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Religion:Es gibt keine Pflicht zum Zeichensetzen, auch nicht für Ditib

Freitagsgebet in KËÜlner Moschee

Das Dach der Zentralmoschee in Köln.

(Foto: dpa)

Viel spannender als die Absage von Deutschlands größtem Moscheeverband an der Demonstration in Köln ist, wer überhaupt zu der Kundgebung aufgerufen hat. Erstmals sind das dezidiert liberale Muslime, die zeigen: Es gibt uns.

Kommentar von Matthias Drobinski

Tausende Muslime gehen gegen Terror und Gewalt auf die Straße, das ist gut und richtig. Andererseits haben solche Manifestationen mittlerweile etwas Ritualisiertes und Routiniertes: Natürlich sind die in Köln Versammelten gegen religiös begründeten Terror und gegen einen Islamismus, der offene Gesellschaften für Teufelswerk hält. Was sonst? So denkt hierzulande die Mehrheit der Muslime. Warum müssen sie das in einer Art Endlosschleife immer und immer wieder neu beteuern?

Wer da nicht mitmarschiert, muss nicht ignorant gegenüber dem Terror sein; vielleicht ist er nur genervt angesichts der ewigen Zeichensetzerei. Es gibt keine Pflicht zum Zeichensetzen, auch nicht für die türkisch-islamische Ditib, den größten Moscheeverband in Deutschland, der nicht mitdemonstrieren möchte.

Liberale Muslime waren bislang meist Einzelkämpfer

Doch die Erkenntnis, dass in solchen Kundgebungen immer auch etwas Angestrengtes steckt, ist gar nicht die wichtigste dieses Wochenendes. Viel spannender ist zu beobachten, was sich da gerade innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland tut. Es sind erstmals dezidiert liberale Muslime, die zu dieser Demonstration aufgerufen haben, genug Organisationskraft aufbringen, sogar einen Teil der etablierten Verbände zum Mitmachen bewegt haben.

Die liberalen Muslime waren bislang meist Einzelkämpfer und Einzelgänger, die sich zu kleineren Gruppen und Facebook-Freundeskreisen zusammenschlossen und ansonsten ihre Religiosität als Privatsache ansahen - gerade in Abgrenzung zu den dezidiert politisch auftretenden Verbänden. Doch das Bewusstsein dafür wächst, dass man die eigene Religion den anderen überlässt,wenn man sich in die Innerlichkeit zurückzieht.

Und es zeigt sich auch: So wenige sind es gar nicht, die glauben, dass man den Islam auch anders leben kann als in starrer Regelbefolgung und Abgrenzung zum Andersgläubigen, dass der Koran nicht gegen das entschiedene Ja zu Demokratie, Menschenrechten, Freiheit und Vielfalt steht. Dass Seyran Ateş, die Anwältin und Frauenrechtlerin, an diesem Wochenende in Berlin eine liberale Moschee gründet, passt in dieses Bild.

Ditib steht isoliert da

Die Reaktion der Ditib wirkt da vor allem hilflos und schlecht gelaunt. Deutschlands größter Moscheeverband war es gewohnt, bei solchen Veranstaltungen die meisten Teilnehmer zu stellen und damit auch inhaltlich die Maßstäbe zu setzen. Jetzt steht er isoliert da, zunehmend wahrgenommen als Erdoğan-Fanclub, der auf die Direktiven aus Ankara warten muss, bevor er eine Meinung hat. Auch innerhalb der Ditib nimmt die Unzufriedenheit mit dieser Erstarrung und Selbstisolation zu, die, geht das so weiter, aus dem einst wichtigsten Akteur des Islams in Deutschland einen grantelnden, bedeutungsarmen Zuschauer machen wird.

Die Muslime jenseits des Mehrheitskonservatismus ihrer Religion werden auch dann in der Minderheit bleiben, wenn tatsächlich die von den Veranstaltern erhofften 10 000 Demonstranten nach Köln kommen. Und auch unter den Liberalen gibt es Streit und Konkurrenz, die nicht belebt, sondern lähmt. Aber mit dieser Veranstaltung zeigen sie: Es gibt uns. Wir sind genauso Teil des Islams wie die anderen auch. Das kann den Islam insgesamt verändern - denn dies kann nur von innen heraus geschehen.

© SZ vom 17.06.2017/lkr
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