Wassersport Erstmals startet ein Synchronschwimmer bei der bayerischen Meisterschaft

"Klar hat er einen Hahn-im-Korb-Status", sagt die Trainerin von Noé Lausch - hier im Jahr 2015 bei der Trockenübung.

(Foto: Robert Haas)
  • Der 15 Jahre alte Noé Lausch ist der erste männliche Teilnehmer, der bei den bayerischen Meisterschaften im Synchronschwimmen an den Start geht.
  • Der Titel ist ihm und seiner Partnerin sicher: Es gibt keine Konkurrenz.
  • Synchronschwimmen war bis vor wenigen Jahren absolut von Frauen dominiert, erst seit 2014 wagen sich einzelne Männer vor.
Von Sebastian Winter

Für Noé Lausch ist es gerade nicht ganz einfach, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, sein Element, das Wasser. Immerhin hat sich das ZDF für übernächste Woche angekündigt, Pro Sieben war mal wieder schneller und begleitet ihn schon jetzt für das "Wissens"-Magazin Galileo. An diesem Wochenende lässt der Privatsender sogar eine Drohnenkamera über Lausch hinwegschweben, aus gutem Grund. Denn der 15-Jährige erlebt eine besondere Premiere.

Lausch ist der allererste männliche Synchronschwimmer, der bei den bayerischen Meisterschaften an den Start geht. Im Mixed der Altersklasse A/B, Jahrgang 2000 und jünger, an der Seite von Bilyana Karastoyanova. Der Titel ist schon jetzt vergeben, das Duo, das für die Isarnixen der SG Stadtwerke München schwimmt, hat keine Konkurrenz. "Aber ich möchte mich auch gut präsentieren", sagt Lausch. Das Solo schwimmt er noch nicht, "bis es soweit ist, braucht es noch Zeit und Training", findet Coach und SG-Vorstandsmitglied Barbara Liegl.

Wie gemalt - das grandiose Wassertheater der Synchronschwimmerinnen

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Was die öffentliche Aufmerksamkeit angeht, stellt Lausch die SG-Topathletin Marlene Bojer, deutsche Meisterin, WM-Teilnehmerin und Gesicht der stets ausverkauften Weihnachts-Wassermusicals der Isarnixen im Nordbad (in dem auch Lausch mitwirkte), schon in den Schatten. Weil er ein Junge unter mehr als 100 Mädchen ist. Ein Nix unter Nixen. Münchens Synchronschwimmerinnen erleben ja gerade einen Boom, laut Liegl sind mittlerweile 120 Mädchen und Frauen dabei, Tendenz steigend. Vor zwei, drei Jahren waren es 70. Und Noé Lausch? Ist weiterhin der einzige Junge weit und breit.

Schon 2015 stand der selbstbewusste junge Mann mit den blonden Haaren im medialen Fokus, wurde häufig als einziger Synchronschwimmer Deutschlands bezeichnet, was nicht ganz stimmt. Der Bochumer Niklas Stoepel, 25, war viele Jahre lang der eine Wettkampf-Synchronschwimmer des Landes, mit Lausch sind es nun zwei. Neben ihnen gibt es noch eine ambitionierte Masters-Gruppe. Sie gehört dem Frankfurter Volleyball-Verein an, der sich den Zusatz "Sportklub für Schwule, Lesben und Freunde" gegeben hat.

International haben sich erst Ende 2014 Männer in diesen bislang rein weiblichen Sport vorgewagt. Damals erlaubte ihnen der Welt-Schwimmverband Fina die Teilnahme an Wettkämpfen - aber nur im Mixed-Duett. Bei Olympischen Spielen sind sie nach wie vor nur Zuschauer, was auch Bill May traurig findet, jener US-Amerikaner, der 2015 in Kasan mit seiner Partnerin Christina Jones das erste WM-Gold im neuen Wettbewerb gewann. May hatte schon 2004 vergeblich um einen Platz bei den Spielen in Athen gekämpft und danach frustriert seine Karriere beendet. In Kasan kam er zurück und wurde auf Anhieb Weltmeister.

Von solchen Sphären ist Noé Lausch weit entfernt, er muss eher noch gegen Klischees ankämpfen, wie jenes, was er denn als Junge in einem so weiblichen Sport zu suchen habe, mit diesen stark geschminkten Protagonistinnen, den tanz- und ballettähnlichen Bewegungen über und unter Wasser. Dem ARD-Mittagsmagazin verriet er dazu sinngemäß vor zwei Jahren: "Wenn ich schwul wäre, warum würde ich mir dann so einen Sport aussuchen?" Isarnixen-Trainerin Barbara Liegl freut sich über die Aufmerksamkeit, für Lausch und natürlich auch für die Isarnixen. Aber sie kennt auch den Druck, der durch die Kameras, die Interviews entstehen kann. Sie möchte nicht, dass Lausch, "der nicht so ein Megatalent ist wie Marlene Bojer, aber einen starken Ausdruck hat", die Bodenhaftung verliert: "Diese Balance zu halten, ist nicht einfach." In jeder Hinsicht.

Unten strampeln, oben lächeln: Noé Lausch und seine Partnerin stehen mangels Konkurrenz bereits als bayerische Meister im Mixed fest.

(Foto: Sepp Lausch/oh)

Für Lausch ist die Mädchen-Umkleide tabu, gerade im Teenager-Alter ist das eine sensible Sache. Bei Auswärtsfahrten in einem Zimmer mit Mädchen? Geht gar nicht. "Klar hat er einen Hahn-im-Korb-Status", sagt Liegl, aber manche Dinge machten ihn auch ein wenig traurig. Dem entgegnet Lausch: "In der Umkleide bin ich eine Minute, um mich umzuziehen. Überhaupt sind doch supernette Mädels um mich herum, die sehr tolerant sind."

Lausch wirkt nicht wie ein Sensibelchen, wie sonst könnte er unter 120 Mädchen leben und trainieren - vor allem in diesem so harten Sport, bei dem man mit viel Kraft tanzen, turnen, tauchen und trotz höchster Anstrengung noch ein leichtes Dauerlächeln hervorzaubern muss? Auch seine Geschichte legt das nahe.

Der Aschheimer war Wakeboarder. 2009, mit kaum acht Jahren also, begann er mit diesem Sport, der zwar auch im Wasser spielt, aber mit Synchronschwimmen so wenig gemein hat wie Schach mit einem 100-Meter-Lauf. Allenfalls die Akrobatik, das Gefühl für Bewegung. Zur Anlage im selben Ort hatte Noé es nicht weit, es gibt auch Bilder von ihm auf dem Board. Doch dann verletzte er sich schwer, beim Sprung über ein Hindernis rammte er sich sein Knie an den Mund und dadurch einen etwas abstehenden Eckzahn durch die Lippe. Eine kleine Narbe zeugt davon.

Noch nie gab es ein Mixed-Duell bei einer deutschen Meisterschaft

Er fuhr weiter, "no risk, no fun", sagt Lausch, 2013 aber wurde Wakeboard zur Nebensache: Noé sprang mit seiner kleinen Schwester Jazz im Italien-Urlaub in den Pool, die Mutter machte ein Handyfilmchen, wie die Geschwister Pirouetten drehten und spaßige Choreografien einstudierten. Zu Hause, als die Mama das Video noch einmal ansah, war sie verblüfft. Sie rief bei den Isarnixen an, zuerst ging Jazz in den Verein, später Noé. Jazz, die Zwölfjährige, wurde gerade an der Sportschule München-Nord angenommen, Noé ist zu alt dafür. Er macht in diesem Juni seinen Realschulabschluss und pendelt weiter von Aschheim nach München, meist ins weit entfernte Bad nach Fürstenried.

Anfang Mai möchte er bei der Erwachsenen-DM starten, wohl mit Nicole Rodriguez, einer Vereinskameradin, die zu alt ist für die bayerische Meisterschaft in Augsburg. Bei der DM würden sie erstmals auf Niklas Stoepel und dessen Mixed-Partnerin treffen. Es wäre ein ungleiches Duell, Stoepel hat als Ziel die WM in Budapest. Aber es wäre die nächste Premiere, ein Mixed-Duell gab es bei einer deutschen Meisterschaft auch noch nicht. Sein nächster Traum? "Irgendwann mit meiner Schwester ein Duett bilden. Geschwister haben ja eine besondere Verbindung."

Noé Lausch hat sich nun erst einmal die Haare kurz geschnitten: Um endlich diese Gelatine los zu sein, die sich die Nixen immer auf den Kopf schmieren müssen, damit ihre Haare über und unter Wasser in Form bleiben. Gelatine lässt Haare glänzen, macht sie weich und robust, sie hat aber auch einen kleinen Nachteil. Und der hat Lausch im Wortsinn schon immer gewaltig gestunken.

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