Demonstration in Köln Den Islam von den Terroristen zurückerobern

  • In Köln haben mehrere Hundert Menschen, darunter viele Muslime, unter dem Motto "Nicht mit uns" gegen islamistischen Terror demonstriert.
  • Die Veranstalter der Demo, Autorin Lamya Kaddor und Friedensaktivist Tarek Mohamad, sind vom Zuspruch dennoch enttäuscht.
  • Sie hatten mit bis zu 10000 Teilnehmern gerechnet.
Von Jan Bielicki, Köln

Ahmad, Basel und ihre Freunde sind eigens aus Wuppertal gekommen. "Wir sind alle Syrer", sagt Ahmad, und was die jungen Flüchtlinge am Samstag auf den Kölner Heumarkt geführt hat, haben sie auf kleine Plakate geschrieben. "Wir sind gegen Terror", steht da und, gegen islamistischen Terror und Syriens Diktator gerichtet: "Isis = Assad". "Diktatoren machen Terrorismus", erklärt Basel auf deutsch und nochmal auf englisch. Hamed dagegen ist Deutscher, "ein deutscher Muslim", sagt er. Der junge Mann hat sich einen Turban um den Kopf gebunden und sich in eine Europa-Fahne gewickelt, "um zu zeigen, dass Islam und europäische Demokratie zusammengehören".

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Doch es sind nicht so viele da, wie sich das Lamya Kaddor und Tarek Mohamad erhofft haben. Eine Demonstration mit bis zu 10000 Teilnehmern hatten die Autorin, die seit Jahren einen liberalen Islam propagiert, und der Friedensaktivist angemeldet. Unter dem Motto "Nicht mit uns" nach den Anschlägen in London und Manchester ein Zeichen gegen islamistischen Terror setzen. Aber wohl nicht mehr als tausend Menschen haben sich unter dem Reiterdenkmal auf Kölns größtem Platz eingefunden. "Es ist schon enttäuschend", sagt Mohamad. Mit etwas mehr Zuspruch hätten er und Kaddor schon gerechnet, als sie zehn Tage zuvor die Idee zu dieser Kundgebung hatten. "Schön, dass ihr wenigstens alle da seid", ruft Kaddor den Versammelten zu.

Sie wolle vom Islam sprechen, weil sonst nur Islamisten vom Islam sprächen, sagt die Veranstalterin

Dabei hatte die Demonstration schon im Vorfeld viel mediales Aufsehen erregt - allerdings vor allem wegen der scharfen Absage, die der mit dem türkischen Staat eng verbundene Muslimverband Ditib, der größte in Deutschland, den Organisatoren erteilte. Zwar hatte der Ditib-Generalsekretär Bekir Alboğa die Kundgebung zunächst noch begrüßt, doch dann stellte sich der Verband gegen die Demonstranten, unter anderem mit der Begründung, einem Muslim sei es während des Fastenmonats Ramadan nicht zuzumuten, bei 25 Grad in der prallen Mittagssonne zu stehen. Es sei "ein falsches Signal gewesen, bei einem solchen Friedensmarsch nicht dabei gewesen zu sein", kritisiert Kaddor die Ditib-Entscheidung. Und so sind die mit einheitlichen T-Shirts - Aufschrift: "Muslime für den Frieden" - und großen Bannern aus ganz Nordrhein-Westfalen angereisten Mitglieder der demokratiefreundlichen Ahmaddiya-Gemeinde die größte organisierte Gruppe unter den Demonstranten. Unter diese haben sich auch Politiker gemischt, etwa Joachim Stamp von der FDP, der als künftiger Integrationsminister und stellvertretender NRW-Ministerpräsident gehandelt wird, und der SPD-Landeschef Michael Groschek.

Sie wolle vom Islam sprechen, weil sonst immer nur Islamisten und Islam-Hasser von ihrer Religion sprächen, sagt Kaddor, "darum holen wir uns das zurück". Zu sagen, dass islamistisch begründeter Terror "nicht in unserem Namen" passiere, sei "in unserem ureigensten Interesse", weist sie die Kritik vor allem konservativer Muslime zurück. Jungen Menschen, die mit gewalttätigem Salafismus sympathisierten, müsse signalisiert werden, dass sie keinen Platz in der muslimischen Gemeinschaft hätten: "Wenn ihr diesen Weg geht, dann werdet ihr ausgeschlossen." Es gehe nicht um Distanzierung der Muslime von Terror, sagt auch der Kabarettist Fatih Çevikkollu, Eigenbeschreibung: Deutscher, Muslim, Türke: "Distanzierung setzt Nähe voraus".

Man könne nicht sagen, dass die Muslime nicht ihr Gesicht gegen den Terror gezeigt hätten, sagt Sadiqu al-Mousslie. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland, in dessen Vorstand er sitzt, hat bereits mehrere solcher Kundgebungen organisiert, "und wir werden es weiter tun". Er lehne es ab, dass "meine Religion von Terroristen entführt wird". Gerade das Wort "Allahu akbar" - Gott ist groß - bete er als gläubiger Muslim fünf Mal am Tag: "Das ist mein Wort". Als sie losziehen, erklingt im Lautsprecher die wohl bekannteste Friedenshymne, hier vielleicht nicht ganz ideal platziert. In ihr singt John Lennon davon, sich vorzustellen, dass es keinen Himmel und keine Hölle gebe - "und auch keine Religion".

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