Abgestürzter Flug MH17 "Washington Post": Russland lieferte Rebellen Raketensystem

OSZE-Beobachter und Journalisten erkunden den Unglücksort mit den Leichensäcken, während ein bewaffneter Separatist Wache hält.

(Foto: REUTERS)

Die US-Regierung hat laut einem Zeitungsbericht Hinweise darauf, dass Separatisten in der Ostukraine Waffen aus Russland erhielten. Nach dem Absturz des malaysischen Passagierflugzeugs soll das Raketensystem wieder über die Grenze geschafft worden sein.

  • Russland soll laut einem US-Zeitungsbericht Separatisten in der Ostukraine Raketensystem geliefert haben.
  • OSZE-Mission beklagt chaotische Zustände und Einschüchterung am Absturzort des Fluges MH17 der Malaysia Airlines.
  • Fluggesellschaft bietet Kunden weitreichende Umbuchungen und Stornierungen an.
  • Großbritannien kritisiert Russland wegen mangelnder Unterstützung bei der Aufklärung des Absturzes.

Russland soll Separatisten Raketensystem geliefert haben

Nach Informationen der Washington Post haben die Separatisten in der Ostukraine von Russland das Flugabwehrsystem Buk erhalten, das zum Abschuss der Boeing der Malaysia Airlines mit der Flugnummer MH17 genutzt wurde. Anschließend seien die verbliebenen Raketen wieder auf russisches Territorium geschafft worden, berichtete die Zeitung unter Berufung auf einen nicht namentlich genannten US-Regierungsvertreter. Die US-Geheimdienste hätten vor etwa einer Woche Hinweise darauf erhalten, dass die Boden-Luft-Raketen den prorussischen Separatisten zur Verfügung gestellt worden seien, heißt es in dem Bericht weiter. Der ukrainische Geheimdienstchef Witali Najda habe berichtet, dass eine Batterie des Systems mit einer fehlenden Rakete am Freitag früh die Grenze nach Russland überquert habe. "Wir nehmen an, dass sie dabei sind, die Beweise für ihr Tun zu beseitigen", sagte ein US-Regierungsvertreter überdies dem Wall Street Journal. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte dementiert, dass die prorussischen Separatisten von Russland aus militärisch unterstützt werden.

OSZE-Beobachter beklagen chaotische Zustände am Absturzort

Die Untersuchungen am Absturzort der malaysischen Passagiermaschine mit 298 Menschen an Bord werden den Ermittlern erschwert. Die Experten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) seien auch bei ihrer zweiten Inspektion des Absturzortes bei jedem Schritt von bewaffneten und zum Teil maskierten Männern verfolgt worden, berichtete Sprecher Michael Bociurkiw am Samstagabend aus Donezk.

Bei ihrem ersten Anlauf am Freitagnachmittag mussten sich die internationalen Beobachter auf Geheiß der prorussischen Separatisten, die die Gegend kontrollieren, zurückziehen. Entgegen der OSZE-Forderung blieb das Trümmerfeld nicht unberührt. Augenzeugen berichteten gar von Diebstählen: Separatisten sollen Kreditkarten, Schmuck und Bargeld der Opfer entwendet haben.

Um die Arbeit der eigentlichen Spezialisten am Absturzort vorbereiten zu können, bräuchten die OSZE-Mitarbeiter Bewegungsfreiheit und eine Atmosphäre der Ruhe. Beides sei nicht gegeben. Auf Seiten der Aufständischen fehle es zudem an Ansprechpartnern. "Es gibt dort keinen eindeutigen Befehlshaber", sagte Bociurkiw. Das erschwere auch die Suche nach den beiden Flugschreibern der Boeing. Es sei unklar, wo sich die Geräte befinden. "Niemand kann das beantworten. Das ist ein sehr, sehr großes Rätsel."

Separatisten vermelden mehr als 190 eingelagerte Todesopfer

Die Leichen von Insassen des Passagierflugzeugs werden offenbar in Eisenbahn-Kühlwaggons aufbewahrt. Dort würden sie bleiben, bis klar sei, was mit ihnen geschehen solle, sagte der hochrangige Rebellenvertreter Sergej Kawtaradse der Nachrichtenagentur Reuters. Nach Separatistenangaben wurden bislang 196 Tote entdeckt. Sie seien alle in die Kühlwaggons geladen worden, so Kawtaradse.

OSZE-Beobachter inspizierten laut Reuters in Begleitung von Separatisten die Wagen, die sich an einem etwa 15 Kilometer von der Absturzstelle entfernten Bahnhof befinden. Zu sehen gewesen seien Leichensäcke, die man aber nicht habe zählen können, sagte der stellvertretende Leiter des OSZE-Einsatzes, Alexander Hug. Ein AFP-Reporter berichtet unterdessen, dass am Absturzort keine Leichen mehr zu sehen seien. Auch die bewaffneten Separatisten, die das Gebiet zunächst kontrolliert und abgeriegelt hatten, schienen nicht mehr vor Ort zu sein.

Malaysia Airlines bietet Kunden Umbuchungen und Stornierungen an

Nach dem mutmaßlichen Abschuss von MH17 hat Malaysia Airlines ihren Kunden weitreichende Umbuchungs- und Stornierungsmöglichkeiten eingeräumt. Das Angebot gelte für alle Destinationen, erklärte die Fluggesellschaft. Außerdem werde die Flugnummer MH17 "aus Respekt" vor der Crew und den Passagieren zurückgezogen. Die täglichen Flüge von Amsterdam nach Kuala Lumpur liefen von nun an unter der Flugnummer MH19, hieß es.

Der Absturz der MH17 folgt nur kurz auf ein anderes Unglück der Airline in diesem Jahr: Am 8. März war die Maschine mit der Flugnummer MH370 und 239 Menschen an Bord verschwunden und wurde seither nicht gefunden. Die Fluggesellschaft verzeichnete im ersten Quartal 2014 Verluste von etwa 100 Millionen Euro.

Merkel, Cameron und Hollande drohen Putin mit schärferen Sanktionen

Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident François Hollande und der britische Premierminister David Cameron haben Moskau mit einer Verschärfung der EU-Sanktionen gedroht. Der russische Präsident Wladimir Putin müsse umgehend Druck auf die moskautreuen Rebellen in der Ostukraine ausüben, damit diese den ungehinderten Zugang zur Absturzstelle von Flug MH17 ermöglichten, erklärten der Élyséepalast und die britische Regierung nach Telefonaten. "Bei beiden Anrufen ging es um zwei wichtige Fragen: Den Zugang zur Absturzstelle und die Haltung der EU zu Russland in Anbetracht der Tatsache, dass alles darauf hindeutet, dass die Rakete von prorussischen Separatisten abgeschossen wurde", sagte ein Sprecher der britischen Regierung. Ein Sprecher des Bundespresseamtes bestätigte lediglich, dass die Kanzlerin mit Cameron und Hollande telefoniert hat, konnte zu den Inhalten aber zunächst nicht Stellung nehmen.

Fatale Routenplanung

Fluggesellschaften stecken in einem Dilemma: Einerseits sollen sie eine kurze, kostengünstige Route wählen. Andererseits halten sie sich an die Restriktionen von diversen Organisationen. Bei der Einschätzung der Sicherheitslage müssen sie sich auf lokale Behörden verlassen - im Fall von MH17 mit fatalen Folgen. Von Jens Flottau mehr ...

Australien hat bei den 15 Mitgliedern des UN-Sicherheitsrates indes einen Resolutionsentwurf zum Absturz von MH17 in Umlauf gebracht. Damit soll der mutmaßliche Abschuss der Passagiermaschine verurteilt werden. Außerdem werden die Separatisten demnach aufgefordert, den Zugang zur Absturzstelle zu ermöglichen. An die Staaten der Region soll zudem die Aufforderung ergehen, bei der internationalen Untersuchung des Falls zu kooperieren. Diplomaten zufolge könnte bereits am Montag über die Resolution abgestimmt werden.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat unterdessen zwei Experten in die Ukraine entsandt, die sich an der Untersuchung beteiligen sollen. Der Direktor der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU), Ulf Kramer, und ein weiterer Mitarbeiter des Instituts seien am Sonntagmittag Richtung Unglücksstelle aufgebrochen, teilte ein Ministeriumssprecher in Berlin mit.

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