Gesprächskreis Wie "Kriegsenkel" die Nazi-Vergangenheit ihrer Vorfahren verarbeiten

Mein Vater, der SS-Mann: In Wolfratshausen sprechen Angehörige über ihre Familien. Eine Tochter sagt: "Ich will nicht alles vergeben."

Von Felicitas Amler

Sie musste sechzig Jahre alt werden, um dies zu erfahren, und obwohl sie dem Mann schon lange "alles zugetraut" hatte, war es ein Schock: Luises Vater war bei der SS. Er arbeitete in verschiedenen Konzentrationslagern. Luise (alle Namen geändert) erzählt es gefasst, auch dass ihre Mutter den Ehemann offenbar in mehreren KZs besuchte, als wären es Urlaubsadressen. Die Tochter will nun "erst einmal alles ans Licht bringen", recherchiert gezielt. Den Mut, sich selbst dieser familiären Vergangenheit auszusetzen, habe sie in der Gruppe gewonnen: "Sie hat mich gestärkt."

Die Gruppe ist ein offener Gesprächskreis von "Kriegsenkeln", der sich seit eineinhalb Jahren regelmäßig in Wolfratshausen trifft. Der Begriff "Kriegsenkel" hat sich etabliert für Menschen, welche die Vergangenheit der Nazizeit, des Zweiten Weltkriegs und aller damit zusammenhängender Erscheinungen, etwa der Vertreibung, in sich tragen. Im engeren Sinn ist die Generation der Enkel gemeint, tatsächlich setzen sich auch Töchter und Söhne mit der Frage auseinander, wie Erfahrungen, Belastungen, Verdrängungen, Traumata ihrer Väter und Mütter in ihnen fortwirken. Der in Dachau lebende Psychotherapeut und Autor Jürgen Müller-Hohagen hat das Phänomen in seinem Buch "Geschichte in uns" so beschrieben: "Es geht um untergründige Programmierungen, um den Eisberg unter dem Wasser." Eine 57-jährige Frau aus der Wolfratshauser Gruppe nennt das "die schädlichen Muster", die sie in ihrer ganzen Entwicklung begleitet hätten: "Aushalten und schweigen", das sei nach dem Krieg das Lebensmuster ihres Vaters gewesen. Und nun wolle sie wissen, wie das ihre Beziehungen beeinflusse, das Miteinander, die Kommunikation: "Was macht das mit mir?" - dieser Frage gehe sie nach.

Franka, 48, hat nicht nur privat Interesse an diesen Zusammenhängen. Sie ist Persönlichkeits- und Business-Coach, und bei ihren Klienten begegneten ihr bestimmte Muster immer wieder, sagt sie: "Aushalten, sich nicht wehren, nicht Nein sagen, nicht loslassen, den eigenen Bedürfnissen nicht gerecht werden." Als sie in einem beruflich orientierten sozialen Netzwerk einen Post von Stefan Treiber über die Kriegsenkel-Gruppe las, fühlte sie sich daher sofort angesprochen.

Treiber hat die Gruppe in Wolfratshausen initiiert. Aus persönlichen Gründen - sein Vater war Heimatvertriebener -, aus grundsätzlichem Interesse an Geschichte und nicht zuletzt vor dem Hintergrund seiner Arbeit als Stadtführer in München, der auch an der KZ-Gedenkstätte Dachau tätig ist. "Mein Vater war entwurzelt, er hat seine Heimatlosigkeit an mich weitervererbt", sagt Treiber. Das Unausgesprochene wirke fort. Dies ist auch die berufliche Erfahrung der 66-jährigen Sophia aus der Ehe- und Familientherapie. Da seien ihr immer wieder diese "übernommenen Gefühle" begegnet. Etwa bei der Frau, die ohne ersichtlichen Grund immer das Gefühl hatte, sie verliere den Boden unter den Füßen: "Solche Bilder sind ein Hinweis auf übernommene Gefühle." Zum Beispiel auf Ängste, die nicht aus eigenem Erleben, sondern eben aus dem Kriegsleid der Eltern oder Großeltern stammten. Sie selbst, sagt Sophia, habe einen Vater gehabt, der über seine Kriegszeit als Sanitäter auf der Krim immer gesagt habe: Das wollt ihr nicht wissen, was ich alles gesehen habe.

Dabei ist nach Überzeugung der Gruppe genau das Hinschauen heilsam: "Das Leben wird für einen selbst leichter", sagt Treiber, "man geht gnädiger mit sich um." Günther Achatz, 52, der die Gruppe mit ihm gemeinsam leitet, sieht es genauso. Auch er betreut Führungen durch die KZ-Gedenkstätte Dachau und hält die Konfrontation mit der Vergangenheit für nötig - nicht zuletzt bei familiären Konflikten. Es sei besser, sich mit der Geschichte der Eltern zu befassen, als den Druck an die eigenen Kinder weiterzugeben.

Einer der wenigen Männer in der Gruppe erzählt, er habe erst durch die Auseinandersetzung mit Vater und Großvater zu einer inneren Ausgeglichenheit gefunden. Sein Großvater habe sich geweigert, der NSDAP beizutreten, sei deswegen sogar beruflich zwangsversetzt worden. Sein Vater hingegen habe als Soldat im Kampf gegen Partisanen "mit Sicherheit Kriegsverbrechen begangen", sagt der 53-Jährige. Er könne inzwischen beide Seiten verstehen - wenn er auch nicht finde, "dass man diese entsetzlichen Dinge vergeben kann".

So sieht es auch Luise, die nun weiß, dass ihr Vater ein SS-Mann war. "Ich will nicht alles vergeben", sagt sie. Erst einmal wolle sie alles wissen. Als ihr Vater noch lebte, habe sie sich nie getraut, ihn konkret nach seinem Verhalten in der Nazizeit zu fragen. Einmal habe sie sich bei der Schwester erkundigt und sei "total runtergebügelt" worden. "Das Leben meiner Eltern ist mir verborgen geblieben." Erst jetzt, da ihre hochbetagte Mutter dement in ein Heim gekommen sei und sie die Wohnung auflöse, habe sie die Geschichte ihres Vaters entdeckt - in Aufzeichnungen ihrer Mutter. Und nun möchte sie es genau wissen und recherchiert in Archiven.

Die Gruppe, die für neue Teilnehmer offen ist, befasst sich jedesmal mit einem bestimmten Thema, das Treiber vorschlägt. "Heimat" oder "Flüchtlingskrise" waren schon Aufhänger für die Gespräche. "Tabu" ist als nächstes vorgesehen. Darauf sind einige in der Runde schon sehr gespannt. Die Gespräche dauern etwa zwei Stunden, und wenn es länger wird, verpasst Franka immer ihre S-Bahn nach München. Das hält sie aber nicht davon ab, beim nächsten Mal wiederzukommen - und bis zum Ende zu bleiben. Denn sie findet den Austausch so anregend. Und wie alle hier spürt sie das Gemeinsame trotz unterschiedlicher Schicksale. "Die emotionale Parallelität zwischen uns allen", nennt Franka das.

Wer die Gruppe aufsuchen möchte, die sich etwa alle zwei Monate donnerstags in einem Nebengebäude der evangelischen Kirche in Wolfratshausen trifft, kann sich per E-Mail anmelden: info-kriegsenkel@gmx.de