Verkehrsplanung in München "Am Ende hat man es mit Menschen zu tun"

Fußgänger blockieren Radwege, Radler behindern Autofahrer, und dann steht die Ampel immer an der falschen Stelle: Verkehrsplaner Harald Spath über seinen schwierigen Job.

Von Karoline Meta Beisel

Das Nörgeln gehört zwar zum guten bayerischen Ton, doch so gedankenlos, wie mancher Verkehrsteilnehmer die Konzeption seiner Wege empfinden mag, ist sie nicht. Hinter jeder Haltestelle, hinter jeder Kreuzung und Absperrung steckt genaue Planung. Städte und Kommunen beauftragen unter anderem Planungsbüros mit dieser Aufgabe, etwa das Ingenieurbüro Gevas, Humberg und Partner. Harald Spath ist einer der Geschäftsführer.

SZ: Ich bin Bürgermeister und hätte gerne ein Konzept für die Verkehrswege in einem neuen Viertel. Wie fange ich das an?

Harald Spath: Nehmen wir als Beispiel eine alte Kaserne, die aufgelassen und umgewidmet wird. Zuerst kommen die Stadtentwickler und überlegen sich, was genau in dem neuen Viertel entstehen soll: Wie viele Leute werden da wohnen, wie viele Arbeitsplätze gibt es? Wie viele Schulen? Das legen Sie vorher fest. Dann kommen die Verkehrsplaner.

Abstimmung zum Straßenverkehr in München Wo lauern die größten Gefahren?

Knapp 4000 Einträge in weniger als einer Woche: Der Gefahren-Atlas der SZ dokumentiert, wo Sie sich im Münchner Straßenverkehr unsicher fühlen. Doch an welchen Radwegen, Kreuzungen und Ampeln muss die Stadt nachbessern? Stimmen Sie jetzt ab.

Wie gehen Sie vor?

Wir überlegen uns: Wie viel Verkehr entsteht durch die geänderte Nutzung? Wie viele Leute sind da jeden Tag unterwegs, zu Fuß oder mit dem Rad? Wie viele fahren mit der U-Bahn und wie viele mit dem Auto? Und, ganz wichtig: Wie wirkt sich der neue Verkehr auf die vorhandenen Straßen aus? Um diese Zahlen dann in einen konkreten Plan umzusetzen, hat man vereinfacht gesagt zwei Optionen.

Welche?

Entweder, man versucht einen Mittelweg zu finden, der allen Verkehrsteilnehmern gerecht wird. Oder man bevorzugt einen bestimmten Verkehrsteilnehmer, zum Beispiel die Radler oder den öffentlichen Nahverkehr. Das ist eine Grundentscheidung, die die Stadt oder die Kommune treffen muss. Wir sind Dienstleister und führen diesen Wunsch aus.

Und welcher Verkehrsteilnehmer gewinnt bei dieser Entscheidung?

In der jüngeren Vergangenheit sind die Radfahrer oft Thema gewesen. Vor 20 Jahren ging es oft darum, den öffentlichen Nahverkehr zu bevorzugen.

Hinter jeder Kreuzung steckt genaue Planung. Städte und Kommunen beauftragen unter anderem Planungsbüros mit dieser Aufgabe.

(Foto: Pink Badger - Fotolia)

Wie denn?

Etwa an Bushaltestellen. Früher gab es zum Beispiel diese Haltebuchten: Die Busse mussten rechts ausscheren, die Autos konnten vorbeifahren. Die Busfahrer mussten nach dem Halt auf eine Lücke hoffen, um sich wieder in den Verkehr einzufädeln. Das hat man an vielen Stellen geändert. Die Bushaltestelle ist direkt am Straßenrand, und wenn der Bus hält, müssen die anderen Verkehrsteilnehmer dahinter warten.

Gibt es auch Methoden, die man nicht sehen kann?

Ja, zum Beispiel an Ampeln. An vielen Stellen können sich die Busse sozusagen "anmelden": Gleich bin ich da, werde grün! So lassen sich Busfahrzeiten verringern. In München wird außerdem an fast allen wichtigen Ampeln die Verkehrsstärke gemessen. Dafür liegen Messschleifen auf der Fahrbahn.

Radfahrer in München Neben der Spur

Fahrradclub gegen Autoclub: Der ADFC wünscht sich, dass Radler auf Hauptverkehrsadern öfter die Straße nutzen dürfen, doch der ADAC warnt vor künstlichen Staus. Das Planungsreferat muss jeden Fall einzeln prüfen.

München will fahrradfreundlicher werden . . .

Allgemein kann man sagen, dass viele große Kommunen den Kfz-Verkehr verringern wollen. Da spielen neben den Radlern aber auch der Nahverkehr und Mobilitätskonzepte mit rein.

Was ist mit Mobilitätskonzepten gemeint?

Alles, was eine Stadt oder Kommune sich überlegt, um ein gewünschtes verkehrspolitisches Ziel zu erreichen. Wenn eine Firma zum Beispiel die ÖPNV-Karten für ihre Mitarbeiter bezuschusst, fahren vielleicht weniger mit dem Auto.