Hai-Attacken "Greifen Sie nach den Augen"

FILE - In this Sept. 14, 2004, file photo, a great white shark swims at the Monterey Bay Aquarium's Outer Bay Exhibit in Monterey, Calif. Swimmers and surfers today are about 90 percent less likely to be attacked by sharks off California’s coast than they were in the 1950s, despite the fact that there are hundreds of thousands of more people in the water, according to a new study. (Richard Green/The Californian via AP, File)

(Foto: AP)
  • Der Surfprofi Mick Fanning wurde am Wochenende in Südafrika von einem Hai attackiert. Er wehrte sich und konnte unverletzt entkommen.
  • Die Zahl der Attacken durch die Raubfische nimmt seit Jahrzehnten zu. Im vergangenen Jahr waren es weltweit 72.
  • Experten warnen vor Hysterie. Sie führen den Anstieg auf die wachsende Zahl von Schwimmern und anderen Wassersportlern zurück.
Von Marc Felix Serrao

Das Video löst Urängste aus. Der australische Surfprofi Mick Fanning sitzt am Wochenende vor der Küste Südafrikas auf seinem Brett und wartet auf die nächste Welle. Seine Unterschenkel baumeln im Wasser. Plötzlich taucht hinter ihm eine dunkelgraue Rückenflosse auf. Der 34-Jährige schlägt um sich, dann fällt er vom Board. Sofort eilen Jetskis herbei. Nach endlos erscheinenden Sekunden wird der Surfer aus dem Wasser gezogen. Unverletzt.

"Er kam und verfing sich in meiner Fußleine", sagt Fanning später vor der Kamera, noch sichtlich beeindruckt von der Begegnung mit dem Hai. "Ich rechnete damit, dass er mich beißen würde und schlug auf seinen Rücken ein."

Bloß nicht totstellen

Vermutlich hat den Sportler seine Reaktion gerettet. Experten empfehlen, sich im Falle eines Angriffs beherzt zur Wehr zu setzen. "Man sollte nicht passiv reagieren", heißt es bei der International Shark Attack File (ISAF).

Die ISAF rät, einem Hai im Falle des Falles auf die Nase zu schlagen, am besten mit einem harten Gegenstand. Das führe in der Regel dazu, dass das Tier die Attacke "vorübergehend abbricht". In der Zeit sollte man versuchen, aus dem Wasser zu kommen. Und wenn der Hai zubeißt? "Greifen Sie nach den Augen oder Kiemen, beide Bereiche sind empfindlich." Die weltweite Datenbank ISAF wurde während des Zweiten Weltkriegs vom Office of Naval Research der US-Marine gegründet, um Angriffe der Raubfische auf Menschen zu sammeln und auszuwerten. Heute ist sie beim Naturgeschichtlichen Museum der Universität von Florida beheimatet.

This handout picture made and released on July 19, 2015 by the World Surf League (WSL) shows Australian surfer Mick Fanning (pictured blue) holding his head in his hands after being attacked by a shark during the J-Bay Open final in Jeffreys Bay. Mick Fanning, 34, was competing in the final heat of a world tour event at Jeffreys Bay in the country's Eastern Cape province when a looming black fin appeared in the water behind him. He fought back against the shark, escaping from the terrifying scene without injury. AFP PHOTO / WSL / KIRSTIN SCHOLTZ ==RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT 'AFP PHOTO / WSL / KIRSTIN SCHOLTZ' - NO MARKETING - NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS==

(Foto: AFP)

Die Zahl "nicht provozierter Angriffe" nimmt nach Angaben der ISAF seit Jahrzehnten zu (provozierte Angriffe sind demnach solche, in denen Taucher Haie absichtlich berühren oder Fischer beim Leeren ihrer Netze gebissen werden). Von den im vergangenen Jahr weltweit 130 aufgezeichneten "Interaktionen" zwischen Raubfisch und Mensch seien 72 nicht provoziert gewesen. Michael Stachowitsch, Meeresbiologe der Universität Wien, geht zudem davon aus, dass viele Angriffe statistisch gar nicht erfasst würden, etwa in Afrika oder Südamerika.

Fachleute wie er betonen allerdings, dass der Anstieg der Attacken keineswegs ein Beleg dafür sei, dass die Tiere aggressiver würden. Die Ursache sei vielmehr die wachsende Zahl von Badegästen und Wassersportlern weltweit; diese korreliere direkt mit der Zahl der Attacken.

"Immer mehr Menschen machen Urlaub am Wasser und das in immer entlegeneren Regionen", sagt Stachowitsch. Der Wissenschaftler warnt vor Hysterie: "Nicht die Haie sind eine Gefahr für uns Menschen, sondern umgekehrt. Wir schlachten aber jährlich Millionen von ihnen ab." Es sei wesentlich wahrscheinlicher, "dass wir bei einem Unfall in der Badewanne ums Leben kommen, als von einem Hai gebissen zu werden".

Die meisten nicht provozierten Angriffe ereignen sich der ISAF zufolge an den Küsten Nordamerikas. 2014 seien dies 45 Vorfälle gewesen, knapp zwei Drittel der weltweiten Aufzeichnungen. Am stärksten betroffen sei Florida. Im Rest der Welt folgen Australien (elf Angriffe) und Südafrika (zwei). In den übrigen Ländern, darunter Japan, Spanien und Neuseeland, wurde jeweils eine Attacke registriert.

Mehr Attacken, aber weniger Todesfälle

In ihrer Auswertung betonen die ISAF-Experten auch die relativ geringe Zahl tödlich verlaufener Angriffe. 2014 seien das nur drei gewesen, zwei in Australien und ein Fall in Südafrika. Auch das entspreche dem Langzeittrend: Während die Zahl der registrierten Angriffe seit Jahrzehnten steige, nehme die Zahl der Todesfälle ab. Der Grund seien die verbesserten Sicherheitsmaßnahmen an Stränden, vor allem in den USA. Dazu gehöre eine bessere Ausbildung von Rettungsschwimmern und Erste-Hilfe-Ausrüstungen, um Bisse schnell versorgen zu können.

ISurfer und andere Board-Sportler werden mit Abstand am häufigsten angegriffen, meldet ISAF. Das habe vermutlich mit den heftigen Bein- und Handbewegungen an der Wasseroberfläche zu tun. Oft heißt es auch, die Raubfische verwechselten Surfer mit Robben.

Mick Fanning, der australische Surfer aus dem Video, habe auf jeden Fall "viel Glück" gehabt, sagt Meeresbiologe Stachowitsch. Wie eine Hai-Attacke verlaufe, hänge von vielen Faktoren ab, "auch davon, wie hungrig das Tier ist".