Verkehrsprobleme Keiner verschwendet mehr Zeit im Stau als die Münchner

Stau am Isarring: Die Münchner kostet das jährlich viel Zeit und Nerven - und auch Geld.

(Foto: Catherina Hess)
  • Nach einer groß angelegten Stau-Studie ist München immer noch die staureichste Großstadt Deutschlands.
  • Ein durchschnittlicher Autofahrer verbrachte hier im Jahr 2016 allein während der Stoßzeiten insgesamt 49 Stunden mit Warten.
  • Der Zeit- und Benzinverlust kostet, der Studie nach, die Stadt 1,99 Milliarden Euro pro Jahr.
Von Jakob Wetzel

Die gute Nachricht zuerst: Die umfangreichen Bauarbeiten haben offenbar tatsächlich etwas gebracht. Jahrelang galt der Mittlere Ring als stauanfälligste Straße Deutschlands, doch das ist jetzt vorbei. In einer groß angelegten Stau-Studie, die der US-amerikanische Verkehrsdatenanbieter Inrix an diesem Dienstag veröffentlicht, schafft es der Ring nicht einmal mehr unter die zehn übelsten Trassen der Bundesrepublik, ja nicht einmal unter die fünf ärgsten Staufallen Münchens.

Die schlechte Nachricht aber ist: Die bayerische Landeshauptstadt ist trotzdem die staureichste Großstadt Deutschlands geblieben. Ein durchschnittlicher Autofahrer verbrachte hier im Jahr 2016 allein während der Stoßzeiten insgesamt 49 Stunden mit Warten; in keiner anderen deutschen Stadt wurde so viel Zeit verschwendet. Und wenn in München einmal nichts mehr vorangeht, dann richtig - besonders in der Innenstadt und am Abend. So langsam wie hier fließt der Verkehr dann in keinem Stau in ganz Deutschland.

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Immerhin: Im Ausland gibt es Städte, in denen Autofahrer erheblich mehr Geduld mitbringen müssen. Im internationalen Vergleich landet München bei weltweit 1064 untersuchten Städten lediglich auf Rang 36; europaweit belegt die Stadt Rang 14. Den traurigen globalen Spitzenplatz belegt Los Angeles mit 104 Stunden Wartezeit, gefolgt von Moskau, dem europäischen Spitzenreiter, mit 91 Stunden.

Insgesamt erlaubt die "Traffic Scorecard" für 2016 einen erstaunlich differenzierten Blick auf Münchens Verkehrsprobleme. Denn die Firma hat sich bemüht, die verschiedenen Facetten des Verkehrs in einer Großstadt abzubilden, und deshalb aufgeschlüsselt, wie viel Prozent ihrer gesamten Fahrtzeit Autofahrer auf verschiedenen Straßen und an unterschiedlichen Tagen zu je verschiedenen Uhrzeiten in Staus verbringen; so soll sich nicht nur der Berufsverkehr in den Zahlen spiegeln, sondern auch das Verkehrsaufkommen tagsüber, nachts und am Wochenende.

Zudem hat Inrix erstmals berechnet, was der Zeit- und Benzinverlust für den Geldbeutel der Bürger bedeuten und um wie viel sich Güter verteuern, weil die Transportzeiten länger sind. Jeden Münchner Autofahrer kosten die Staus demnach jährlich 2418 Euro - und die Stadt München verliert dadurch 1,99 Milliarden Euro.

Abbildung: SZ

(Foto: SZ-Grafik)

Für München ergibt sich aus den Daten darüber hinaus, dass die Stauzeit insgesamt mit etwa 15 Prozent zwar hoch ist - Autofahrer stehen im Durchschnitt 15 Prozent ihrer Fahrtzeit im Stau -, dass der Verkehr aber auf den Ein- und Ausfallstraßen relativ gut fließt. Im Gegensatz zu anderen Städten mit vielen Pendlern ist die "Staurate" auf Münchens Zubringern recht niedrig. Der Stau wartet dann weiter innen, auf den Straßen der Innenstadt.

Eine Münchner Besonderheit ist auch, dass das Straßennetz insgesamt stark überlastet ist. So zählt nur ein einziger Münchner Straßenabschnitt zu den zehn schlimmsten Staufallen Deutschlands: die Strecke Hohenzollern-/Schwere-Reiter-/ Leonrodstraße in Richtung Westen bis zur Landshuter Allee mit insgesamt durchschnittlich 34 Stunden Wartezeit im Jahr. Diese Rangliste führt mit 37 Stunden ein Abschnitt der Autobahn A3 bei Köln an.

Berücksichtigt man zudem die Größe Münchens, ergibt sich aus der Statistik sogar, dass in einer anderen deutschen Stadt noch weniger vorangeht als in München: in Heilbronn. In der Stadt in Baden-Württemberg mit etwa 120 000 Einwohnern verbrachten Autofahrer zwar 2016 im Durchschnitt nur 46 Stunden im Stau. Weil die Fahrtzeiten aber insgesamt erheblich kürzer sind, ergibt sich daraus eine "Staurate" von knapp 18 Prozent. Gemessen an der Gesamtfahrtzeit kamen Autofahrer in München also schneller voran.

Um all diese Zahlen zu ermitteln, hat Inrix die Daten von Navigationsgeräten und vernetzten Fahrzeugen mit Informationen unter anderem über Parkplätze oder auch öffentliche Verkehrsmittel verknüpft. Die Firma spricht von weltweit 300 Millionen Quellen. Damit habe sie acht Millionen Straßenkilometer erfasst; das entspricht etwa dem 13-fachen des deutschen Straßennetzes. Von Stau spricht das Unternehmen dabei dann, wenn ein Fahrzeug nur bis maximal 35 Prozent der sonst auf dem Streckenabschnitt üblichen Geschwindigkeit fährt.

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