Piratenpartei Technikbegeisterte Demokraten

Chaotenhaufen, Computerfreaks, Spaßpartei? Ein Besuch beim München-Stammtisches der Piratenpartei.

Von Angela Gruber

Der Partei-Stammtisch findet in einer Gaststätte namens "Bavaria" in der Bayerstraße nahe dem Hauptbahnhof statt. Dort werden riesige Schnitzel serviert, deren Enden über den Tellerrand ragen. Die Holztische sind mit Servietten mit dem typischen weiß-blauen Rautenmuster dekoriert. Obwohl der Treffpunkt also urbayerisch anmutet: Hier trifft sich nicht der CSU-Stammtisch, sondern die Piratenpartei.

Jeden Freitagabend ab halb acht kommen Parteimitglieder, Sympathisanten und Interessenten ins "Bavaria", um sich bei einem Bier über politische, persönliche und technische Belange auszutauschen - und der Stammtisch verzeichnet rasante Zuwachsraten.

Das ist der Politik der Großen Koalition geschuldet. "Bevor das Zugangserschwerungsgesetz für Kinderporno-Seiten von Ursula von der Leyen verabschiedet worden ist, waren wir zu siebt", erzählt ein Pirat, "zwei Wochen später saßen 50 Leute hier."

Die Piratenpartei ist 2006 in Deutschland gegründet worden und hat aktuell rund 6000 Mitglieder. Sie strebt einen freien Wissensaustausch ohne Patente an und kämpft gegen einen Überwachungsstaat. Die Mitglieder fordern besseren Datenschutz, mehr Informationsfreiheit und freie Bildung. Die Partei will sich nicht in das politischen Spektrum einordnen lassen und ist eine Bewegung mit internationalem Hintergrund. In 15 Bundesländern tritt die Partei zur Bundestagswahl an.

Stasi 2.0 und Zensursula

Wer zu diesem Stammtisch kommt, ist in der Regel männlich, jung und in einem technischen Beruf tätig. Vereinzelt sitzt eine Frau zwischen den Männern, von denen nicht wenige eines der riesigen Schnitzel bestellt haben. Viele Anwesende tragen ein T-Shirt mit dem Emblem der Piratenpartei, einer schwarze Fahne.

Hoch im Kurs stehen auch Shirts mit dem Konterfei von Innenminister Wolfgang Schäuble, darunter der Schriftzug: "Stasi 2.0". Neu in der T-Shirt-Hitliste ist ein Oberteil mit dem Bildnis von Ursula von der Leyen, der neuen Lieblingsfeindin der Piraten. Sie verspotten die Ministerin - unter anderem auf ihrer Kleidung - als "Zensursula".

Markus, seit acht Wochen Parteimitglied, ist mit der Gesetzgebung der letzten Jahre unzufrieden. "Die Überwachung von Seiten des Staates nimmt immer mehr überhand. Ich war bis jetzt politisch nicht aktiv, aber irgendwann muss man eingreifen", sagt der junge Mann um die Zwanzig. Die Piratenpartei sieht er als geeignetes Forum dafür: "Der Name Piratenpartei lässt zwar auf eine Spaßpartei schließen, aber ich habe mich informiert und festgestellt, dass mehr dahinter steckt."

Online-Interaktion ist nicht genug

Warum aber treffen sich die Piraten überhaupt zum Stammtisch? Im Internet sind sie bestens vernetzt, der Informationsfluss funktioniert schnell und gut. "Die Online-Interaktion reicht nicht aus", sagt Eugen, ein Parteimitglied mit schwarz-grau melierten Haaren und einem Eee-PC, der kleineren Version des Notebooks, vor sich. "Auch die Chemie muss stimmen zwischen den Leuten." Er ist Pirat geworden, "weil man als Teil einer Partei effektiver agieren kann". Davor war er im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung tätig. Dieser ist ein Zusammenschluss von Bürgern mit dem Ziel, ein gemeinsames Vorgehen gegen Vorratsdatenspeicherung besser zu koordinieren. Eugen erwartet, dass die Piraten bei der Bundestagswahl zwei Prozent der Stimmen erreichen - "mindestens".