Bad Heilbrunn Furcht vor Flüchtlingsheim

660 Unterschriften liegen gegen die Belegung der Leonardis-Klinik vor. In der Bürgerversammlung wird deutlich, dass der Landkreis dennoch an der Sammelunterkunft festhält.

Von Petra Schneider

Bürgermeister Thomas Gründl (CSU) hatte mit mehr Aufruhr bei der eigens anberaumten Bürgerversammlung gerechnet und zur Sicherheit sogar eine Polizeistreife angefordert. Seit Anfang des Jahres bekannt wurde, dass die Leonardis-Klinik mit Flüchtlingen belegt wird, schlagen die Wogen in der Gemeinde hoch. An die 100 Bürger waren am Mittwoch in den Kursaal gekommen, die sich mit Wortbeiträgen allerdings zurückhielten. 42 Flüchtlinge sind aktuell in Wohnungen untergebracht. Dass nun bis zu 90 weitere kommen sollen, stellt für viele Bürger und den Bürgermeister eine "nicht nachvollziehbare Überbelastung der Gemeinde" dar. Auch Mitglieder des Helferkreises äußerten sich besorgt: Die Kapazitätsgrenze der 30 Helfer sei bereits erreicht, sagte Martina Kugler.

Eigentlich ist Bad Heilbrunn in Sachen Flüchtlingsbetreuung eine Vorzeigekommune: Als erste Gemeinde nahm man im Jahr 2011 Flüchtlinge auf, der erste Runde Tisch wurde hier ins Leben gerufen, die ersten Integrationsveranstaltungen organisiert. Nun haben sich jedoch 660 Bürger in einer Unterschriftenaktion gegen die Sammelunterkunft in der ehemaligen Klinik ausgesprochen. Bürgermeister Gründl hatte aus diesem Grund die Bürgerversammlung zu diesem Thema einberufen. Dass Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler) am Mittwoch nicht gekommen war, sorgte bei einigen Bürgern für Unverständnis. Niedermaier hatte Karsten Ludwig, Sachgebietsleiter Asyl, als Vertreter des Landratsamts geschickt, der Daten und Fakten zusammenfasste.

Unterschriften gegen Sammelunterkunft

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Im Landkreis gebe es 2600 Plätze für Asylbewerber, belegt seien derzeit rund 1800, sagte Ludwig. Von den 800 freien Plätzen entfielen 500 auf die drei Gemeinschaftsunterkünfte in Bad Tölz, Geretsried und Wolfratshausen. Diese würden allerdings in den kommenden Wochen belegt. "Wir haben noch Spielraum", sagte Ludwig. Den brauche man aber auch: Denn nach wie vor kämen jede Woche im Schnitt sechs Asylbewerber im Landkreis an. Auch könne man aus "humanitären Gründen" eine Unterkunft nie voll belegen. Zudem brauche man Alternativen, wenn Verlegungen nötig würden. Mietverträge würden aufrechterhalten - auch deshalb, um Wohnungen für Fehlbeleger bereithalten zu können und sie so vor Obdachlosigkeit zu bewahren. "Wir wollen im Landkreis die dezentralen Unterkünfte halten", fasste Ludwig zusammen.

Der Mietvertrag für die Leonardis-Klinik wurde im März 2016 für drei Jahre abgeschlossen. Wie Gründl sagte, hätten ihm die Eigentümer versichert, diesen anschließend nicht zu verlängern. Eines der vier Gebäude wird laut Ludwig für bis zu neun unbegleitete minderjährige Flüchtlinge genutzt, die in einer heilpädagogischen Wohngruppe rund um die Uhr betreut werden. Weil nur maximal 90 Prozent einer Unterkunft belegt würden, könne man in Bad Heilbrunn von 60 bis 65 zusätzlichen Flüchtlingen ausgehen. Ein Sicherheitsdienst sei rund um die Uhr an der Sammelunterkunft, je Schicht mit zwei Ordnungskräften. Auch die Asylsozialberatung bekomme ein eigenes Büro. Wlan und ein PC-Raum stünden für Deutschkurse zur Verfügung, ebenso Außenflächen, damit sich die Flüchtlinge beschäftigen könnten. Neben den Ehrenamtlichen kümmerten sich die Landkreisverwaltung, der Verein "Hilfe von Mensch zu Mensch" und der Sicherheitsdienst um die Flüchtlinge. In Bad Heilbrunn sei die Betreuung mit einer Quote von fast eins zu eins sehr hoch, so Ludwig. Im Unterschied zu Bad Tölz, das fast 400 Flüchtlinge mit 120 Helfern betreue. "Da müssen die Aufgaben einfach anders verteilt werden." Seit dem 6. März leben neun Flüchtlinge aus Nigeria, Somalia und Sierra Leone in der Leonardis-Klinik: drei Paare und drei alleinstehende Männer, was von einem Bürger mit "Ja super, genau die brauchen wir" kommentiert wurde.

Ausführlich äußerte sich Unterschriftensammler Lothar Hiese in der Bürgerversammlung. Der Unternehmensberater, der nach eigenem Bekunden viel unterwegs und "fast nie" in Bad Heilbrunn ist, hob hervor, er habe die Unterschriftenaktion nicht gemacht, "um eine Ortsgruppe der AfD zu gründen". Aber er sehe "erheblichen Informationsbedarf". Vor allem Sicherheitsprobleme, die im Umgriff von Sammelunterkünften immer wieder aufträten, beschäftigten die Bürger. "Wie kann man seine Joggingstrecke durch die Ramsau noch machen, wenn man an der Leonardis-Klinik vorbei laufen muss?" Weil noch Unterkünfte im Landkreis verfügbar seien, sehe er eine Vollbelegung der Leonardis-Klinik nicht als "objektive Notwendigkeit". Hiese forderte eine Begrenzung der Belegung auf maximal ein Drittel, und das möglichst mit Familien. Er plädierte für dezentrale Wohnungen und bezahlte Asylhelfer. Die Gemeinde habe nicht die nötigen Betreuungskapazitäten für weitere Flüchtlinge, "und jeder, der das glaubt, ist nicht ganz bei Trost."

Pfarrer Karl Bopp warnte vor "Stimmungsmache". Er sei zuversichtlich, "dass wir das mit Behörden und Ehrenamtlichen bewältigen können". Die Mitglieder des Helferkreises warben für mehr Unterstützer. "Bitte kommen Sie zu uns und lernen Sie die Flüchtlinge kennen", sagte Brigitte Schmiedel. "Damit Sie keine Angst haben, wenn Sie abends zum Joggen gehen."