Alt-Bundespräsident Weizsäcker "Wir sind ein gutes Vorbild"

Richard von Weizsäcker glaubt nicht, dass Deutschland sich zum neuen Hegemon in Europa aufschwingen wird. Die Bundesrepublik habe aus der Vergangenheut gelernt, so der Alt-Bundespräsident im Gespräch mit der SZ. Die Brüsseler Institutionen hält er aber für ein Problem.

Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist Befürchtungen entgegengetreten, Deutschland könne ein neuer Hegemon in Europa werden. "Die Deutschen haben auf hartem Weg, in zwei europäischen Kriegen, gelernt, dass hegemoniales Denken diesem Kontinent nicht guttut", sagte Weizsäcker der Süddeutschen Zeitung. "So wenig wie Deutschland seine Geschichte umdeuten kann, so wenig wird es eine Zukunft alleine für sich definieren können."

Ein gemeinsames Europa werde dringend benötigt, sagte Weizsäcker, allerdings seien die Voraussetzungen unterschiedlich. "Der Weg in Richtung Europa war eine Aufgabe für europäische Nationen. Großbritannien und Frankreich waren Nationen mehr als hundert Jahre vor uns. Wir spürten immer nur, dass wir zwar durch Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft für Gegenwart und Zukunft dieses Kontinents eine wichtige Rolle zu spielen hatten. Aber anders als Frankreich und Großbritannien haben wir keine Tradition als Nation." Selbst einen Anspruch auf Führung habe Deutschland nicht: "Wir sind nach der Vereinigung, nach der Überwindung der Teilung in keiner Weise scharf darauf, nun eine Art von Führungsrolle zu übernehmen."

Deutschland können aber denjenigen Teilen der EU, die auf Hilfe angewiesen sind, diese auch anbieten. "Wir sind ein gutes Vorbild etwa durch unseren Mittelstand - aber das heißt nicht, dass wir eine Führungsrolle in diesem Europa anstreben und dafür besonders geeignet wären."

Eine besondere Verantwortung habe Deutschland auch für den Osten des Kontinents. "Es bleibt die Aufgabe, an eine europäische gemeinsame Politik zu denken, an den Ostteil Europas - das ist eine uns Deutschen wirklich zufallende Aufgabe, die auch gelöst werden kann. Wann etwa schaffen wir die Instrumente, die unsere europäische Hauptaufgabe erzwingt: die gemeinsame Außenpolitik, die gemeinsame Sicherheit?"

Europa, so Weizsäcker weiter, müsse "europäische Institutionen zur Lösung unserer gemeinsamen Probleme schaffen. Diese Institutionen müssen wir so gestalten, dass wir gar nicht in Versuchung kommen, über nationale Lösungen nachzudenken."

Die Brüsseler Institutionen erfüllten derzeit nicht die "Aufgaben, die wir in Europa gemeinsam machen sollen". Deutschland müsse sich "mit Ländern, die wir brauchen und hoch achten, besser beraten, was wir in Brüssel wirklich bewegen wollen. Es ist höchste Zeit für ein ernstes Gespräch. Wir müssen das mit London zustande bringen. Und jeder Aufruf zur Zusammenarbeit aus Paris muss dankbar und mit offenen Ohren aufgenommen werden."

Europa mache ihm Sorgen, bekannte der 93-Jährige. "Aber ohne solche Sorgen geht es ja auch nicht vorwärts."

Richard von Weizsäcker saß für die CDU im Bundestag und amtierte als Regierender Bürgermeister von Westberlin, bevor er 1984 zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Nach einer Wiederwahl schied er 1994 aus dem höchsten Staatsamt aus.

Das vollständige Interview mit Richard von Weizsäcker lesen Sie in der Mittwoch-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung und in der Digitalen Ausgabe. Das Gespräch ist Teil einer sechsseitige Europa-Beilage, die in Kooperation mit El País (Madrid), The Guardian (London), Gazeta Wyborcza (Warschau), La Stampa (Turin) und Le Monde (Paris) entstanden ist.

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