Für Berger, den Chef, war Sebastian nicht der erst Fall, der in einer Katastrophe endete. Hier lebten zwischenzeitlich auch die beiden U-Bahn-Schläger vom Arabellapark. Berger sagt, Sebastian sei längst nicht so aggressiv gewesen wie die beiden anderen. "Aber in einem sind sie sich gleich: Es sind Burschen, die nicht wissen, wie es weitergehen soll, die nicht einmal wissen, wo sie herkommen." Menschen ohne Wurzeln, ohne Selbstwertgefühl. Menschen, denen nichts gelingen mag, die sich in Drogen flüchten und Gewalt.
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Bei Sebastian kommt hinzu, dass er den Tod seines Vaters nie bewältigt, er macht keine Trauerarbeit, er will es nicht, er kann es nicht, wie so vieles. Sein Intelligenzquotient ist stark unterdurchschnittlich, er fühlt sich als Loser. Auch in der Jup läuft er weg, kifft, trinkt, irgendwo in der Stadt.
Immer wieder geht er zu seiner Oma, Mitte siebzig ist die, sie ist die letzte verbliebene Angehörige. Wenn ein Pädagoge, den ihm das Jugendamt zusätzlich schickt, in der Jup klingelt, um mit ihm zu reden, will Sebastian oft nicht. Keine Zeit, sagt er dann.
Ab und an kommen Briefe von der Polizei, dann wissen die Betreuer, dass er wieder was ausgefressen hat. Sie reden mit ihm, auch über eine geschlossene Unterbringung, aber Sebastian lässt sich nicht beeindrucken. "Strafandrohung", sagt Berger, "hat keinen Effekt bei solchen Jugendlichen."
Der Versuch anzudocken
Und dann sei da noch das System der Jugendhilfe, das Gutes will, aber unter allerlei Zwängen stehe, vor allem finanziell: "Die Geduld, die nötig wäre, um mit solchen Jugendlichen zu arbeiten und ihnen langfristig zu helfen, können wir uns alle nicht leisten." Er klingt resigniert.
Sebastian findet eine Freundin, sie ist ihm "ganz, ganz wichtig", sagt einer, aber die Beziehung hält nicht, wie könnte sie auch in einem Klima, in dem Intrigen gedeihen unter den Jugendlichen.
Aber dennoch merken sie in der Jup, dass Sebastian ganz langsam "anzudocken" beginnt, so nennen sie das im Pädagogenjargon, wenn einer Vertrauen fasst zu seinen Betreuern, wenn er seltener abhaut. Die Erzieher schöpfen neue Hoffnung, die Tür zu Sebastian ist einen Spalt offen.
Doch dann ist seine Zeit am Nockherberg zu Ende, er ist sowieso schon einen Monat länger als üblich da. Das Amt schickt ihn nach Obersendling, wo der Suchthilfeverein Condrobs sein Easy-Contact-Haus betreibt, eine WG aus acht jungen Leuten, alle süchtig nach Alkohol oder Drogen oder beidem, alles sehr schwierige Fälle.
Auch dort ist Sebastian viele Nächte weg, jeden Tag rutscht er ein bisschen weiter die schiefe Bahn hinunter. In der WG lebt auch Christoph T., der an der Donnersbergerbrücke die beiden mutmaßlichen Täter angestachelt haben soll. Die Betreuer dort bemerken, dass Sebastian zu Aggressionen neigt, doch alle beteuern, dass sie nie mit einer solchen Eskalation gerechnet hätten, wie sie am 12. September geschah. Ob Sebastian an jenem Nachmittag unter Drogen stand, ist noch offen.
Helmut Berger, der Chef der Jup, erinnert sich, was er damals, als alle Welt über die U-Bahn-Schläger redete, über das Helfen gelesen hat: Man hat ihnen die Hand gereicht, sie haben sie nicht ergriffen, stand in der Zeitung. Ja, sagt er, das mag sein, aber die Hand zu reichen sei das falsche Mittel bei solchen Jugendlichen. Denn das bedeute Partnerschaft, Kooperation, aber wie, bitte schön, solle das funktionieren in diesen Fällen. "Wir müssen sie umarmen." Umarmen bedeute emotionale Zuneigung, bedeute Grenzen setzen.
Die Helfer sind gescheitert, alle. Niemandem ist es gelungen, Sebastian zu umarmen, ihn festzuhalten. Vielleicht ist das System aus Paragraphen und Hilfeplänen nicht gemacht für einen wie ihn.
Der Junge, den sie heute "Killer" nennen, ist durchgerutscht zwischen den Armen. Sebastian hat, so lautet der Vorwurf, einen Menschen brutal getötet. Doch auch sein eigenes Leben er damit zerstört. Sich selbst verloren hatte er schon lange zuvor.
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(SZ vom 19.09.2009/sonn)
Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld
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Bestimmt lässt sich der Werdegang des Täters deuten und auslegen. Alles ist irgendwie erklärbar, aber das wenigste ist automatisch vorbestimmt. Viele Menschen haben und hatten keine schöne Kindheit und Jugend und bringen trotzdem keine friedlichen Leute einfach um oder rauben andere aus.
Es gab und gibt diese Fälle, in denen einfach nichts zu machen ist, oder vielleicht auch nur in einer gewissen Phase nichts zu machen ist.
Der Täter hat - nach einigen Jahren im Gefängnis - immerhin die Chance auf ein zufriedenstellendes Leben. Sein Opfer hat das nicht mehr.
Es gibt diese Fälle, in denen die letztlich durch die Öffentlichkeit beauftragten Beteiligten - und damit meine ich die Heimleiter, die Staatsanwälte, die Jugendrichter, die Psychologen und Gutachter, ihre Verantwortung etwas genauer und gewissenhafter wahrnehmen sollten. Man kennt das ja von sich selbst - Milde ist oft der einfachere Weg und außerdem der moralisch schönere...
Mit "Wegsperren" kann sicher kaum jemand abgeschreckt werden, aber immerhin bleibt mir die tröstliche Gewissheit, vor diesem die nächsten Jahre sicher zu sein.
Ein sehr interessanter Artikel, aber ich denke nicht, dass Mitleid als Reaktion beabsichtigt war. Es wird eher deutlich, dass man frühzeitig eingreifen muss um abweichendes Verhalten zu verhindern. Das dumme daran ist nur, dass Menschen nicht wie Maschinen funktionieren. Wenn bei einem Auto eine Schraube locker ist, dann bringt man es zu Mechaniker. Wobei auch noch nicht sicher ist, dass dann der Schaden behoben ist. Bei einem Menschen funktioniert es eben nicht so einfach. Es wird immer Leute geben, die die Schlagzeilen mit Gewalttaten füllen werden. Aber es gibt auch sicherlich genügend Jugendliche die auf Maßnahmen der Jugendhilfe ansprechen und von denen man nie etwas in den Zeitungen lesen wird. Aber man wird auch nichts von ihnen hören, dass sie es geschafft haben.
leider wurde mein Beitrag vom 21.09.09 durch die SZ wieder entfernt. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass ich niemanden beleidigt habe und meine Ansichten sehr sachlich zum Ausdruck gebracht habe, obwohl mir nach Anderem zumute gewesen wäre.
Mir ist nicht bekannt aus welchem Grunde mein Beitrag gelöscht wurde.
ich finde es erstens richtig, dass wir anfangen auf die Hintergründe von Gewalt zu schauen, dafür dem Autor meinen Dank.
Dann ist mir aufgegfallen, dass in dem Artikel benannt wurde, was da notwendig wäre, nämlich Umarmung und bedingungsloeses Angenommensein. Wenn das fehlt, verlieren wir als Menschen unseren Halt.
Und: es gibt eine Lösung. Es gibt die Maßnahme work&Box-Company, die mit genau diesem Mittel arbeitet, mit bedingungsloser Annahme -nicht zu verwechseln mit "ist doch alles nicht so schlimm!". Dort wird Eigenverantwortung gefordert und das erstaunlichste ist, die Jugendlichen, die nirgendwo bleiben wollen, kommen dort immer wieder, am Ende haben sie eine Lehrstelle auf dem ersten Arbeitsmarkt, sie haben eine Perspektive für ihr Leben entwickelt. Denn nichts wünschen sie sich mehr, als ein normales Leben führen zu können.
Diese Maßnahme kostet nur einen kleinen Teil dessen, was das Gefängnis kostet.Was wollen wir uns als Gesellschaft leisten? Die teure Knastverwahrung mit 80%-iger Rückfallquote oder die Integration in unsere Gesellschaft mit 80%-igem Erfolg????
Bitte informieren Sie sich.
Herzliche Grüße
L-ich-t
Wie viele "verlorene Seelen" gibt es auf dieser Welt?
Sicherlich viele. Wenn ich allerdings bedenke, wie die Jugendzeit meiner Eltern während und nach dem zweiten Weltkrieg ausgesehen hat, dann frage ich mich, wie sie und Tausende andere es geschafft haben, normale und anständige Leute zu bleiben.
Sie haben trotz Gewalt und schlimmster Widrigkeiten geschafft, aus sich und ihren Kindern vollkommen normale und fleissige Menschen zu machen.
Die Jugend von heute ist schon sehr verwöhnt und verweichlicht, Markenbesessen und wächst oftmals ohne Werte und Glauben auf. Im Krieg haben die Leute zusammengehalten, es gab den Glauben und die Hoffnung auf eine bessere Zeit danach.
Wo ist Glaube und Hoffnung heute? Soll man jedem straffälligen Jugendlichen die "schlechte Kindheit" als strafmildernd anerkennen?
Ich denke, diese Frage kann man schlicht und ergreifend mit NEIN beantworten!
Paging