Oktoberfest-Hostel Sich am falschen Ort zu übergeben, ist teuer

Das Bier trinkt man auf dem Oktoberfest aus riesigen Gläsern, wie Touristen immer wieder erstaunt feststellen.

(Foto: dpa)

Wenn die Münchner nach der Wiesn heimgehen, feiern die Touristen in den Hostels am Hauptbahnhof weiter. Eine Nacht im Zehnerzimmer.

Von Marco Wedig

Wer sich neben der Toilette übergibt, muss zahlen. So steht es in den Hausregeln, die an der Rezeption aushängen: 10 Euro, wenn man zumindest noch versucht, die Toilette zu treffen. 20 Euro, wenn man Boden, Wand oder Decke erwischt. Und 50 Euro für die ganz harten Fälle, die überall hinkotzen, zum Beispiel die Treppe hinunter.

Check-in am Freitagnachmittag im Wombat's. Es ist nach eigenen Angaben das beliebteste Oktoberfest-Hostel Münchens, nahe am Hauptbahnhof. Hier spürt man am besten, dass die Wiesn längst kein rein bayerisches Volksfest mehr ist. In den Festzelten sitzen Australier, Engländer und Japaner mit Oberbayern, Westfalen und Sachsen an einem Tisch. Doch nach 22 Uhr gehen sie getrennte Wege. Die Einheimischen torkeln nach Hause oder zur After-Wiesn. Und die Touris? Feiern ihre eigene After-Wiesn, manchmal ganz ohne Wiesnbesuch, wie die Übernachtung im Wombat's zeigen wird.

Kotzen oder nicht kotzen, das ist die Frage.

(Foto: oh)

Die gut gelaunte Rezeptionistin fragt gleich bei der Begrüßung: "Und, gehst du heute auf die Wiesn?" Der Gast bekommt ein neongelbes Bändchen mit dem Namen des Hostels und der Zimmernummer ums Handgelenk geklebt. Damit die Security ihn als Gast erkennt - und damit der Gast auch nach fünf Mass noch zurückfindet.

Das Treppenhaus ist erstaunlich sauber, Zimmer 416 auch. Ein langer Schlauch, zehn Betten darin, niemand ist da. Auf dem Tisch eine Packung Rennie gegen Sodbrennen, mit englischer Aufschrift, ein Krümelmonsterkostüm und ein noch eingeschweißtes Lederhosenkarnevalsoutfit. Auf dem Boden eine einzelne Kontaktlinse, vermutlich im Schlaf aus dem Auge gepult. Es stinkt. So wie es halt stinken muss, wenn zehn Menschen in einem Raum ihren Rausch ausdünsten und nicht ordentlich gelüftet wird.

109,73 Euro kostet die Nacht im Zehnbettzimmer an einem Wiesnwochenende, wenn die 300 Betten fast vollständig belegt sind. Normalerweise kostet das Bett 20,64 Euro. Das Management sagt, die Preissteigerung sei in München üblich - "Angebot und Nachfrage". Und die Nachfrage scheint da zu sein. Zudem habe man höhere Lohnkosten, da ein weiterer Security-Mann und mehr Reinigungskräfte zur Oktoberfest-Zeit beschäftigt würden.

Der Geruch wird nicht besser, als ein Zimmergenosse mit einer Tüte von McDonald's hereinkommt. "Hey, how's it going?" - "Brutal", sagt er. "Ich bin seit sieben Tag hier. Und jeden Tag habe ich getrunken." Die Biere seien riesig und stark. "Ich bin so fertig." Er komme aus Kalifornien, sagt er. Er war schon in Italien, Kroatien und England. Morgen geht es nach Berlin, dort soll es etwas ruhiger zugehen. "Well, good luck with that." Mit der Tüte legt er sich ins Bett, drückt sich seine Kopfhörer in die Ohren und fängt schmatzend an, Netflix zu schauen.

Es ist 18 Uhr, Rushhour in den Bierzelten, trotzdem trudeln vereinzelt schon wieder Gäste im Hostel ein. Das Haar eines Wiesn-Heimkehrers ist zerzaust, seine Augen sind rot wie Rubine. Er legt sich aufs Sofa im Aufenthaltsraum, er holt sein Telefon raus. Zwei Holländer, um die 40, betreten den Raum. Sie unterhalten sich ernsthaft. Auf einmal fängt der eine bitterlich an zu weinen. Der andere weiß gar nicht, wie er damit umgehen soll.

Auf der riesigen Sofalandschaft sitzen vier Gäste herum, den Blick aufs Handy fixiert. Auch hier: Katerstimmung. Menschen mit großen Rucksäcken betreten das Hostel, Menschen in Tracht verlassen es. Doch die vier, die hier rumhängen, werden ihr Dirndl oder ihre Lederhose heute bestimmt nicht nochmal anziehen.

Die Bar füllt sich. Sie ist mit blauweißen Stoffbahnen ausgehängt, dazu ein paar Brezen und Lebkuchenherzen. "Tonight's special shot: Dirty Dirndl, 1,50 €", steht auf einem Schild hinter der Bar. Zwei Männer stehen am Billiardtisch, obwohl: Der eine wankt mehr als dass er steht. Die Kugeln versenkt er trotzdem mit beachtlicher Präzision. Mittlerweile ist es 19.30 Uhr. In Kleingruppen sitzen die Gäste um mehrere Tische verteilt. Alles recht gesittet. Noch.

"Wo ist der Dirndeeeeel?"

Der Boden klebt, die Damen tragen Penis und irgendwann steckt man in Stuttgart fest. Eine Fahrt im Sonderzug zum Oktoberfest. Von Elisa Britzelmeier (Text) und Martin Moser (Fotos) mehr ...

Vor dem Wombat's strömen die herum, die bereits den Absprung aus dem Zelt geschafft haben. Die ganze Straße spricht Englisch. In der Senefelderstraße liegen drei Hostels nebeneinander. Die beiden Securities sagen, dass es fast immer friedlich bleibe, sie seien eigentlich nur da, damit sich die Gäste ruhig verhalten, wegen des Hotels nebenan.

Es ist kurz vor 21 Uhr. Ein Typ mit einem klatschenden Hendl auf dem Kopf wankt die Straße hinunter. In der rechten Hand hält er eine 1,5-Liter-Wasserflasche. Er trinkt daraus, als sei er gerade einen Marathon gelaufen. Er steuert auf das Wombat's zu. In der Bar warten seine Kumpels schon auf ihn. Die wiedervereinten Männer umarmen sich, wie sich Männer in Hollywood-Filmen umarmen, wenn einer aus dem Krieg zurückkehrt. Das Hostel ist ihre Basis, die Lederhose ihre Uniform.

Das Hendl klatscht nur noch sehr langsam. Die Batterie scheint sich dem Ende zuzuneigen. Und auch für so manchen Gast wäre es mal Zeit, den Akku wieder aufzuladen, Zeit ins Bett zu gehen - oder: Zeit für Jägerbombs! Tablettweise holen sich die Gäste ihren Jägermeister-Redbull an den Tisch. "You're crazy, but I love you for that", kreischt eine Australierin ihrem Freund zu. Dieser schleppt gerade ein besonders volles Tablett an. Er leert das Glas in einem Zug und knallt es auf den Tisch. Ein anderer holt bereits Nachschub.