Afghanische Asylsuchende Die vergessenen Flüchtlinge

Ein Flüchtling aus Afghanistan wartet vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin.

(Foto: AFP)
  • Die Eroberung von Kundus rückt Afghanistan wieder stärker in den Fokus, nachdem der Konflikt dort in den vergangenen Jahren von Syrien überschattet zu werden schien.
  • Experten warnen, dass mit dem Vormarsch der Taliban auch mehr afghanische Flüchtlinge nach Europa kommen werden. Schon im August 2015 waren sie die drittgrößte Gruppe unter den Asylbewerbern in Deutschland.
  • Obwohl ihre Fluchtgründe genauso berechtigt sind, haben Afghanen es im Asylverfahren deutlich schwerer als Syrer: Bei ihnen wird das Dublin-Verfahren weiterhin angewandt, fast ein Drittel wird ins Erstaufnahmeland abgeschoben.
  • Und sie müssen lange warten: Bei Afghanen dauert ein Asylverfahren im Schnitt knapp 19 Monate, bei Syrern im Schnitt vier Monate.
Von Julia Ley

Als die deutschen Soldaten im Oktober 2013 aus Kundus abzogen, wurde der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière fast ein bisschen pathetisch: "Auch wenn die Bundeswehr Kundus heute verlässt: Vergessen werden wir diesen Ort niemals." Jetzt, zwei Jahre später, zeigt sich, dass eben das passiert ist.

Niemand schien vorbereitet auf das Wiedererstarken der Taliban, die vor zwei Tagen die ehemalige Bundeswehr-Basis Kundus erobert haben. Schlagartig rückte Afghanistan wieder ins Scheinwerferlicht, Außenminister Steinmeier und Verteidigungsministerin von der Leyen denken nun laut darüber nach, den Abzug aus Afghanistan zu verzögern.

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Nach 14 Jahren NATO-Einsatz sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch. Für die Menschen im Land ist das verheerend. 2015 ist schon jetzt das blutigste seit 2001. Täglich sterben im Durchschnitt neun Zivilisten, schreibt die Zeitung Die Welt. Die anhaltende Gewalt treibt viele in die Flucht, auch nach Deutschland.

"Es fehlt jede Hoffnung"

Schon jetzt stellen die Afghanen die zweigrößte Gruppe unter den Flüchtlingen, die über das Mittelmeer nach Europa fliehen. Jeden Monat verlassen etwa 100 000 Menschen das Land, 70 000 von ihnen sind in diesem Jahr schon in Europa angekommen. Wesentlich mehr seien "auf dem Weg dorthin", sagt Richard Danziger, Chef der Afghanistan-Mission der Internationalen Organisation für Migration im Gespräch mit der Welt.

Trotz des Ausmaßes dieser Krise hört man in Deutschland kaum etwas über die Not der Afghanen - dabei sind viele Menschen dort nicht weniger verzweifelt als ihre Leidensgenossen in Syrien. "Das größte Problem ist, dass in Afghanistan jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft fehlt", sagt Michael Semple, Afghanistan-Experte der Queen's University in Belfast.

Man kennt die Horrorgeschichten der Taliban-Herrschaft aus den 90er-Jahren: Frauen mussten Burka tragen, durften nicht zur Schule gehen und wurden öffentlich gesteinigt. Jede Vergnügung, selbst das Hören von nicht-religiöser Musik, war verboten. So sei das heute nicht mehr, sagt Semple. "Die Taliban haben ihre Strategie geändert."

Heute litten die Menschen nicht mehr in erster Linie unter den religiösen Einschränkungen, sonder unter der Gewalt, mit der die Kämpfer echte oder vermeintliche Feinde verfolgten. Wer in Verdacht gerate, mit der Regierung oder ausländischen Militärs zu kollaborieren, würde schnell als "Spion" gebrandmarkt, sagt Semple. Selbst niedrigrangige Kommandeure könnten diese "Spione" hinrichten lassen. Meist geschehe das ohne Verfahren und ohne jegliche Beweise. Konsequenzen müssten die Verantwortlichen nur selten befürchten.

Doch Semple sagt auch noch etwas anderes: "Die Menschen fliehen heute nicht mehr nur vor den Taliban, sie fliehen vor Afghanistan." Selbst in Regionen, die von der Zentralregierung verwaltet werden, herrschten Korruption und Klientelpolitik vor. Besonders verheerend sei auch dort das Fehlen jeglicher Rechtssicherheit. Menschen würden willkürlich für Dinge verhaftet, die sie nicht getan haben. Oft müssten sie dann horrende Summen zahlen, um sich freizukaufen. Und was noch schlimmer sei: "Wenn jemand wirklich etwas verbrochen hat, aber die richtigen Kontakte hat, geht er wahrscheinlich straffrei aus." Hinzu komme, dass aufgrund der fehlenden Sicherheit kaum jemand in Afghanistan investieren wolle. Beides zusammen führe dazu, "dass vor allem viele junge Afghanen keinerlei Zukunft mehr in ihrem Land sehen."

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