Alkohol in der Fastenzeit: Auch nach kirchlichen Maßstäben war das Verhalten von Margot Käßmann nicht in Ordnung. Dabei hat die Figur des "versoffenen Pastors" durchaus Tradition.
Die Häme ist schwer zu unterdrücken: Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, die in der Afghanistan-Debatte als strenge Moralapostelin wahrgenommen wurde, setzt sich am Samstag nach Aschermittwoch sturzbetrunken ans Steuer ihres Dienstwagens und fährt über Rot.
Bild vergrößern
(© Foto: AP)
Anzeige
Allerdings muss erst einmal im Sinne der protestantischen Laienpriesterschaft betont werden, dass nach christlichem Verständnis wir alle Sünder sind und daher auch geistlichen Amtsträgern die Vergebung ihrer Sünden gewährt werden kann. "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein" - das schadenfrohe Zeigen auf die Verfehlungen des anderen, das eigene Vollkommenheit unterstellt, ist pharisäisch.
Entsprechend hat gerade die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann, die geschieden ist und krebskrank war, ihre menschlichen Schwächen und Anfechtungen immer wieder offen ausgestellt.
Der automatische Impuls, nach dem Fehltritt den Rücktritt zu fordern, gehört insofern zunächst nicht der kirchlichen, sondern der politischen Sphäre an, wo man von öffentlichen Führungspersönlichkeiten "Konsequenzen" verlangt - ein Reflex, der sich in diesem Fall gewiss dadurch noch verstärkt hat, dass Käßmann häufig selbst mehr im Stil einer politischen als einer religiösen Führungsfigur aufgetreten ist.
Nicht zuletzt diesem eher politisch-medialen Selbstverständnis ist es wohl geschuldet, dass sie nun so prompt von ihrem Amt zurückgetreten ist, anstatt erst einmal ein paar Tage abseits der Bild-Zeitung zu beten, die Bibel zu lesen und sich selbst zu prüfen.
Verkneifen wir uns also die naheliegenden Witze - aus tiefem Glas schrei' ich zu Dir oder so etwas. Gleichwohl ist die folgenreiche Alkoholfahrt von Hannover auch nach kirchlichen Maßstäben eine krasse Erschütterung eines hohen moralischen Anspruchs.
Käßmanns Vollrausch fällt in die Fastenzeit. Das Fasten vor Ostern ist - das scheint vielen Kommentatoren entgangen zu sein - den Protestanten zwar gar nicht als Pflicht auferlegt; so heißt es in Luthers und Melanchthons Apologie zum Artikel 15 der Augsburgischen Konfession: "Gott will, dass wir allzeit nüchtern und mäßig leben, und wie die Erfahrung gibt, so helfen dazu nicht viele Fasttage."
Fasten als antikapitalistische Askese
Aber die Kirche, der Käßmann bis Mittwoch vorstand, hat sich das Fasten, also eine typische Praxis altgläubiger Werkgerechtigkeit, in den letzten Jahren immer mehr zu eigen gemacht - vom Wunsch getragen, die Ent-Ritualisierung im Protestantismus auszugleichen und ein Bedürfnis nach lebensreformerischer Sinnsuche und antikapitalistischer Askese zu befriedigen.
Daran nun musste sich eine EKD-Ratsvorsitzende in der Passionszeit messen lassen. Käßmann wurde am Samstag spätabends von der Polizei angehalten: da war schon seit Mittwoch Fastenzeit. Und am verkaterten Morgen nach dem Vergehen, also am Sonntag, der im Kirchenjahr Invokavit heißt und die Versuchung zum Bösen zum Thema hat, wurde offiziell die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche eröffnet: "7 Wochen ohne".
Die mitteilsame Bischöfin hat zudem in der Fastenzeit des vergangenen Jahres dem Online-Sportmagazin achim-achilles.de, das mit Spiegel Online kooperiert, ein Interview gegeben, in dem sie sagte: "Fasten bringt eine Chance für einen neuen Blick auf das Leben und unsere Welt mit sich. Es geht um eine Konzentration auf das, was wirklich wichtig ist im Leben." Auf die Nachfrage des Magazins "Worauf verzichten Sie gerade?" antwortete sie: "Ich verzichte auf Alkohol." Nun ja.
Geist statt Alkohol
Alkohol und Religion haben seit jeher ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits hängen Kult und Rausch, Gottesdienst und Fest, Spiritualität und Spiritus religionsgeschichtlich in vielen Kulturen zusammen. Andererseits gibt es auch eine traditionelle Assoziation von Heiligkeit und Abstinenz, ob im alten China, bei Zarathustra oder im Islam.
Im Christentum jedoch ist dieser Widerspruch nie bis zum Letzten ausgetragen. So warnt im Neuen Testament der Apostel Paulus in seinen Briefen an die verlotterten Städte der Mittelmeerwelt zornig vor den "Werken des Fleisches", zu denen die Trunkenheit gehört, die von der wahren Inspiration des Glaubens zu unterscheiden sei: "Und saufet euch nicht voll Wein, daraus ein unordentlich Wesen folgt, sondern werdet voll Geistes", heißt es im Epheserbrief.
In gleicher Weise verwahrt sich der Apostel beim Pfingstwunder gegen den Vorwurf der Zaungäste, die lallenden Christen seien "voll des süßen Weins": Nein, nicht betrunken seien sie, sondern der Heilige Geist sei in sie gefahren.
Lesen Sie auf Seite 2, wie Martin Luther es mit dem "Saufteufel" hielt und was Margot Käßmann in Zukunft im Weinberg des Herren tun wird.
Im Video: Nach dem Rücktritt der EKD-Ratsvorsitzenden Käßmann gibt es gemischte Reaktionen auf die Entscheidung der Bischöfin.
Weitere Videos finden Sie hier
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Zoff im Bundesgerichtshof: Eine Personalie führt zu heftigen Verwerfungen – die Akte Karlsruhe. Seite Drei Jetzt lesen ...
Lohnzettel auf Facebook
Parteispender 2010
Putin, der "Alpha-Rüde"
Politiker und ihre Pannen
Ist Margot Käßmann vom Saufteufel besessen? War sie bei ihrer Alkoholfahrt "sturzbetrunken"?
Herr Schloemann will uns das einreden. Er übertreibt und spitzt zu, um sich wichtig und Frau Käßmann verächtlich zu machen. Dazu das Großfoto: Das Abendmahl als Trinkritual. Niemand soll künftig den Kelch in den Händen einer Pfarrerin sehen, ohne an die "sturzbetrunkene" Frau Käßmann zu denken.
Ist das noch seriöser Journalismus? Schäbig, schäbig!
Ich verdiene mein Geld auch mit öffentlicher Darbietung meiner Gedanken, meiner Ansichten und meiner Person. Ich weiss deshalb unter welchen Bedingungen manch spritziger, tiefsinniger und sogar dekorierter Medienbeitrag in das Keybord oder über den Sender kommt. Die Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen wissen es sowieso auch. So sollte neben manchem Beitrag aus Gründen journalistischer Ethik besser eine Promilleanzeige stehen, gerade zum Thema Drogenge- und mißbrauch, speziell Alkohol. Dann könnten wir Leser und Leserinnen wenigstens befreit lachen. Und mancher / manche müßte sich beim Schreiben nicht so quälen und andröhnen....
Und zur traurigen Geschichte der Margot Käßmann: Sie wurde erwischt. Schlimm. Dadurch hat die evangelische Kirche eine Gallionsfigur verloren - aber eine Vollblutpfarrerin zurückbe-kommen. Glückwunsch! Und wir, die wir noch nicht erwischt wurden? Deshalb hat sich bei den meisten von uns auch nichts geändert. Stimmts?
Nach der neuen Lesart wird vieles als Kommunismus abgetan, obwohl es dazu keine vernünftige Erklärung gibt. Besonders, wenn man den Duktus verschiedener Leute hört oder liest. Um es ganz deutlich zu sagen, eine Differenzierung wird für die breite Masse nicht gewünscht!
antikapitalistisch bedeutet nicht automatisch kommunistisch und schon gar nicht "Kommunismus" in der Gestalt, wie er überall auf der Welt als dikatorische Staatsform einer Nomenklatura schief gegangen ist. Da sollte man schon noch differenzieren können und nicht solche "puritanische" Wortreiterei betreiben, wie Sie gerade.
:-)
Im Artikel bezieht sich "antikapitalistisch" offensichtlich auf die Reaktion auf den gegenwärtigen Trend, das solidarische, demokratische Gesellschaftsmodell unseres Landes zunehmend rein kapitalistisch auszurichten.
Wie schön ist es doch, dass Herr Schloeman den Lesern beibringen kann, dass Askese antikapitalistisch ist. Somit war Jesus wahrscheinlich der erste Kommunist und die Moslems sind es heute noch. Wie ein gebildeter Mensch solchen Unsinn schreiben kann, ist mir schleierhaft. Über den Vergleich zwischen Calvinisten und Lutheranern will ich gar nicht erst sprechen.
Paging