Dreharbeiten Ein ganzes Dorf wird Filmkulisse

Aus Harmating wird "Gendering": In der ZDF-Komödie soll der Ort zur Wellness-Oase für die Münchner umgebaut werden. Das Drehbuch stammt von einem Einheimischen.

Von Claudia Koestler, Egling

Im 30-jährigen Krieg übersahen die Schweden noch den idyllischen Weiler Harmating mit seiner Turmburg. Das deutsche Fernsehen aber hat den Ortsteil der 5500-Einwohner-Gemeinde Egling nun entdeckt: Für eine ZDF-Komödie verwandelt sich das gesamte Dorf derzeit in einen Drehort. Alle Nachbarn bis auf den Bewohner von Schloss Harmating räumen Küchen, Wohnzimmer oder gleich das ganze Haus - damit sich Kameraleute, Toningenieure, Regisseur und Schauspieler breitmachen können.

Der Dreh nimmt ironischerweise ein Stück der Filmhandlung vorweg: Es geht nämlich um Investoren, die mit ihren Millionen die Bewohner wegkaufen wollen, um aus dem Dorf einen Kur-Vorort der Münchner zu machen - "Gentrifizierung" nennt sich diese Verdrängung der Alteingesessenen. Und so wird aus Harmating bis Mitte Oktober "Gendering". Hinter dem Namen steckt eine zweite Anspielung - nämlich auf "Gender", englisch für Geschlecht. Denn der Streit um die Millionen entzweit Frauen und Männer im Dorf, die sich fortan gegenseitig bekriegen - Komödie eben.

Der Arbeitstitel lautet: "Wenn Frauen ausziehen". Unter der Regie von Matthias Tiefenbacher werden so bekannte Schauspieler wie Max von Thun und sein Vater Friedrich von Thun, Saskia Vester, Sophie von Kessel und Anna Maria Mühe in die Rollen der Dorfbewohner schlüpfen.

Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen ist schon lange Kulisse für Filme und Serien, vom "Bullen von Tölz" über "Forsthaus Falkenau" bis hin zu "Wickie" oder "Hubert und Staller". Dass aber ein ganzes Dorf zum Drehort wird und damit die komplette Kulisse des Films bildet, ist außergewöhnlich, hat aber einen simplen Grund.

Für die Vorlage zeichnet der Eglinger Drehbuchautor Christian Jeltsch verantwortlich. Jeltsch wohnt unweit von Harmating. "Wenn ich joggen gehe, geht mir manchmal ausgerechnet am Harmatinger Berg die Luft aus. Und wenn man da hoch blickt, dann bietet Harmating einfach ein geniales bayerisches Bild", sagt er. In der Tat, die Kapelle St. Leonhard, daneben das Wirtshaus mit Biergarten, ein paar Bauernhäuser mit Kräuter- und Rosengärten und über allem thronend die efeubewachsene, mittelalterliche Turmburg, Schloss Harmating - ein idyllisches Ensemble wie aus einer anderen Zeit.

"Irgendwann kam die Idee auf, wie wäre es, wenn das verloren ginge?", beschreibt Jeltsch den Anstoß zum Drehbuch. "Wenn man einen solchen Flecken nimmt und das alles saniert, ökologisch natürlich, ohne Autos und denkmalgeschützt - aber was macht man mit den Menschen?", habe er sich gefragt. Daraus entwickelte sich eine Geschichte, wie sich die Bewohner eines solchen Weilers entscheiden würden, wenn ihnen Millionen geboten würden, damit sie wegziehen, weil Investoren aus ihrem Ort einen Wellness-Ort vor den Toren Münchens machen wollen. Allerdings spaltet das Angebot die Dörfler - die Frauen gehen geschlossen in Opposition zu den Männern, ziehen gemeinsam in ein Häuschen und machen fortan den Männern das Leben schwer - und umgekehrt. Ein Lysistrata-Motiv mit Humor, "der im besten Falle etwas englisch daherkommt, also eher mit Understatement als mit Schenkelklopfer", hofft Jeltsch.

Etwa zwei Jahre dauerte es von der ersten Drehbuchfassung bis zum ersten Drehtag. Und dass nicht im Studio oder weit verstreut gedreht wird, hat den Grund, "dass alles, was im Drehbuch vorkommt, eben in Harmating auch real zu finden ist", sagt Jeltsch. Bis auf den Schlossherrn habe sich kein Bewohner gegen den Dreh gesträubt - sie werden für die Dauer der Arbeiten falls nötig anderweitig untergebracht und finanziell entschädigt. Und zwar ordentlich. "Einen ganzen Haufen Geld", nennt ein Nachbar den Betrag. Hier trifft die fiktive Gentrifizierung die echte. Entsprechend wird Jeltsch inzwischen angesprochen: Als "unseren Wohltäter" habe ein Landwirt ihn mal lachend betitelt.

Tatort, Polizeiruf, Fernsehpreis: Der 58-jährige Christian Jeltsch gehört zu den renommiertesten Drehbuchautoren der Republik. Er wohnt selbst in der Nähe von Harmating.

(Foto: Claudia Koestler)

Der 58-Jährige gehört zu den renommiertesten Drehbuchautoren Deutschlands, der Zuschauer bewegt, Kritiker fesselt und Preise abräumt. Jeltsch wurde in Köln geboren und wuchs in der Eifel auf. Schon in der Schule schrieb er besonders gerne Aufsätze, "die aber immer als zu lang bemängelt wurden", lacht er heute. Mit 14 Jahren beschloss er bereits, "später mal in einem Turm zu sitzen und zu schreiben". Sein Psychologie-Studium in München finanzierte er schon mit dem Schreiben von Werbespots. Nach vier Semestern entschied er sich aber für das Theater, um als Regieassistent zu arbeiten.

Er entwickelte weiter nebenher Geschichten. Sein erstes Drehbuch wurde aber nie verfilmt. Später gelang ihm das bei Krimiserien wie "Peter Strohm", 1996 folgte schon der Tatort "Liebe, Sex, Tod", 1998 die Polizeiruf 110-Folge "Spurlos verschwunden" mit Edgar Selge und Gaby Dohm. 1999 entwickelte er das Sozialdrama "Rote Glut", für das der den Bayerischen Fernsehpreis erhielt. "Von da an wurden die Bücher zumindest auf jenen Haufen gestapelt, der gelesen wird", sagt er freimütig über die Branche. Für seine weitere Arbeit erhielt er den Grimme-Preis, noch einen Bayerischen Fernsehpreis und sogar den Marler Fernsehpreis für Menschenrechte. Jeltsch setzt auf Typen - wie zum Beispiel den einarmigen Kommissar Tauber, dargestellt von Edgar Selge, oder den eigentümlichen Ermittler Kreutzer.

Bis zum 20. Oktober wird derweil in Harmating noch an der Komödie gedreht. Obwohl Jeltsch nicht weit vom Drehort entfernt wohnt, hat er kein wachsames Auge auf die Dreharbeiten. Er kennt den Regisseur bereits von früheren Produktionen und schätzt dessen Arbeit. Auch die Besetzung findet er sehr gelungen. "Und die Produktion weiß, dass sie gut arbeiten müssen, sonst kann ich hier nie mehr joggen", sagt Jeltsch lachend. Die Komödie soll im kommenden Herbst im ZDF ausgestrahlt werden.