Der US-Präsident steht wegen seiner Afghanistan-Strategie unter Druck. Amerika-Experte Braml über Obamas Zwänge - und die Folgen für Deutschland.
Den Friedensnobelpreis hat US-Präsident Barack Obama bereits in der Tasche, vom Frieden in Afghanistan ist er als Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte aber noch weit enfernt. In seiner Heimat gerät Obama in der Diskussion über die künftige Strategie in Afghanistan zunehmend in Bedrängnis. Republikaner und führende Militärs setzen US-Präsident Barack Obama unter Druck und fordern weitere 40.000 Soldaten. Viele Demokraten dringen auf einen Kurswechsel - und fordern, Truppen abzuziehen. Josef Braml rechnet deshalb mit zusätzlichen Anforderungen an Europa und Deutschland. Braml ist Amerika-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und beschäftigt sich insbesondere mit der Außen- und Sicherheitspolitik der USA, den transatlantischen Beziehungen und den innenpolitischen Faktoren amerikanischer Außenpolitik.
US-Präsident Barack Obama möchte die Last des Afghanistan-Einsatzes mehr auf die Schultern der Verbündeten verteilen. Besonders Angela Merkel könnte da gefragt sein, glaubt der Amerika-Experte der DGAP, Josef Braml. (© Fotos: AFP, AP, Montage: sueddeutsche.de)
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sueddeutsche.de: US-Präsident Barack Obama hat den Friedensnobelpreis bekommen. Welchen Einfluss könnte diese Auszeichnung auf seine Außenpolitik haben - besonders im Hinblick auf den Krieg in Afghanistan?
Josef Braml: Keine. Der Preis wird sich nicht auf das Kalkül des Präsidenten und besonders nicht auf das der Senatoren und Kongressabgeordneten auswirken. Die Vergabe an Obama ist eine Geste der Hoffnung, aber die Realität und der politische Alltag ist eine andere Sache.
sueddeutsche.de: In den USA tobt weiter ein Streit über die richtige Strategie für Afghanistan. Wie wird sich der Präsident hier verhalten?
Braml: Die Situation ist verfahren. Viele Afghanistan-Experten in den USA sind sich uneinig über die richtige Strategie. Der US-Kommandeur in Afghanistan, Stanley McChrystal, hat sich weit aus dem Fenster gelehnt mit seinen lautstarken öffentlichen Forderungen nach mehr Soldaten. Ein ähnliches Verhalten hat seinem Vorgänger den Job gekostet. Verteidigungsminister Robert Gates hat erst vorsichtig eine Truppenreduzierung für möglich gehalten, hält sich jetzt aber wieder alle Optionen offen. Und Obamas Vize Joe Biden spricht sich dafür aus, mit weniger Soldaten einen Anti-Terror-Krieg gegen al-Qaida vor allem in Pakistan zu führen. Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass die Amerikaner auch nicht so recht wissen, was die optimale Strategie ist. Obama wird wohl die Zahl der Truppen leicht erhöhen - und das nicht lange durchhalten können.
sueddeutsche.de: Warum?
Braml: Obama bekommt große Schwierigkeiten mit seinen Parteifreunden, vor allem mit den gewerkschaftsnahen Demokraten. Die fordern, das Geld nicht in Kriege am anderen Ende der Welt zu stecken, sondern für soziale Belange einzusetzen. Obamas zentrales innenpolitisches Projekt, die Gesundheitsreform, engt den Handlungsspielraum des Präsidenten enorm ein.
sueddeutsche.de: In welcher Hinsicht?
Braml: Zum einen geht es um Aufmerksamkeit und Erwartungen, die sind nicht zu unterschätzen. Von Obama wird vor allem erwartet, dass er sich um die Probleme in Amerika kümmert. Er wurde nicht gewählt, weil die Menschen ihn für den besten Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte hielten. Das hätten die Amerikaner auch John McCain zugetraut. In den USA leben 45 Millionen Menschen ohne Gesundheitsversicherung, weitere 30 Millionen sind unterversichert. Mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit steigt neben der wirtschaftlichen auch die soziale Unsicherheit. Die Betroffenen sind zu einem Gutteil Obamas Wähler - und für sie muss er Ergebnisse erzielen. Das andere Problem sind die Ressourcen. Die Wirtschaftsförderprogramme und Gesundheitsreform kosten viel Geld, und manche Haushaltsexperten, darunter auch fiskalkonservative Demokraten, warnen schon jetzt, dass das Defizit aus dem Ruder gelaufen ist.
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Jetzt gilt es - so wie das Bush und seine Reps schon vorgemacht haben - internationales und nationales Recht höflich, aber bestimmt beiseite zu schieben und wieder zum guten alten Faustrecht zurückzukehren.
Die deutsche Schwesterpartei der Reps, die CDU, wird sowieso verlässlich mitmachen. Und inzwischen fallen ja auch die SPD, die Grünen u. die FDP vor Ehrfurcht auf den Bauch, wenn die USA etwas fordern. Egal, was das internationale und nationale Recht dazu sagen.
Gegen Ende wird Herr Braml fast zynisch: sprach er ein paar Seiten zuvor noch davon, dass Deutschland ja gar keine Wahl habe, sich in Afghanistan stärker zu engagieren, wenn es auf internationaler Ebene mitreden möchte, heisst es nun, wir bräuchten eine Debatte.
Aha, eine Debatte brauchen wir. Hört, hört. Ja, sagt Breml. So wie die vorbildlichen Amerikaner (und nicht so wie die sturen Deutschen, die als Europäer eh' noch zu sehr in den Denkmustern des Kalten Krieges stecken.). Nur daß die Amerikaner mit ihrer scheinheiligen Debatte seit 8 Jahren in einem von ihnen entfesselten, völkerrechtswidrigen Krieg stecken:
Die Anschläge vom 11. September konnten niemals als Vorwand dazu dienen, einen anderen Staat zu überfallen. Denn die Anschläge wurden von Individuen verübt, die keinem nationalen Interesse dienten. Genau das war ja auch der Grund für Guantanamo und die Weigerung, Gefangenen den Status von gefangenen Soldaten zuzubilligen. Weil eine Behandlung der Gefangenen nach Genfer Konvention diese zu offiziellen Soldaten eines anderen Landes gemacht hätte. Aus den Kampfhandlungen gegen Terroristen, zufällig ausgeführt auf dem Boden eines fremden Staates, hätte die Genfer Konvention einen offiziellen Krieg gegen eben diesen Staat gemacht.
Genau dieses Bild wollte die Bush Administration vermeiden und hat es auch erfolgreich geschafft. Nur muss man sich darüber klar sein, dass man es hier mit einem quasi-staatlichen Rachefeldzug der Amerikaner zu tun, der m.E. nicht den Bündnisfall der Nato nach sich zieht. Von daher ist es ganz gut, wenn man sich gelegentlich daran erinnert, wozu die Nato gegründet wurde.
Dieser Krieg ist nicht der Krieg Deutschlands. Wir brauchen keine Debatte über diesen Krieg. Die Amerikaner sollen sehen, wie sie sich aus dem Schlamassel, den sie angerichtet haben, wieder befreien. Allenfalls um Geld (natürlich gegen entsprechende Zinsen) sollten sie ihre Bundesgenossen bitten dürfen.