20. Februar 2012 15:26 Protokoll des Machtkampfs Schwarz-gelber Ringkampf bis 21:17 Uhr

Ein dramatischer Tag, der einen überraschenden Triumphator hervorbrachte: Das Ergebnis der sonntäglichen Verhandlungen lässt FDP-Chef Rösler als Sieger und Merkel als Verliererin dastehen. Weil Rösler hart blieb und die Kanzlerin Gauck verhindern wollte, blickte Schwarz-Gelb in den Abgrund. Die Chronologie einer erstaunlichen Kandidatensuche.

Von Peter Blechschmidt, Michael Bauchmüller, Nico Fried, Susanne Höll und Robert Roßmann

Da sitzen sie nun also. Aufgereiht und aufgekratzt. Die Grünen Cem Özdemir und Claudia Roth, SPD-Chef Sigmar Gabriel, und dann: Joachim Gauck. Es ist ihr Kandidat, der jetzt plötzlich der Kandidat aller sein soll. Es ist ein Auftritt nicht ohne Schadenfreude. "Die Überschrift könnte lauten: Ende gut, alles gut", sagt Gabriel. Schließlich hatten doch Grüne und SPD Gauck schon einmal vorgeschlagen, bei der letzten Bundesversammlung - aus der nicht Gauck, sondern Christian Wulff als Sieger hervorging.

"Ich bin sicher, dass inzwischen alle die nicht erfolgte Wahl von Joachim Gauck bedauern", sagt Gabriel. Es ist ein Satz, der weh tun soll, der Union, der FDP. Doch die anderen lassen sich nichts anmerken. Alle wollen nun Einigkeit demonstrieren.

Dabei hatten die Chefs der Oppositionsparteien noch nichts geahnt von dieser großen Allianz, als sie eine Stunde zuvor in das Kanzleramt einfuhren. Alles sah nach einem handfesten Krach aus um den künftigen Bundespräsidenten. Jetzt aber sitzt dort Philipp Rösler, der FDP-Chef - der sich zuvor unversehens auf die Seite Gaucks geschlagen hatte.

Er sagt: "Joachim Gauck ist ein guter Kandidat, und wir sind fest überzeugt, er wird auch ein guter Bundespräsident." Oder CSU-Chef Horst Seehofer, der Gauck gleich "das Vertrauen der CSU, und auch das Vertrauen der Bayern" ausspricht - obwohl es in der CSU lange nach diesem Vertrauen nicht aussah.

Und Angela Merkel. "Ich bin sicher, dieser Mann kann uns wichtige Impulse geben für die Herausforderungen unserer Zeit", sagt sie. Die Kanzlerin bringt es fertig, in einem Satz Nähe und Distanz gleichermaßen unterzubringen, als sie sagt: Die persönliche Freiheit "ist das zentrale Thema Gaucks - und das ist es auch, was mich, bei aller Verschiedenheit, mit ihm verbindet". Merkel hat Gauck immer gemocht.

Aber sie ist so sehr Politikerin, dass sie nicht sicher war, ob auch er politisch genug sein würde. Einen Quereinsteiger hatte sie in Horst Köhler schon geholt. Der lief davon 2010. Gauck ist in gewisser Weise das Gegenteil Köhlers, kein Ex-Beamter, ein freier Denker. Trotzdem: Auch er bleibt ein Quereinsteiger.

Es ist das Ende eines dramatischen Tages. Eines Sonntages, an dem die schwarz-gelbe Koalition in den Abgrund geschaut hat. An dem SPD und Grüne sich mit zwei Jahren Verspätung als Sieger sehen dürfen. Sie hatten die Idee des Kandidaten Gauck 2010 geboren. Und es ist ein Tag, an dem es einen Triumphator gibt: den FDP-Chef Philipp Rösler.

Er hat sich gegen Angela Merkel durchgesetzt. Mit einer Härte, die selbst die eigenen Leute ihm wohl nicht zugetraut hätten. Natürlich gibt er sich alle Mühe, diesen Triumph nicht öffentlich auszukosten. Aber ein wenig aufgekratzt wirkt er schon.

Am Beginn dieses Dramas nach Christian Wulffs Rücktritt am Freitag steht Angela Merkels Wort von der Suche nach einem gemeinsamen Kandidaten. Das Vorhaben kommt bis Sonntagnachmittag nicht recht voran. Es fehlt schon an Gemeinsamkeit in der schwarz-gelben Koalition.

Am Freitagabend hatten sich die Parteichefs Merkel (CDU), Horst Seehofer (CSU) und Philipp Rösler (FDP) nur Stunden nach Wulffs Rücktritt erstmals zusammengesetzt; in einer zweiten Runde am Samstag waren die Fraktionschefs Volker Kauder (CDU) und Rainer Brüderle (FDP) sowie CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt dazugekommen. Die selbe Sechser-Truppe traf sich am Sonntag erneut - und zwar zu einer Begegnung, die dazu dienen sollte, "innerkoalitionäre Verspannungen zu lösen", wie es ein Koalitionär formulierte.

Zu diesem Zeitpunkt waren mindestens vier potentielle Kandidaten bereits aus dem Spiel, unter ihnen in Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle und Bundestagspräsident Norbert Lammert die Chefs zweier Verfassungsorgane. CSU-Chef Seehofer erzählte freimütig, Voßkuhle sei gefragt worden, habe aber abgesagt.

Ob auch Lammert gefragt wurde, darüber gibt es unterschiedliche Berichte, fest steht, dass er nicht zur Verfügung steht und von der SPD auch abgelehnt worden wäre. Ebenso abgelehnt wurde Wolfgang Schäuble, dessen Chancen Merkel bei der SPD zumindest noch einmal eruierte. Den früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Wolfgang Huber, lehnte wiederum die FDP frühzeitig hochoffiziell ab.

Je länger die Sitzung der Sechser-Gruppe im Kanzleramt dauerte, desto mehr Dynamik kam plötzlich in die Angelegenheit - nur ganz anders als erwartet: Im Laufe des Sonntags geriet die FDP immer weiter in die Rolle des Verhinderers. Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth und Ex-Umweltminister Klaus Töpfer lehnten die Liberalen ab, weil damit ein schwarz-grünes Signal verbunden sei, so wurde es von Freund und Feind der Liberalen verbreitet. Als eigener Vorschlag der FDP wurde bis dahin nur der frühere Außenminister Klaus Kinkel kolportiert. Von Gauck keine Rede.

Die FDP-Spitze musste also zumindest ins Kalkül ziehen, dass Union und die rot-grüne Opposition sich über die Liberalen hinweg verständigen würden, was einem Misstrauensvotum Merkels gegenüber dem Koalitionspartner gleichkäme. Gegen 15 Uhr wurde die Sitzung im Kanzleramt unterbrochen - und FDP-Chef Philipp Rösler drehte nun den Spieß um: Er überzeugte sein Parteipräsidium in einer Telefonkonferenz, sich für Gauck auszusprechen.

"Wir werben in der Koalition sehr für Gauck", hieß es anschließend aus der FDP-Spitze. "Er ist besonders geeignet, ein überparteiliches Signal zu setzen, das dem Amt Würde, Respekt und politische Autorität zurückgibt." Es war eine Volte, die nun die Union überraschte.

Kurz darauf lehnte die CDU-Spitze Gauck ab. In einer Schaltkonferenz wurde zwar die Persönlichkeit des früheren DDR-Widerständlers gewürdigt, aber auch moniert, sein thematisches Spektrum sei zu schmal. Natürlich spielt aber wohl auch das Argument eine Rolle, dass mit einem Votum für Gauck das Eingeständnis verbunden wäre, sich 2010 für den "falschen" Kandidaten entschieden zu haben. Für Christian Wulff käme die Wahl Gaucks mit den Stimmen von Koalition und Opposition ohnehin fast einer Demütigung gleich.

So sah es am Sonntagnachmittag plötzlich nicht besonders gut aus für Angela Merkel. In einer SPD-Schaltkonferenz gegen 17 Uhr war die Stimmung dagegen umso besser. Die Sozialdemokraten beschlossen, am Kandidaten Gauck festzuhalten. Sollte die Koalition sehen, wie sie ihre Probleme löste.

Entweder die FDP fiele wieder um, dann würde man eben weiter verhandeln. Oder aber die Liberalen blieben hart, dann stünde die Kanzlerin alleine da. Würde sie es hinnehmen, dass SPD, Grüne und FDP Gauck zum Bundespräsidenten machten? Einen Koalitionsbruch konnte sie dafür jedenfalls nicht riskieren.

Ihr Wort vom Freitag, mit der Opposition einen gemeinsamen Kandidaten suchen zu wollen, drehte sich nun beinahe gegen sie. Um 20 Uhr wollte sich die Koalition mit SPD und Grünen treffen. Doch die Begegnung verzögerte sich. Die Union rang mit der FDP, doch Philipp Rösler machte deutlich, dass er nicht nachgeben werde. Die Union rang mit sich, Merkel auch. Um kurz nach 20 Uhr sickerte durch: Sie gibt nach. Die Sitzung im Kanzleramt konnte beginnen. Sie dauerte nicht mehr lang. Um 21.17 Uhr schlägt Merkel Gauck als Kandidaten offiziell vor. Als gemeinsamen Kandidaten.