Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt Berlin steht still und trauert

Am abgesperrten Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz sind viele Menschen noch immer fassungslos über das Geschehen. Andere wundern sich, dass Berlin erst jetzt getroffen wurde.

Reportage von Jakob Schulz, Berlin

Eisiger Wind pfeift durch die Straßen zwischen dem Berliner Breitscheidplatz und dem Bahnhof Zoo. Die gezackte Spitze der Gedächtniskirche wird vom dicken Nebel fast verschluckt. Ein Schwarm Tauben fliegt zwischen Kirche und Bikini-Haus, die Fußgängerampeln wechseln von Rot auf Grün. Dieser kalte, graue Dienstagmorgen könnte einen typischen Berliner Schmuddeltag verheißen.

Allein - an diesem Tag ist nichts normal in der Hauptstadt. Eine unwirkliche Stille liegt über dem Platz, an dem sonst Busse, Pendler und Radfahrer die Straßen verstopfen und minütlich Menschentrauben aus den U-Bahn-Ausgängen strömen. Die Polizisten hinter dem rot-weißen Flatterband schweigen, die Feuerwehrleute hinter den Absperrzäunen schweigen, auch die meisten der vielen Menschen, die in Richtung des schwarzen Lastwagens blicken, schweigen.

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Der Lkw ist das sichtbarste Zeichen des Schreckens, der Berlin am Abend zuvor heimgesucht hat. Er steht halb auf der Straße, halb auf dem Bürgersteig, den Sattelschlepper selbst haben die Ermittler schon abgekoppelt. Der Lastwagen, davon geht die Polizei mittlerweile aus, wurde absichtlich auf den Weihnachtsmarkt und durch die Menschenmenge gesteuert. Mindestens zwölf Menschen sterben, Dutzende werden teils schwer verletzt.

"Jemand sagte, es werde geschossen"

Merja Sundström will den schwarzen Lkw unbedingt noch einmal sehen. Die Finnin, die seit knapp vier Jahren in Berlin arbeitet, ist dem Anschlag nur knapp entgangen, erzählt sie. Sie war mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs, als sie ganz in der Nähe ein lautes Geräusch und Schreie hörte. "Jemand sagte, es werde geschossen", erinnert sie sich. "Nur ein Unfall", hört sie später. Erst zu Hause vor dem Fernseher realisiert sie, dass es wohl kein Unfall war. Und sie erkennt: Sie stand mit ihren Freunden nur etwa 40 Meter von der Stelle des Anschlags entfernt. "Das ist einfach schrecklich", sagt sie. "Aber so einen Anschlag haben wir in Berlin doch schon erwartet."

Wenige Meter vor dem Kino Zoo Palast stellt Florian Böttcher eine Kerze an einen Bauzaun. Andere Menschen haben Blumen niedergelegt. Der 19-jährige Schüler war am Abend zuvor zufällig in der Gegend. "Die Gesichter der Menschen waren fassungslos, traurig, manche waren richtig neben der Spur", erzählt er. "Ein Weihnachtsmarkt ist doch ein familiäres Fest. Und wenn da ein Lkw 50 Meter durchrast, ist das für mich kein Unfall. Ich finde das abscheulich", sagt er sichtlich bewegt.

Wie ihm geht es vielen der Menschen, die am Morgen danach zum Ort des Anschlags gekommen sind. Eine ältere Dame steht regungslos vor dem Absperrband, in ihren Augen Tränen. Neben ihr ein junger Mann mit leerem Gesicht, ebenfalls in Gedanken versunken. Sprechen möchten sie nicht.

Immer mehr Menschen legen nun Blumen und Kerzen nieder. "Ich bin Berlin" und "für mehr Menschlichkeit und Mitgefühl", steht auf einer weißen Kerze. "In uns lebt ihr weiter", hat jemand auf ein Papier geschrieben und einen Weihnachtsbaum darum gezeichnet.

Mit ihren Streichhölzern hat die 20-jährige Rachel keine Chance gegen den scharfen Wind. Vergeblich versucht die US-Amerikanerin, ein Teelicht anzuzünden. "Es ist so unwirklich", murmelt sie. Sie studiert für zwei Semester an der TU Berlin, am Breitscheidplatz kommt sie täglich vorbei. Eine ihrer ersten Erinnerungen war der Terroranschlag vom 11. September, erzählt sie und wird immer leiser. "Vielleicht ist der Terror einfach die Tragik unserer Generation."

"Das war ja nur eine Frage der Zeit"

Nicht alle Menschen sind so still. Evelyn Müller wohnt nur wenige Straßen weiter, von dem Anschlag erfuhr sie über Facebook. "Das war ja nur eine Frage der Zeit", sagt sie. Angesichts von Terroranschlägen in so vielen Städten Europas habe nur eine Attacke in Berlin noch gefehlt. In der Nacht hat sie auf Facebook verfolgt, wie die Diskussion schnell grundsätzlich wurde. Die genauen Hintergründe der Tat sind noch nicht geklärt, aber sie hat zumindest eine Verantwortliche schon ausgemacht. "De facto ist doch Angela Merkel verantwortlich für die Flüchtlingspolitik. Wo ist Merkel jetzt? Andere Politiker wären doch schon längst an den Anschlagsort gekommen." (Merkel kommt am frühen Nachmittag zum Ort des Geschehens, d.Red.) Müller wägt ihre Worte gut ab, wütend wirkt sie nicht, eher sarkastisch. "Endlich mal einer, der es ausspricht", ruft ein Mann ihr aufmunternd zu.

Ein lautes Piepen durchbricht die Stille, als ein Abschleppwagen ansetzt, das abgekoppelte Führerhaus des Lastwagens vom Breitscheidplatz abzutransportieren. Die TV-Reporter aus aller Welt brechen hastig ihre Interviews ab und richten die Kameras über das Flatterband, vorbei an den frierenden Polizisten, über das Absperrgitter hinweg auf den Abschleppwagen. Im Hintergrund sticht eine große Weihnachtsmarktbude hervor. Auf der einen Seite des Giebels hängen noch Eiszapfen aus Plastik. Die andere Hälfte des Dachs ist zerfetzt, eine zerrissene Plane flattert durch die Luft. "Faszination Weihnachten" steht auf der noch intakten Giebelwand des Häuschens.

Fahnen auf Halbmast und Blumen am Tatort

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