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Abschied von Helmut Kohl:Letzte Ehrung, letzte Feindschaft

Ein europäischer Trauerakt für Helmut Kohl wäre eine wunderbare Idee - wäre sie nicht aus dem Motiv geboren, frühere Gegner als Redner auszuschließen.

Kommentar von Heribert Prantl

Es ist nicht gut, dass es keinen deutschen Staatsakt gibt. Es ist nicht gut, dass nun die Unversöhnlichkeit über den Tod hinaus dauert. Es ist nicht gut, dass der tote Altkanzler seine Gegner dadurch düpiert, dass er sich ihretwegen einer letzten staatlichen Ehrung in Deutschland verweigert.

Es wäre dem großen Kanzler zu wünschen gewesen, dass er noch die Größe und Kraft gehabt hätte, sich über den Grimm, Groll und Hass gegen die, die er für seine Feinde hielt, zu erheben. Es wäre ihm zu wünschen gewesen, dass er sich noch mit seinen Söhnen hätte versöhnen können.

Nun liegt über den Totenfeierlichkeiten auch etwas archaisch Tragisches. Es ist, als handelte es sich um ein Stück von Aischylos, dem ältesten der großen Dichter der griechischen Tragödie. Es ist wie eine deutsche Orestie.

Kohl fühlte seit dem Jahr 2000 einen heiligen Zorn gegen Frank-Walter Steinmeier. Steinmeier war Kanzleramtsminister unter Kohls Nachfolger Gerhard Schröder. Steinmeier hat damals die Sonderermittlungen wegen der sogenannten Bundeslöschtage führen lassen, wegen des Vorwurfs also, Kohl & Co. hätten vor der Amtsübergabe in großem Stil Akten vernichten lassen.

Wirklich geklärt wurde die Sache nie; eine systematische Aktenvernichtung hat es wohl nicht gegeben, aber es blieben heikle Akten verschwunden. Und es blieb der Zorn des Helmut Kohl auf Steinmeier - der nun dahin führt, dass der nunmehrige Bundespräsident nicht an der Spitze eines Staatsakts für Kohl stehen soll.

Ein europäischer Staatsakt wäre eine originelle, wunderbare Idee, wäre sie nicht aus dem Motiv geboren, frühere Gegner als Redner auszuschließen. Einem anderen Staatsmann wäre es womöglich Genugtuung gewesen, dass ein früherer Gegner ihn ehren muss.

Auf dem europäischen Trauerakt liegt ein Schatten

Aber so war Kohl nicht; er war überschwänglich in seiner Freundschaft, unmäßig in seiner Feindschaft. Im Laufe seines politischen Lebens wurde er ein Mensch, der überall Undankbarkeit und Verschwörung witterte; das reichte von seinen Söhnen bis hin zu Wolfgang Schäuble.

Ein Staatsakt ist der Moment, in dem ein Toter noch einmal mehr Macht und Präsenz hat als alle Versammelten. Die Feierlichkeiten hätten der Ort sein können, hinauszuwachsen über Feindschaften. Wie es aussieht, haben Kohl und seine Witwe diese bestätigt. Das ist der Schatten, der auf dem europäischen Staatsakt liegt. Es ist ein halber Akt, es fehlt die deutsche Hälfte.

Im alten Rom wurden zum Angedenken Münzen geprägt. Vorne war ein Bild des toten Herrschers, daneben stand "pater patriae", Vater des Vaterlandes; auf der Rückseite: "Felicium temporum reparatio", ein Lobpreis auf die "Wiederherstellung glücklicher Zeiten". So eine Münze würde man Kohl gönnen, dem Mann, der den Euro erfunden hat.

Was in Rom oft nur ein heuchlerischer Spruch war, wäre bei Kohl berechtigt: "Wiederherstellung glücklicher Zeiten" ist eine Wertung, die dem Einheitskanzler zusteht. Abseits des Politischen gilt dieser Satz leider nicht. Das gehört zur Tragik seines großen politischen Lebens.

© SZ vom 21.06.2017
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