Zugleich aber wird das Evangelium inmitten einer Weinkultur verkündet. Das Abendmahl ist ein Trinkritual, das den Kirchenvätern der Spätantike einige Erklärungskunst abverlangte, wenn sie gegen die Besäufnisse der Heiden als Ausdruck spätrömischer Dekadenz wettern wollten.

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Jesus ärgert sich am Vorabend der Kreuzigung im Garten Gethsemane über die schlafenden Jünger, die vom letzten Abendmahl kommen und vom Wein schläfrig sind; doch es ist auch der Heiland selbst, der das Gleichnis vom Weinberg erzählt und sich bei der Hochzeit von Kana als wundersamer Weinproduzent betätigt. Allerdings war das eine Hochzeit, und von einer Hochzeitsparty fährt man ja vernünftigerweise auch nicht mit dem Auto nach Hause ...

"Gestraft mit diesem Saufteufel"

Während nun der Katholizismus seine spezielle Doppelmoral mit seinen bierbrauenden Mönchen entwickelte, hat der Protestantismus sein eigenes schwankendes Verhältnis zum Thema.

Martin Luther hat in einer Predigt über den 1. Petrusbrief in drastischen Worten das "Säuleben" seiner Landsleute gegeißelt: So sei "Deutschland ein arm gestraft und geplagtes Land mit diesem Saufteufel, und gar ersäuft in diesem Laster, dass es sein Leib und Leben und dazu Gut und Ehre schändlich verzehret".

Absolute Enthaltsamkeit predigte (und lebte) Luther aber keineswegs; was formelhaft unter dem Etikett "nüchterner Protestantismus" läuft, bezieht sich auf eine Demutshaltung und die Innerlichkeit des Gewissens, verdankt sich aber hinsichtlich des Alkohols eher den calvinistischen und puritanischen Verschärfungen des Protestantismus.

Die reformerischen Erweckungsbewegungen seit dem 18. Jahrhundert gingen immer auch mit Abstinenzbewegungen einher, im protestantischen Norden Europas und von dort mächtig ausstrahlend nach Amerika. Dieser fromme Antialkoholismus, der auch die Arbeiterbewegung erfasste, hat bis heute Spuren in der Gesetzgebung hinterlassen.

Mit solcher Null-Toleranz-Politik aber hat der Protestantismus auch das vom Saufteufel gestellte Versuchungsproblem radikalisiert - und so der Geschichte und Literaturgeschichte den versoffenen Pastor des Nordens geschenkt. Immer wieder taucht diese Figur auf, das schönste literarische Denkmal indes hat ihr wohl Selma Lagerlöf mit ihrem 1891 erschienenen Erstlingsroman "Gösta Berling" gesetzt.

Inspiration den Weines

Der Pastor des Titels "hatte sich derartig dem Trunk ergeben, dass er mehrere Wochen hindurch sein Amt nicht mehr hatte versehen können", und so wird er im ersten Kapitel des Romans seines Amtes im hohen Norden Schwedens enthoben, worauf er sich auf eine vagabundierene Sinn- und Liebessuche begibt (1924 verfilmt mit Greta Garbo).

Während seines letzten Gottesdienstes denkt sich dieser Gösta Berling: "Freilich hatte er getrunken, aber wer hatte ein Recht, ihn deswegen anzuklagen? (...) Seiner Meinung nach war er gerade so ein Pfarrer gewesen, wie sie ihn verdienten. Sie tranken ja alle. Weswegen sollte er der einzige sein, der sich Zwang antat?

Der Mann, der seine Gattin begraben hatte, betrank sich beim Leichenschmaus; der Vater, der sein Kind zur Taufe gebracht hatte, hielt hinterher ein Saufgelage. Die Gemeinde trank auf dem Heimweg von der Kirche, so dass die meisten berauscht waren, wenn sie zu Hause anlangten. Für die war ein versoffener Pfarrer gut genug."

Der Bischof, der Gösta Berling in Lagerlöfs Roman trotzdem wegen seines Trinkens entließ, sah das anders. Und auch für Margot Käßmann war die Kraft des Anspruchs, dass die geistliche Inspiration des Glaubens in einem prominenten Kirchenamt nicht von der fleischlichen Inspiration des Weines ersetzt werden darf, zu stark, zumal sie mit der Gefährdung anderer verbunden war. Nun wird sie an weniger verantwortlicher Stelle im Weinberg des Herrn arbeiten müssen.

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(SZ vom 25.02.2010/liv)