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Kür des Präsidenten Gauck:Wie Rösler die P-Frage entschied

Erst sperrte sich die Union gegen Gauck. Dann drohte ausgerechnet der schwache FDP-Chef Rösler mit dem Bruch der schwarz-gelben Koalition: Der Fünf-Parteien-Konsens in der Präsidentenfrage kam nur unter höchstem Druck zustande. Wie der harmonische Auftritt am Sonntagabend tatsächlich zu verstehen ist.

Thorsten Denkler, Berlin

Er ist gerade in Berlin gelandet, sitzt im Taxi vom Flughafen in die Stadt, da ruft die Kanzlerin an. Angela Merkel hat eine Nachricht für ihn. Er soll Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland werden. Er - Joachim Gauck, Pastor, Bürgerrechtler in der DDR, ehemals Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde und gescheiterter rot-grüner Präsidentschaftskandidat 2010. Diesmal, knapp 20 Monate später, wird er auch ein schwarz-gelber Präsidentschaftskandidat sein. Überparteiliche Unterstützung, das wollte er, das bekommt er nun. Joachim Gauck wird an diesem Sonntag, 19. Februar 2012, zwei Tage nach dem unrühmlichen Abgang von Christian Wulff, der offizielle Kandidat von CDU, CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und - was noch zu beleuchten ist - FDP.

Gegen 21:15 Uhr sitzt er neben Angela Merkel im Pressesaal des Bundeskanzleramtes. Links von ihm die Vorsitzenden von Union und FDP, rechts von ihm die Chefs von SPD und Grünen. Merkel stellt den Kandidaten so nüchtern vor, wie sie es immer macht. Keine Aufregung. Sie hat ihr Kernziel erreicht: einen Kandidaten zu finden, der von allen getragen wird. Gauck hätte es nach ihrem Geschmack nicht unbedingt sein müssen. Zu sehr erinnert seine Nominierung daran, dass sie, Merkel, noch vor zwei Jahren den nunmehr schmählich gescheiterten Christian Wulff gegen Gauck hatte aufstellen lassen.

Jetzt sagt Merkel, nach "intensiven Abwägungen" sei der gemeinsame Kandidat eben Gauck. "Intensive Abwägungen" trifft es nicht ganz. Die Personalie hatte die schwarz-gelbe Koalition am Nachmittag fast an den Rand des Bruchs gebracht. Merkel und ihre CDU hatten sich lange gegen Gauck gesperrt. FDP-Chef Philipp Rösler wollte Gauck durchsetzen.

Gauck war der Joker der Liberalen, und Rösler ging auf volles Risiko. Er forderte den Kandidaten offenbar um jeden Preis: Entweder wird dieser Mann Präsident, oder es wird bedenklich eng für diese Koalition. Merkel entschied sich für Gauck. Vermutlich auch, weil man in Europas aktueller Krise eine deutsche Regierungskrise wegen einer solchen Personalie nicht gebrauchen kann.

Merkel lobt Gauck am Abend dann bei "aller Verschiedenheit" so: Mit ihm verbinde sie sein Drang nach Freiheit und der Kampf gegen das Vergessen. Gauck sei ein "wahrer Demokratielehrer" geworden. Worauf Gauck später sagt, dass sich seine "Tätigkeit als reisender Politiklehrer ja jetzt nicht grundsätzlich verändert".

SPD und Bündnisgrüne sind von der Entscheidung für Gauck mitgerissen worden - ihnen bleibt kaum mehr, als die Regierungsparteien leicht gönnerhaft für die späte Einsicht in die präsidiale Güte des Kandidaten zu loben. SPD-Chef Sigmar Gabriel kommentiert grinsend: "Die Überschrift könnte lauten 'Ende gut, alles gut'." Er sei sicher, dass "inzwischen alle die nicht erfolgte Wahl von Joachim Gauck bedauern", und spielt damit auf den Wahlkrimi 2010 an. Die Spitze gegen Merkel sitzt. Genau so etwas wollte sie eigentlich verhindern. Grünen-Chefin Claudia Roth sagt einfach: "Sie sehen, wir freuen uns sehr." Das sei ein wichtiger, ein ganz historischer Moment. Gauck werde einen anderen Stil haben, er könne "dem gesprochenen Wort einen ganz wunderbaren Klang geben, er kann Worte zum Klingen bringen".

Der eigentliche Sieger des Abends aber ist FDP-Chef und Vizekanzler Philipp Rösler. Endlich einmal hat er gewonnen. Kaum einer hätte noch für möglich gehalten, dass er überhaupt in der Lage ist, sich bei irgendetwas durchzusetzen - und nun ist er der entscheidende Spieler in der Präsidentenfrage gewesen. Er spricht davon, dass Gauck ein "guter Anfang sei". Mit ihm sei es möglich, "verlorengegangenes Vertrauen und Würde in das höchste Staatsamt zurückzubringen". Ja, er sagt "zurückzubringen". Er ist der Einzige an diesem Abend, der so deutlich auf Wulffs Ende als Staatsoberhaupt anspielt.

CSU-Chef Horst Seehofer hat an diesem Abend eine undankbare Rolle. Einerseits war er als Parteivorsitzender an der Suche beteiligt. Anderseits ist er als geschäftsführendes Staatsoberhaupt nach Wulffs Abgang womöglich befangen - also hält er sich knapp: Gauck sei "eine gute Entscheidung für unser Land. Sie haben das Vertrauen der CSU und das Vertrauen der Bayern."

Damit übergibt er das Wort an Joachim Gauck. Und der spricht, wie er eben spricht (im Wortlaut ...): "Meine Damen und Herren, die Sie mich nominiert haben." Dies sei "gewiss ein besonderer Tag in meinem Leben". Kurz lässt er sein Lebensthema anklingen: "Mir ist am Wichtigsten, dass die Menschen wieder lernen, dass sie in einem guten Land leben." Freiheit in Verantwortung, so nennt er das. Das sei in diesem Land wunderbar möglich. Dabei belässt er es und bittet um Verständnis: "Ich kann Ihnen jetzt in der Verwirrung meiner Gefühle kein Grundsatzrede halten." Er sei vorhin im Taxi so überrascht worden von Merkels Anruf. "Ich bin noch nicht mal gewaschen." Überwältigt und verwirrt sei er. Aber später, ganz tief in der Nacht, "da werde ich vielleicht auch beglückt sein".

Es ist ihm zu wünschen.

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