Ungewöhnliche Brieffreundschaft Post aus der Todeszelle

Jeder hat eine zweite Chance verdient, sagt Jana Scheer, zumindest die Chance auf eine Freundschaft.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Münchner Ärztin Jana Scheer bekommt seit vier Jahren Botschaften aus dem Hochsicherheitstrakt eines texanischen Gefängnisses. Ihr Brieffreund ist ein Mörder und Vergewaltiger.

Von Julia Huber

Als Jana Scheer den ersten Brief von Henry Carter liest, schluckt sie erst einmal. "Ich will, dass du mir eine Sache versprichst", steht da. "Dass du niemals aufhörst, mir zu schreiben, ohne zu sagen, warum." Kleine Kuli-Druckbuchstaben auf dünnem Papier. Geschrieben von einem Mann, den Scheer noch nie gesehen hat. Henry Carter heißt eigentlich anders. Er hat Dinge getan, auf die er nicht stolz ist. Er ist ein Mörder und Vergewaltiger. Und nun sitzt er dafür in einer texanischen Todeszelle. Sein Satz katapultiert ihr Kennenlern-Geplänkel in die Ernsthaftigkeit. Carter pfeift auf Smalltalk. Er will sich absichern. Scheer nimmt einen Stift und schreibt zurück: "Ich versprech's dir."

Heute lächelt Scheer, wenn sie an den Moment vor vier Jahren zurückdenkt. Typisch Carter, gleich mit der Tür ins Haus. Die 27-jährige Ärztin sitzt am Esstisch ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung am Westpark. Brauner Zopf, gemütlicher Wollpullover, lautes Lachen. "Mir schien der Deal mit Henry nur fair", sagt sie. Scheer gehört zu denen, die fest entschlossen sind, an das Gute im Menschen zu glauben - ganz egal, was der andere früher einmal getan hat. Ihre Wangen sind leicht gerötet, es ist eine aufregende Zeit für sie: Seit vergangenem Jahr hat sie ihren Doktortitel, seit Kurzem die neue Wohnung. Und seit Januar ihren ersten Job als Assistenzärztin in der Frauenklinik an der Taxisstraße.

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Bei Carter gibt es dagegen wenig Neues. Seit er 19 Jahre alt ist, sitzt er im Gefängnis - dieses Jahr wird er 45. Carter ist so etwas wie der Gefängnis-Opa. Er weiß, wie man Kosmetik aus dem Gefängnis-Shop clever gegen Snacks eintauscht. Besondere Schätze versteckt er unter einer Fliese in seiner Zelle. Ein Höhepunkt ist für ihn, wenn er ein Basketballspiel seines Lieblingsteams, den Cleveland Cavaliers, im Gemeinschaftsraum gucken kann.

Seit vier Jahren ist Carter eine Konstante in Scheers Leben. Er ist dabei, als sie für ihre Medizinklausuren in Heidelberg paukt. Er fiebert mit, als sie Experimente im Labor für ihre Doktorarbeit macht. Er staunt, als sie von ihren Urlauben berichtet. Und er drückt die Daumen, als sie einen Schwung Jobbewerbungen losschickt. Carter verfolgt alles aus der Ferne. Als wäre Scheers Leben ein Basketball-Match und er der Zuschauer vorm Fernseher. Carter schaut immer nur zu, nie ist er selber Spieler. Sein Leben findet in einer Zelle von wenigen Quadratmetern statt. Zwischen Bett, Toilette und Schreibtisch. Eine "living hell", sagt Carter dazu, die Hölle auf Erden.

Hier der Knast, da die Karriere - die einzige Verbindung: eine Brieffreundschaft. Warum macht sie das? Es ist das Jahr 2014, Scheer studiert in Heidelberg. Sie ist viel unterwegs, trifft sich mit Freunden, engagiert sich in einer Stiftung. Klassisches Studentenleben. Scheer hört von einem Workshop mit dem Titel "Umgang der Gesellschaft mit Sexualstraftätern". Klingt interessant, sie geht hin. Die Studenten besuchen die Justizvollzugsanstalt Mannheim.

Sie helfen mit, einen Gottesdienst für Gefangene zu gestalten. Scheer bringt ihr Cello mit für die Kirchenmusik. Gut 70 Häftlinge drängen sich in den Bänken der Gefängniskapelle. Es sind Männer, die sonst kaum Kontakt zu anderen Menschen haben. Die den ganzen Tag in Zellen sitzen - alleine mit ihren Gedanken und mit der Schuld. Scheer bemerkt, wie gebannt die Gefangenen vom Gottesdienst sind, manche wirken ganz ergriffen. Sie denkt sich: "Niemand hat es verdient, dass man ihn völlig isoliert sich selbst überlässt."

Dieser Gedanke lässt sie nicht mehr los. Sie will helfen, auch wenn die Unterstützung nur aus der Distanz möglich ist, etwa mit einer Brieffreundschaft. "Lifespark" heißt eine Schweizer Organisation, die solche Kontakte vermittelt. Rund 1300 solcher Freundschaften sind so in den vergangenen 25 Jahren zustande gekommen, aktuell stehen 120 Häftlinge auf der Warteliste. "Lifespark" vermittelt Jana Scheer den Kontakt zu Henry Carter.

Scheer will Carters Einsamkeit vertreiben, indem sie ihm schreibt und ihn so am Leben jenseits der Gefängnismauer teilhaben lässt. Vergangenes Jahr hat sie eine Rucksackreise durch Afrika gemacht. Von dort schreibt sie an Carter: "Es war unglaublich, was für Geräusche die Wildtiere in der Nacht gemacht haben. Ab und an lagen sogar Nilpferde neben unserem Zelt." Er antwortet: "Dein Brief aus Afrika war großartig. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich dort mit dir."

Die Ärztin steht im Briefkontakt mit einem US-amerikanischen Häftling.

(Foto: Jakob Berr)

Es ist der 27. Juni 1991, als Carter sein Leben endgültig versaut. Carter, damals ein 18-Jähriger mit kurzrasiertem Haar und dunklem Flaum am Kinn, ist schon auf der schiefen Bahn. Seine kriminelle Bilanz: zwei Vergewaltigungen, ein Einbruch, ein geklautes Auto. An jenem Donnerstag im Juni betritt er einen Waffenladen in der texanischen Stadt Houston. Er tut so, als wolle er eine Pistole kaufen. Der Besitzer des Ladens, ein 47-jähriger Familienvater, beugt sich über den Tresen und will eine Quittung für ihn ausstellen. Carter schießt ihm in den Kopf, der Mann ist sofort tot. Carter schnappt sich noch 26 andere Pistolen aus dem Geschäft und rauscht im geklauten Auto davon.

Heute bereut er es, das sagt er oft. "Ich wünschte, ich könnte mich bei den Angehörigen entschuldigen", schreibt Carter. Aber die Hinterbliebenen des Waffenhändlers weigern sich, ihn zu treffen. Sie waren es, die im Gerichtsverfahren vor 26 Jahren auf seine Todesstrafe pochten. Mit Erfolg.