Karnevalswagen in Köln Ich war Charlie

  • Köln und Düsseldorf waren schon immer Rivalen. Vor allem beim Karneval. Düsseldorf tat sich dabei immer als die politischere Stadt hervor.
  • Nach der Absage des Charlie-Hebdo-Wagens für den Karneval in Köln geht der Blick nun nach Düsseldorf - mit der Frage, ob die Karnevalisten sich dort mehr trauen.
  • Düsseldorf hat den Vorteil, dass dort anders als in Köln das Wagen-Motiv nie vor dem Umzug preisgegeben wird.
Von Bernd Dörries und Martin Zips

Der alte Streit zwischen Düsseldorf und Köln, er ist ja ein wenig eingeschlafen in den vergangenen Jahren, man kann in Düsseldorf an jeder Bude Kölsch kaufen - und in Köln geben sogar die Einheimischen manchmal zu, dass sich die Landeshauptstadt doch ganz nett entwickelt habe. Nur im Karneval besteht jeder auf die führende Rolle: Die Kölner finden es zu Hause lustiger. Die Düsseldorfer sagen, unser Rosenmontagszug ist der bessere, unsere Wagen viel kunstvoller, die Motive politischer.

Letzteres ist weitgehend unumstritten: Wladimir Putin im Muskelshirt oder Edward Snowden. Es ist meist ein Bild aus Düsseldorf, das um die Welt geht. Dieses Jahr ist es andersrum - die Welt redet über einen Wagen aus Köln. Aber einen, der gar nicht fahren darf. "Wir dürfen jetzt nicht in Angst und Furcht erstarren", sagt Innenminister Ralf Jäger (SPD), der bisher nicht eben als Karnevalist aufgefallen ist. Und der Innenexperte Volker Beck von den Grünen ärgert sich, dass eine Chance vergeben worden sei, "ein starkes Signal für die Meinungs- und Pressefreiheit zu senden".

Sie waren einmal mutig in Köln. Aber nur ein paar Tage lang. In der vergangenen Woche hatte das Festkomitee die Facebook-Nutzer über einen Wagen zu den Terroranschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo entscheiden lassen. Als besonderes Statement, als Zeichen der Anteilnahme.

Der Charlie-Hebdo-Wagen: beerdigt

Am Mittwochabend wurde der Bau eingestellt. Beerdigt, könnte man auch sagen. Christoph Kuckelkorn ist der größte Kölner Bestatter und stellvertretende Chef des Festkomitees, er muss die umstrittene Entscheidung nun nach außen vertreten. "Die Kölner Presse hat durch ihre Berichte sehr viele Ängste geschürt. In den Meldungen stand zum Beispiel, dass die Polizei mit SEK-Kommandos unsere Wagen begleiten wird", sagt Kuckelkorn. Was man nie vorgehabt habe, wie auch die Polizei sagt.

Die Angst sei aber nun mal da gewesen, Eltern hätten angerufen und gefragt, ob der Karneval noch sicher sei. "Also haben wir gesagt: Komm, das ist doch das ganze Thema nicht wert. Uns geht es darum, dass die Leute Spaß haben und nicht von Ängsten getrieben werden." Trotzdem hat die Angst gewonnen, haben diejenigen gesiegt, die in Paris zeigen wollten, dass sie bestimmen, was lustig ist und was nicht.

"Sicherheit muss ganz oben stehen", sagt auch Jacques Tilly, der im benachbarten Düsseldorf die Wagen baut. Ob er einen zu Charlie Hebdo auf die Straße schicken wird, das will er natürlich nicht verraten. So wie sie in Düsseldorf seit dem Jahr 2000 generell nicht mehr verraten, wer in der Session durch den Kakao gezogen wird. "Davor sind immer wieder Interessengruppen gekommen und Politiker und haben mit einstweiligen Verfügungen gedroht. Dann haben wir gesagt: So geht es nicht weiter. Seit wir die Wagen nicht mehr präsentieren, haben wir keine Schere mehr im Kopf, sondern wirkliche Narrenfreiheit."

Beschwerden werden dann in Düsseldorf erst ab Aschermittwoch entgegen genommen. So wie im Jahr 2007, als zwei identische Pappkameraden mit Säbeln und Sprengstoffgürtel durch die Stadt fuhren, die als Islamisten zu erkennen waren. "Klischee", stand unter dem einen, "Wirklichkeit" unter dem anderen. Der Zentralrat der Muslime beschwerte sich, aber die Düsseldorfer blieben auch in den kommenden Jahren bei ihrer Linie.

In Köln werden die anderen Wagen schon am Freitag vorgestellt, viele Wochen vor Rosenmontag, an dem sie oft von der Realität überholt wurden: 2014 zeigten sie Wladimir Klitschko als Sieger des Ukraine-Konfliktes, den er aber zu dem Zeitpunkt schon verloren hatte. Den Kölnern war es egal, ihnen sind Kamelle wichtiger.

Der Kölner Karneval und die Obrigkeit

Die Provokation, die politische Stichelei, sie gehören nicht zur Tradition. Die Ursprünge des Rosenmontagszuges liegen ja gerade darin, dass wieder Recht und Ordnung herrschen sollten. Im 19. Jahrhundert war Karneval in Köln eine wilde Sauferei, Messer wurden gezückt, in der Altstadt Schlägereien angezettelt. Großbürgertum und die preußischen Herrscher kamen zur Überzeugung, dass ein schöner Umzug alles in gelenkte Bahnen bringen könnte. "Der Kölner Karneval hat immer wieder mit der Obrigkeit zusammengearbeitet. Schließlich ging es auch um wirtschaftliche Interessen und um die öffentliche Durchführung des Rosenmontagszuges", sagt der Historiker Marcus Leifeld, der viel zum Karneval geforscht hat.

"In Köln gab es nur ganz selten diplomatische Verwicklungen. Im 19. Jahrhundert wurde ein französischer Außenminister im Rosenmontagszug als Puppe dargestellt und diese verprügelt - was in Paris zu Verstimmungen führte. Und Mitte der 1970er Jahre gab es recht aufgeheizte Diskussionen darüber, wie man auf Motivwagen Arbeitslose zu bewerten hat." Aber sonst? Sonst wird in Köln eher geschunkelt, gesungen und getrunken. Nicht zu viel Politik, bitte.

Es werde andere Wagen geben, auf denen zumindest die Pressefreiheit zum Thema gemacht wird, kündigt Christoph Kuckelkorn an. Alles nicht so schlimm? "Natürlich ist das ein Einknicken vor extremistischen, radikalen Kräften", sagt Wolfgang Bosbach (CDU), der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag.

Dem Wagenbauer aus Düsseldorf, Jacques Tilly, merkt man an, dass er große Lust hat, noch schnell einen Wagen zu bauen zum Terror von Paris. Angst habe er keine, der Humor sei schon immer bedroht gewesen. Nur eines sei für ihn Tabu, bereits vor den Anschlägen von Paris gewesen: Es gibt auch in Düsseldorf keine Wagen mit dem Abbild des Propheten. Die Religion darf als Institution veralbert werden, nicht aber der Glaube selbst. Auf Facebook gibt es natürlich schon ganz viele Ideen, was die Kölner jetzt machen könnten: "Dann lass doch der Jungfrau direkt eine Burka überziehen", findet einer von ihnen.