Theater Kammerspiele provozieren mit Tagung über Schleuser

Die Kammerspiele provozieren - das Kulturreferat veranstaltet das umstrittene Projekt mit.

(Foto: Tobias Hase/dpa)
  • Die Kammerspiele kündigen eine "Internationale Schlepper- und Schleusertagung (ISS)" an.
  • Bei Innenminister Joachim Herrmann und anderen CSU-Politikern halten das Projekt für fehlgeleitet.
  • ISS ist ein Teil des "Open Border Kongresses", der von Bund und EU gefördert wird.

Die Veranstaltungsankündigung ist bemerkenswert: Mitte Oktober soll in München eine "Internationale Schlepper- und Schleusertagung (ISS)" stattfinden. Nicht von irgendwem, sondern von den Kammerspielen. "Die ISS 2015 präsentiert sich erneut als die relevante Fachtagung der weltweit agierenden Fluchthilfe-Unternehmen", heißt es da. Wichtigstes Ziel sei "die Image-Aufwertung sowie die damit einhergehende Neubewertung der Dienstleistungen Schleppen und Schleusen".

Ein Kunstprojekt? Eine Provokation? Eine Verharmlosung krimineller, manchmal mörderischer Machenschaften? Jedenfalls hat die Ankündigung den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU) auf den Plan gerufen. Er erinnert an "die Schleusermafia und ihre brutalen, menschenverachtenden Methoden", wie er am Freitag der SZ sagte. "Insgesamt erscheint das weniger als ein gelungenes Kulturprojekt, sondern mehr als fehlgeleitete Politpropaganda."

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Was es mit dem ISS auf sich hat

Kunstprojekt - das ist wiederum die Haltung des Kulturreferats der Stadt, dem die Kammerspiele unterstellt sind und das bedauert, dass die Ankündigung "zu einigen Missverständnissen geführt" habe, wie Referatssprecherin Jennifer Becker sagt. Denn die ISS sei "ein Stück weit eine theatrale Inszenierung, keine Tagung". Und sie finde statt im Zuge des "Open Border Kongresses" der Kammerspiele vom 16. bis zum 18. Oktober, dessen Programm viele auch namhafte Referenten aufführt, und der von Bund und EU gefördert wird. Inhaltlich wolle man die Veranstaltung nicht bewerten, sie habe ja noch gar nicht stattgefunden, sagt Becker. Sie abzusagen, habe man aber nicht im Sinn. Trotz allen Wirbels darum.

Tatsächlich ist die Erregung nicht nur in einigen teils eher rechtslastigen Internetforen groß. Auch der Münchner CSU-Bundestagsabgeordnete Hans-Peter Uhl hat an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) geschrieben mit der Bitte zu prüfen, "ob das mit den Gesetzen in Einklang zu bringen ist". Denn das Einschleusen von Ausländern sei eine Straftat, und ihm sei nicht klar, was genau die Schleusertagung bezwecke.

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Wie sich die Veranstalter wehren

Die Kammerspiele und das Kulturreferat wiederum argumentieren, "die performative Inszenierung als Tagung dient als Mittel der Zuspitzung im Kontext des politischen und gesellschaftlichen Diskurses". In Diskussionsrunden und Präsentationen würden sich Künstler, Aktivisten, Journalisten und Anwälte den verschiedenen Aspekten des Themas "Fluchthilfe beziehungsweise Schleppen und Schleusen annähern". Dieser erläuternde Text soll nun der Veranstaltungsankündigung vorangestellt werden; außerdem soll eine Pressekonferenz in zwei Wochen alles erläutern.

Der neue Intendant der Kammerspiele, Matthias Lilienthal, nennt den bisherigen Text "ironisch und sarkastisch" - er sei vor dem Unglück in Österreich entstanden, als 71 Flüchtlinge in einem Lastwagen starben. Zugleich spricht Lilienthal von "Bigotterie", denn im geteilten Deutschland seien Fluchthelfer durchaus angesehen gewesen. Innenminister Herrmann wiederum hält den Begriff "Fluchthelfer" in Bezug auf die aktuelle Situation für eine "unerträgliche Verharmlosung".

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