Zeitforscher "Pünktlichkeit ist eine überflüssige Erfindung"

"Zeit als solche gibt's ja gar nicht, sondern nur Zeiten, und was wir daraus machen", sagt Karlheinz Geißler, der mit seinem Sohn Jonas das Buch "Time is Honey" geschrieben hat.

(Foto: Robert Haas)

Je schneller die Welt sich dreht, desto mehr Menschen wollen raus aus dem Hamsterrad. Karlheinz Geißler und sein Sohn Jonas sind Zeitforscher - und so gefragt wie nie.

Von Martina Scherf

"Der Mensch hat nicht zu wenig Zeit, er hat nur zu viel zu tun", da sind sich Vater und Sohn einig. Wer sich daher mit den beiden Geißlers per Mail verabreden will, muss darauf gefasst sein, nicht sofort eine Antwort zu erhalten - sie wollen nicht den gleichen Fehler machen, den sie bei anderen so oft diagnostizieren: sich von Verabredungen hetzen lassen.

"Ich mache grundsätzlich keine zwei Termine für einen Tag aus", sagt Karlheinz Geißler und streicht sich über seinen weißen Bart. Und: "Pünktlichkeit ist eine überflüssige Erfindung." Das wäre also schon einmal geklärt. Der Professor sitzt am Esstisch in seinem gemütlichen alten Haus im Münchner Stadtteil Perlach. Auf dem Tisch ein Krug mit stillem Wasser. Gegenüber sitzt Sohn Jonas. Beide tragen keine Uhr. Weder in der Küche noch im Wohnzimmer hängt eine.

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An diesem Sonntag wird die Zeit umgestellt . . . "so ein Quatsch", entrüstet sich Karlheiz Geißler, "erstens wird nur die Uhr umgestellt, zweitens ist längst erwiesen, dass das nichts bringt." Und überhaupt: "Zeit als solche gibt's ja gar nicht, sondern nur Zeiten, und was wir daraus machen." Er ist jetzt 72 und hat sich fast ein Leben lang mit der Geschichte der Zeit beschäftigt. Hat Vorträge gehalten und Bücher geschrieben. Hat Physiker und Philosophen befragt - und die Erkenntnis gewonnen: Wir tun gut daran, Zeit zu leben, anstatt sie zu sparen.

Geißler war 30 Jahre lang Wirtschaftspädagoge an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg. "In der Uni hat mir immer meine Sekretärin gesagt, wann die Vorlesung beginnt, und wenn die Studenten nervös auf die Uhr sahen, war eben Schluss", erzählt er. Das machte die Sache mit der Pünktlichkeit einfach.

Schon früh hat er das Thema Zeit entdeckt. Wie fängt eine Unterrichtsstunde an, wie hört sie auf? Der Anfang ist das Wichtigste, sagt Geißler. "Ich habe dann systematisch Anfangssituationen untersucht und ein Buch darüber geschrieben". Das verkauft sich bis heute, mittlerweile in der elften Auflage. "Fünfzehn Jahre später schrieb ich noch eines über den Schluss, aber das lief nicht mehr so gut," erzählt er mit einem Lächeln.

Anfang und Schluss - dazwischen liegt die Lebenszeit

"Kein Wunder", wirft Jonas da ein, "du bist ein Schluss-Flüchter." Schon in seiner Kindheit hätten sie gemeinsam Lego-Raumschiffe konstruiert, "aber fertigbauen musste ich sie immer alleine". Es gab anfangs auch keinen Fernseher im Hause Geißler, erzählt Jonas. "Ich kam in die Schule, alle redeten von Captain Future, und ich wusste nicht, wer das ist". Stattdessen gingen Vater und Sohn regelmäßig ins Kino. "Das war doch wertvoller", sagt der Vater, "allein der Anfang: Man geht in den Saal, es riecht nach Popcorn, dann wird es dunkel und still, der Vorhang öffnet sich, das waren schöne Vater-Sohn-Erlebnisse". Stimmt, sagt Jonas.

Vom Garten scheint die Frühlingsonne herein. Anfang und Schluss - dazwischen liegt die Lebenszeit, und die sollte man mit Qualität füllen, möglichst jeden Tag, darin sind sich die beiden einig. Stattdessen muss heute immer alles schneller gehen. Wozu, fragt Karlheinz Geißler, sogar schon in der Schule? "Time is money, das kommt aus der Ökonomie. Aber in der Bildung kann ich Zeit nicht in Geld verrechnen. Da ist Zeit wertvoll, ich muss sie auskosten, um wirklich was zu erreichen."

Dieses Hinterfragen hat abgefärbt, gibt Jonas zu. "Sich selbst durch so eine Brille zu beobachten, mit ein bisschen Witz und Ironie, das haben wir Söhne von klein auf gelernt." Genauso wie den achtsamen Umgang mit Zeit. Seine Töchter gehen auf die Waldorfschule. "Da haben die Kinder das ganze erste Jahr Zeit fürs Ankommen!" Dass er selbst einmal Zeitberater werden würde, hatte Jonas Geißler allerdings nicht geplant. Er studierte Soziologie und Medienmanagement, interessierte sich für Film.

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"Pädagogisch zu arbeiten, konnte ich mir nicht vorstellen", sagt er. Doch dann sprach ihn ein Bekannter an, ob er nicht mal bei seinen Coaching-Seminaren reinschauen möchte. Es reizte ihn, er bildete sich weiter, stieg in die Firma ein und gründete später sein eigenes Unternehmen.

Dann ging der Vater in den Ruhestand, aber es landeten noch immer jede Menge Anfragen auf seinem Tisch zum Thema Zeit. Je schneller die Welt sich dreht, so scheint es, desto mehr Menschen wollen wissen, wie sie dem Hamsterrad entkommen können. So gründeten Vater und Sohn eines Tages ihr Institut "Timesandmore". Seit zehn Jahren treten sie nun zusammen auf. Es ist erstaunlich, wer das Duo alles engagiert: der Verband der Transportbeton-Unternehmer. Krankenkassen. Psychotherapeuten. Schweizer Banken. Lehrerfortbildungsakademien.

Ihre Vorträge sind mit viel Ironie gespickt. Jonas: "Weißt du noch, wie wir in Trier waren? Die haben sich gebogen vor Lachen." Ja, sagt Karlheinz, "das waren angehende Altenpfleger". Auch die leiden ja darunter, dass Zeit nur noch in Geld verrechnet wird, nicht in Qualität.