Vor Gericht "Abikrieger" von Köln kommen glimpflich davon

Eine Polizeistreife vor einem Kölner Gymnasium im Jahr 2016.

(Foto: dpa)
  • 2016 ziehen zig Abiturienten durch Köln und liefern sich Auseinandersetzungen. Es kommt zu Verletzten.
  • Ein Prozess um den "Abikrieg" ist nun geplatzt.
  • Vier ehemalige Schüler waren angeklagt, einen Jugendlichen leicht mit Wasserbomben verletzt zu haben.
Von Benedikt Müller, Köln

Es ist ein alter Brauch, dass sich Abschlussklassen mit mehr oder weniger gelungenen Scherzen von ihren Mitschülern verabschieden: Kurz vor dem Abitur erscheinen sie etwa eine Woche lang verkleidet - oder spielen der Schule einen letzten Streich, der primär darauf abzielt, möglichst viele Schüler möglichst lange vom Unterricht abzuhalten. Soweit, so harmlos.

In Köln jedoch hat der Abiturjahrgang 2016 vollends über die Stränge geschlagen. Gymnasien lieferten sich mitten in der Stadt einen sogenannten "Abikrieg". Hunderte Abiturienten zogen abends, teils vermummt, mit Bierflaschen und Böllern, Eiern und Wasserbomben vor andere Gymnasien, um diese "anzugreifen". Sie dokumentierten ihre "Besetzungen" in Internetnetzwerken wie Instagram. Die traurige Bilanz: Zwei Schüler erlitten schwere Kopfverletzungen. Der sogenannte Krieg tobte in Vierteln wie der Südstadt, die bei Familien der urbanen Mittelschicht beliebt sind.

Auf einen Streich

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Das Amtsgericht Köln hat nun einen kläglichen Versuch unternommen, wenigstens vier Abiturienten zur Verantwortung zu ziehen. Doch das Verfahren wurde schon am Montag eingestellt, weil die Ermittler bislang nur einen recht harmlosen Teil des "Abikrieges" aufarbeiten konnten.

Die vier Angeklagten sollen sich an einem Märzabend 2016 im Internet zu einer Wasserschlacht mit ein paar Hundert Abiturienten verabredet haben. Die heute 20-Jährigen brachten damals eine Wasserbombenschleuder mit. Damit donnerten sie gut 20 wassergefüllte Luftballons in die Menge und verletzten einen Jugendlichen leicht. Es klingt wie ein dummer Scherz.

Bereits zu Prozessbeginn deutet denn auch die Richterin an, dass sie der Anklage nicht viel abgewinnen kann. Jene schweren Kopfverletzungen, die damals Schlagzeilen machten, seien keinem der Angeklagten je angelastet worden. Das Schleudern der Wasserbomben stelle allenfalls eine minderschwere Körperverletzung dar, sagt die Richterin. Zudem hätten sich die Angeklagten in den vergangenen Jahren nichts weiter zuschulden kommen lassen.

Die vier 20-Jährigen scheinen - im bestgemeintem Sinne - an Harmlosigkeit kaum zu übertreffen. Moritz W., in hellblauem Hemd, studiert mittlerweile Medizin und engagiert sich im Behindertensport, sein Kamerad Robert E., hellgraues Hemd, Jura. Die beiden anderen wollen Sport studieren beziehungsweise Sportreporter werden.

Es sei nie das Ziel der Abiturienten gewesen, jemanden zu verletzten

Ihre Verteidiger kritisieren, dass Ermittler und Medien das Verfahren "völlig aufgebauscht" hätten. Besagte Wasserbombenschleuder werde im Internet als "Riesenspaß für die ganze Familie" beworben, zitiert ein Verteidiger. Es sei nie das Ziel der Abiturienten gewesen, jemanden zu verletzten, betont der Jugendgerichtshelfer. Bei jener "Schlacht" sei es nur darum gegangen, Schüler nasszumachen.

Nach drei Verhandlungspausen lässt sich letztlich auch die Staatsanwaltschaft darauf ein, das Verfahren einzustellen. Sie hatte ursprünglich wegen schweren Landfriedensbruches ermittelt; doch das Gericht ließ gegen die vier Beschuldigten nur eine Klage wegen besagter Körperverletzung mit Wasserbomben zu. Nun droht der gesamte "Abikrieg" zu Köln juristisch folgenlos zu bleiben.

Abistreiche laufen hierzulande in gewisser Regelmäßigkeit aus dem Ruder. So hielten etwa Abiturienten in Bochum im Jahr 2015 wahllos Autos an und ließen sich von den verdutzten Fahrern einige Kilometer durch die Stadt kutschieren. Im Jahr 2013 rührten Schulabgänger im hessischen Kronberg einen Partyschaum augenscheinlich falsch an; für viele Schüler endete der Streich mit Atembeschwerden und Brechreiz im Krankenhaus. Auch der Versuch fränkischer Abiturienten, für einen Filmdreh im Jahr 2009 vermummt eine Bank zu stürmen, ging nach hinten los. Die Schulabgänger wollten damals eine Geiselnahme nachstellen.

Die Stadt Köln hat indes politische Konsequenzen aus dem "Abikrieg" gezogen. Im vergangenen Jahr gaben die Behörden vor, dass Feiern nur in einem Rahmen stattfinden dürfen, den die Schulen kontrollieren können. Die Polizei hatte vorab harte Konsequenzen angekündigt, falls die Mottowoche abermals aus dem Ruder laufen sollte. Bislang ist jener März 2016 der traurige Tiefpunkt Kölscher Abi-Feierlichkeiten geblieben. "So schlimm eskaliert wie in dem Jahr ist es nicht mehr", sagt die Richterin am Montag.

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