Kunstschatz auf dem Speicher entdeckt Einzigartiges Exponat im Tölzer Museum

Das Tölzer Stadtmuseum besitzt eine unvergleichliche barocke Sänfte. Sie wird in der Sonderausstellung im Haus der Bayerischen Geschichte gezeigt.

Von Klaus Schieder

Stadtmuseumsleiterin Elisabeth Hinterstocker mit der Sänfte. Der Vorhang ist nicht original, solche Tragestühle hatten schon in der Barockzeit gläserne Fenster.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die Sänfte aus der Barockzeit war in dem kleinen Speicher in der Passage zwischen Markt und Bürgergarten in die Ecke geräumt und dämmerte jahrelang in der Dunkelheit vor sich hin. Vielleicht stünde sie noch immer dort, hätte Elisabeth Hinterstocker dieses Exponat nicht auf einer Inventarliste aus der Zeit um 1900 entdeckt und sich auf die Suche begeben. Im September 2016 fand die Leiterin des Tölzer Stadtmuseums das kostbare Stück auf dem Speicher, der lediglich über eine Leiter von der Passage aus zu erreichen ist. Inzwischen habe die Fachwelt bestätigt, dass diese Sänfte "von erstklassiger Qualität" sei, sagte Kurdirektorin Brita Hohenreiter im Haupt- und Finanzausschuss des Stadtrats. In Deutschland dürfte es "wohl keine zehn vergleichbaren Objekte" geben.

Der Fund hatte die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen, die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung, den Bayerischen Rundfunk, das Haus der Bayerischen Geschichte, das Haus Toerring und die Messerschmitt-Stiftung auf den Plan gerufen. Alle bestätigten unisono, dass es sich bei der Sänfte um ein seltenes und außergewöhnliches Exemplar handle. Das zeigt sich auch daran, dass es zu den etwa 100 Exponaten der Sonderausstellung gehören soll, mit der im nächsten Jahr das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg eröffnet wird. Dort seien dann auch Leihgaben aus dem Pariser Louvre zu sehen, teilte Dritter Bürgermeister Christof Botzenhart (CSU) mit. Ebenso Ausstellungsstücke aus dem Germanischen Nationalmuseum und der Bayerischen Staatsbibliothek.

Die "Porte Chaise" aus dem 17. Jahrhundert mit ihrem vergoldeten Zierrat und den Engelsköpfen trägt das Wappen des Hauses Toerring. Sie sei ein Spitzenbeispiel für die Arbeit der Kutschenbauer und Fassmaler dieser Zeit, sagte Hohenreiter. Ein "hochkarätiges Unikat", das die Ära der absolutistischen Herrschaft in Bayern und Europa veranschauliche.

Die Sänfte trägt das Wappen von Henriette Adelaide.

(Foto: Manfred Neubauer)

Es könnte eine Hochzeitssänfte sein

Die Sänfte stammt aus der Familie Toerring-Seefeld. Wegen des Wappens und der Initialen ist sie Max Cajetan von Toerring-Seefeld (1670 - 1752) zuzuschreiben, der 1687 von Kurfürst Max Emanuel zum Kämmerer und 1716 zum Oberstkämmerer ernannt wurde. Zudem war er als Obersthofmeister von Kaiser Karl Albrecht tätig. 1692 heiratete er Adelheid Felicitas von Canossa, die Tochter der besten Freundin von Kurfürstin Henriette Adelaide, nach der die Adelheidquelle in Bad Heilbrunn benannt ist. Nicht auszuschließen, dass die Sänfte zu dieser Hochzeit angefertigt wurde.

Allerdings ist die barocke Tragekabine sanierungsbedürftig. Nach Jahren auf dem Dachboden löst sich die Fassung ab, das Lederdach und der Sitz im Inneren sind löchrig, die Wappen an den Seiten kaum noch zu sehen. Ob ihres Alters sei der Gesamtzustand der Sänfte zwar noch als "vertretbar gut" einzustufen, allerdings müsse sie dringend restauriert werden, sagte Hohenreiter. Ansonsten drohe ein unwiederbringlicher Verlust der Originalfassung.

Wie Hinterstocker berichtete, steht der wertvolle Fund derzeit in einem Raum im Erdgeschoss des Stadtmuseums, wo er nicht besichtigt werden kann. Das sei zwar nicht optimal, aber immerhin herrsche dort ein gleichbleibendes Klima ohne mehr Feuchtigkeit oder mehr Trockenheit, sagte Hinterstocker.

Zunächst sollen nun eine Voruntersuchung und ein Restaurierungskonzept erstellt werden, beides dürfte zwischen 7000 und 8000 Euro kosten. Die Stadträte im Hauptausschuss billigten diese Maßnahmen einstimmig - was ihnen leicht fiel, da die auf Denkmäler spezialisierte Messerschmitt-Stiftung mit ihrem Vorsitzenden Kurt Kappelmaier bereits angeboten hat, die gesamte Summe zu übernehmen. Auch die Landestelle für die nichtstaatlichen Museen hat eine Förderung von 50 Prozent zugesagt. Wesentlich teurer wird die Restaurierung der Sänfte: Nach bisherigen Schätzungen dürfte sie zwischen 70 000 und 100 000 Euro kosten.

Mit ihrem Votum für das Konzept befürworteten die Stadträte im Grunde genommen auch schon die Restaurierung selbst. Müsste die Stadt die Ausgabe von rund 100 000 Euro alleine tragen, hätte er "schon ein Problem damit", sagte Kämmerer Hermann Forster. "Aber es gibt sicher einige, die mitfinanzieren."

Peter Wiedemann (FWG) wollte wissen, was diese große Investition dem Stadtmuseum schlussendlich an Gästen bringe. "Dann muss da ja was passieren", meinte er. An der Sänfte würden Hunderttausende Besucher in der Sonderausstellung im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg vorbeidefilieren, erwiderte Botzenhart: "Der Werbeeffekt ist schon als sehr hoch zu beziffern." Ingo Mehner (CSU) warf ein, dass er ein Problem damit habe, "den Gegenwert von Kultur in Geld aufzuwiegen". Für ein solch wertvolles Stück gibt es laut Hinterstocker keine genauen Marktpreise. Der Wert sei aber alleine deshalb hoch, weil das Original "nicht wiederbringbar" sei.

In Bad Tölz soll die Sänfte das Glanzstück in der Neukonzeption des Stadtmuseums sein. "Ein Diamant unter den Exponaten", wie Hohenreiter formulierte. Geplant ist, die Tragekabine des Max Cajetan von Toerring-Seefeld im neuen Themenraum "Tölzer Schloss und Adel" im zweiten Stock des Museums zu zeigen. Die Arbeiten an diesem Abschnitt der künftigen Dauerausstellung sollen noch heuer beginnen und 2019 fertiggestellt sein. "Wir können noch 100 Bauernschränke aufstellen, aber eine solche Sänfte hat keiner", sagte Leiterin Hinterstocker.