Abschuss des Fluges MH17 über der Ostukraine Diese Indizien sprechen für Separatisten als Täter

Der prorussische Separatistenführer und Regierungschef der selbst ausgerufenen Volksrepublik Donezk, Alexander Borodai (Mitte), steht in der Nacht an der Absturzstelle der Maschine von Malaysia Airlines

(Foto: Dominique Faget/AFP)

Wer ist schuld? Prorussische Separatisten stehen im Verdacht, das MH17 abgeschossen zu haben. Als Beleg dienen Kiew angeblich abgehörte Telefonate und Einträge der Separatisten in sozialen Netzwerken. Doch es gibt auch Zweifel.

Von Hannah Beitzer

Die in der Ukraine abgestürzte Boeing der Malaysia Airlines kann nach Ansicht von Experten nur von einer hochkomplexen Waffe abgeschossen worden sein. US-Medien zitieren ranghohe Regierungsoffizielle und Geheimdienstmitarbeiter, wonach ein Radarsystem kurz vor dem Absturz eine abgefeuerte Boden-Luft-Rakete in der Region erfasst haben soll. Der New York Times zufolge ist die Maschine von einer russischen Rakete der SA-Serie abgeschossen worden. Kiew verbreitet nach dem Unglück Indizien, wonach prorussische Separatisten für den Absturz verantwortlich sind. Belastbare Beweise jedoch fehlen. Auch US-Geheimdienste gehen dem Sender CNN zufolge davon aus, dass die Rebellen für das Unglück verantwortlich sind. Eine offizielle Bestätigung gab es für den Bericht, der sich auf einen anonymen Geheimdienstmitarbeiter stützt, vorerst nicht. Was für die These spricht, was dagegen - ein Überblick.

Haben die Separatisten die nötigen Waffen?

Die prorussischen Kräfte bestreiten, dass sie Waffensysteme besitzen, um Flugzeuge in dieser Höhe abzuschießen. Sie beschuldigen die ukrainische Armee, für das Unglück verantwortlich zu sein. Auch das russische Verteidigungsministerium schließt sich der Lesart an, dass nur die ukrainische Armee, nicht aber die Rebellen, in Besitz der nötigen Raketensysteme sei. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass die Rebellen von Russland aus mit Waffen beliefert werden. Vor einigen Tagen wurde zudem über einen Twitterkanal, der den Separatisten zugeordnet wird, ein Foto eines angeblich aus dem Bestand der ukrainischen Armee erbeuteten Raketensystems zur Flugzeugabwehr veröffentlicht - und kurze Zeit später wieder gelöscht.

Das Wall Street Journal meldet jedoch Bedenken an: Selbst wenn die Rebellen ein Raketensystem erbeutet hätten, so sei es unwahrscheinlich, dass sie in kurzer Zeit gelernt hätten, es zu bedienen. "Das ist kein System, das man einfach in die Hand nehmen und benutzen kann", zitiert die Zeitung einen Experten. Auch der Guardian schreibt, dass es für die Bedienung der Anlage Spezialisten brauche - deutet jedoch an, dass diese durchaus in der Ostukraine sein könnten. Schon seit Ausbruch der Krise gibt es Hinweise auf russische Spezialkräfte, die über die Grenze ins Land kämen und die Separatisten unterstützten. Der russische Präsident Wladimir Putin gestand nach der Annexion der Krim freimütig ein, dass russische Soldaten in der Zeit des russischen Referendums vor Ort waren - obwohl er die Anwesenheit der sogenannten "grünen Männchen" zuvor wochenlang bestritten hatte.

Kiew: Spur führt nach Moskau

Der ukrainische Generalstaatsanwalt Witali Jarema widerspricht der Darstellung, die Rebellen hätten ein funktionsfähiges Raketenabwehrsystem von der ukrainischen Armee erbeutet. Nach offiziellen Angaben aus Kiew hatten die Separatisten zwar im Juni eine Buk-Anlage erobert, die allerdings nicht funktionsfähig gewesen sei. Aus Sicht der Ukraine führt die Spur nach Russland. Demnach soll von dort ein Buk-System mit Raketen und Bedienpersonal in die umkämpfte Ostukraine gebracht worden sein. Nach Darstellung des ukrainischen Verteidigungsministeriums hatte die eigene Luftwaffe am Tag des Absturzes selbst keine Abwehrsysteme vom Typ Buk oder auch Kampfbomber im Einsatz. Die Anlagen würden während der "Anti-Terror-Operation" gegen die prorussischen Kräfte in der Ostukraine nicht eingesetzt. Es habe keinen einzigen Start einer Rakete gegeben, teilte das Ministerium weiter mit. Dem wiederum widerspricht nun Russland: Zumindest die Radaranlage des Flugabwehrsystems sei in Betrieb gewesen.

Angeblich zwei ukrainische Militärflugzeuge abgeschossen

In den vergangenen Tagen sollen bereits zwei ukrainische Militärflugzeuge von russischem Territorium aus abgeschossen worden sein: Der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine hat wenige Stunden vor dem Absturz erklärt, ein Kampfflugzeug vom Typ Suchoi Su-25 sei am Mittwoch durch eine russische Rakete abgeschossen worden, als es "seinen Dienst über dem Gebiet der Ukraine" erfüllte. Russland wies diese Behauptung zurück. Bereits am Montag hatte das ukrainische Militär dem Nachbarland vorgeworfen, eine Transportmaschine vom Typ Antonow An-26 abgeschossen zu haben.

Separatisten brüsten sich mit Abschuss von Flugzeug

Der in Amsterdam gestartete Flug MH17 befand sich gerade über der Region um Donezk, als das Flugzeug um 15:20 Uhr (MESZ) vom Radar verschwand. Nur 17 Minuten später soll der Verteidigungsminister der von den Separatisten ausgerufenen "Volksrepublik Donezk", Igor Strelkow, auf der russischen Internetplattform VKontakte geschrieben haben: "Wir haben gerade eine An-26 abgeschossen" - ein Transportflugzeug aus sowjetischer Produktion, das auch im Dienst der ukrainischen Luftwaffe steht. Neben dem Eintrag auf dem sozialen Netzwerk war Videomaterial zu sehen, das stark den Aufnahmen vom Absturzort der malaysischen Maschine ähnelte. Zudem stand dort, das von den Rebellen abgeschossene Flugzeug sei nahe einer Kohlemine namens "Progress" niedergegangen - unweit der Absturzstelle von MH17. Der Eintrag wurde kurze Zeit später wieder gelöscht. Die ukrainische Armee hatte den Post da aber schon aufgezeichnet und in einer englischsprachigen Übersetzung an die Presse weitergeleitet. Strelkow sagt inzwischen, die Nachrichten über den Absturz sei gar nicht von ihm gewesen - in Wahrheit sei Kiew für den Abschuss verantwortlich.

Angebliche Telefonmitschnitte weisen auf Separatisten

Der ukrainische Geheimdienst SBU hat nach eigenen Abgaben kurz nach dem Absturz Telefongespräche zwischen prorussischen Rebellen und einem Angehörigen des russischen Militärs mitgehört. Angebliche Aufnahmen davon kursieren seitdem im Internet. Dort sagt einer der Abgehörten: "Es waren die Jungs von der Straßensperre Tschernuchin, die das Flugzeug abgeschossen haben, Major." In einem zweiten Anruf erklärt eine Stimme - angeblich nach der Inspektion der Absturzstelle -, dass das abgeschossene ein ziviles Flugzeug sei und dass es zahlreiche Tote gebe. Die Frage nach Waffen an Bord verneint der vermeintliche Separatist. Ob die Aufnahmen echt sind, lässt sich jedoch nicht überprüfen.

Mit Material von dpa und afp.