Neue Heimat Briefe sind die Quälgeister der Postmoderne

An einem Studentenwohnheim in München gibt es gleich eine ganze Wand mit Briefkästen.

(Foto: dpa)

Unser Autor aus Nigeria hat das Schreiben von Papierbriefen abgelegt, als das Internet noch nicht erfunden war. In seiner Heimat ist es eine Wissenschaft für sich, erfolgreich etwas per Post zu verschicken.

Kolumne von Olaleye Akintola

Sie stehen vor Häusern und sehen unspektakulär aus, wie kleine ordinäre Ablagefächer: Briefkästen. So langweilig sie daherkommen, wird es doch spannend, wenn man sich mit ihrem Innenleben beschäftigt. Die Inhalte der Kämmerchen bestimmen nicht selten, ob es ein guter Tag wird, oder ein schlechter.

In Bayern hat jeder Haushalt einen Platz für die Post reserviert. In so manchem Münchner Büro sieht man gar Menschen, die Briefe in einem Gehäuse sammeln und in Fächer einsortieren. Egal ob es schneit, hagelt oder gießt, der Postbote bewegt sein gelbes Fahrrad durch die Straße, fährt Adresse um Adresse ab und liefert, was zu liefern ist. Wahrscheinlich hat er keine andere Wahl. Warum sonst würde es zum Ritual des Münchners gehören, mindestens einmal am Tag prüfend in seinen Briefkasten zu linsen.

Bürokratie ist viel mehr als nur Papierkrieg

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Ich hatte das Schreiben von Papierbriefen in einem Zeitalter abgelegt, als das Internet noch nicht erfunden war. Bis ich nach Deutschland kam und die Quälgeister wieder kennenlernte. Manchmal wünsche ich mir, dass ich eine Pause von den lawinenartigen Papierschüben bekommen könnte. In Nigeria haben viele Menschen ja nicht einmal eine gültige Adresse. Dort erfolgreich einen Brief zu verschicken, ist eine Wissenschaft für sich.

In Bayern wird einem schnell klar, dass der Brief hier immer noch eines der dominantesten Kommunikationsmittel ist - vor allem für Landratsämter, Banken, Telefonfirmen und all jene, die Geld von einem wollen. Ich frage mich, warum Bußgeldbescheide und Rechnungen stets am Wochenende kommen. Das nervt. Und wahrscheinlich ist genau das der gewollte Effekt. Briefe sollen den Empfänger mit Wucht an das erinnern, was man noch nicht bewältigt hat. Für diesen psychischen Trick nimmt man gerne den Lohn für den Briefträger und den Verbrauch von Unmengen an Papier in Kauf.

Hier ist die Postleitzahl nach wie vor Teil des Systems, fünf Ziffern, wie ein Manifest, das jeden zur Verantwortung zieht, selbst in den tiefsten verstecktesten Winkeln. Wer hier bestehen will, muss sich damit abfinden: Die Quälgeister im Brief, die wird man nicht mehr los.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Olaleye Akintola stammt aus Nigeria. Bis zu seiner Flucht 2014 arbeitete er dort für eine überregionale Tageszeitung. Nun lebt er in Ebersberg.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Akintola für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger