.

Letzte Ehrung, letzte Feindschaft

Ein europäischer Trauerakt für Helmut Kohl wäre eine wunderbare Idee - wäre sie nicht aus dem Motiv geboren, frühere Gegner als Redner auszuschließen. Kommentar von Heribert Prantl mehr ...

Lammert: Gedenken an Kohl nicht nur Familienangelegenheit

Für den 1. Juli ist ein bisher einmaliger europäischer Trauerakt im Europaparlament in Straßburg geplant. Nach einer anschließenden Totenmesse im Dom zu Speyer wird Kohl auf einem Friedhof in der Stadt beigesetzt. Seit Tagen gibt es eine Kontroverse darüber, dass es auf Wunsch von Kohls Witwe Maike Kohl-Richter keinen zusätzlichen nationalen Staatsakt für Kohl geben wird.

Lammert ging in seiner Rede subtil auf diese Sachlage ein, indem er die Wichtigkeit des Bundestages beim Gedenken an Kohl betonte: "Es versteht sich von selbst, dass die Würdigung für Kohl, bei allem Respekt, nicht nur eine Familienangelegenheit ist."

Lammert erinnerte auch an die Niederlagen und Schwächen des Altkanzlers. "Kohls Weg säumten nicht zuletzt Verletzungen - die er selbst erlitt und die er anderen zufügte", sagte er. Zum Beispiel Kohls Spendenaffäre 1999: "Manche Fehler räumte Kohl selbst ein. Dass sein Abschied nach dem Verlust der Regierungsverantwortung auch aus der aktiven Politik so wurde, wie es in der Formulierung seines Biografen Hans-Peter Schwarz die Umstände der 'kreativen Verschleierung von Parteispenden' am Ende erzwangen, hängt wieder mit der außergewöhnlichen, bisweilen auch außergewöhnlich sturen Persönlichkeit Kohls zusammen."

Lammert beendete seine Rede mit der Aufforderung an alle Abgeordneten und Besucher, sich für eine Schweigeminute zu erheben.

Das Ringen um den angemessenen Abschied

Balanceakt zwischen Politik, Angehörigen und letztem Willen des Verstorbenen: Warum es so kompliziert ist, die öffentliche Trauer für Helmut Kohl zu organisieren. Von Nico Fried, Berlin mehr...