"Wir müssen leider draußen bleiben." Ein Eintrittsverbot, das früher nur für Hunde galt, gibt es inzwischen auch für Kinderwagen. In München tobt ein Kulturkampf zwischen Familien und Menschen, die ihre Ruhe haben wollen.
In München-Schwabing, dort wo die Straßen breit sind und die Häuser alt, wo die Laubbäume den Blick auf Feinkost und Biokäse des Elisabeth-Marktes versperren, da hängt in einer Glastür ein kleiner, weißer Zettel. "Bitte nicht in der Weinhandlung" ist darauf zu lesen, darüber hat jemand einen Kinderwagen gezeichnet. Und den Kinderwagen durchgestrichen.
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In der Weinhandlung Backerl herrscht ein Kinderwagenverbot. (© Alessandra Schellnegger)
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In der Weinhandlung Backerl - zur Hälfte Laden, zur Hälfte Bar - ist es zu eng für Kinderwagen, sagt die Chefin. Weil, wenn da vier Wagen stehen, sonst niemand mehr hineinpasst. Kein Gast und kein Kellner. Außerdem könnte jemand stolpern und ein heißes Getränk in einen Kinderwagen schütten. Deshalb hat Katja Stefan schon bald nach der Eröffnung im Dezember 2006 das Schild in die Glastür gehängt. Schließlich gebe es in der Stadt genug andere Cafés, in denen Platz sei für Mutter, Kind und Kinderwagen. Sie aber habe eine "Weinbar konzipiert". Einen Platz für Menschen, die für Besprechungen oder nach der Arbeit aus den Büros und Kanzleien herüberkommen. Wo also, so sagt Katja Stefan das aber natürlich nicht, keine brüllenden Gören nach der Brust ihrer Mutter verlangen.
Ähnliche Geschichten von rot umrandeten Schildern mit Kinderwagen gleich über den rot umrandeten Schildern mit Hunden gibt es schon länger. In München hat die Innenstadt-Filiale der Kette Bohne und Malz einen eigens dafür gedachten Kinderwagen-Parkplatz vor der Tür. Große Aufregung gab es über Fälle in Hamburg, Augsburg, Zürich, auch hier wurden Eltern nur ohne Kinderwagen ins Café gelassen.
Es ist früher Abend, im Backerl ist es ziemlich leer, und so schrecklich eng sieht es in der 20 Quadratmeter großen Bar mit den wenigen kleinen Holztischen gar nicht aus. "Das täuscht", sagt Katja Stefan, "das liegt an den großen Fenstern". Draußen - in Lammfelle und Fließdecken gewickelt - haben die ersten Feierabendgäste die ersten Viertel Wein vor sich stehen. Ein graugelockter Wochenzeitungsleser sitzt da, die weißhaarige Dame zwei Tische weiter blättert in einem Reiseführer für das Piemont.
Die Weinhandlung Backerl in Schwabing und das selbstgemalte Schild in der Tür zeigen einen Kulturkampf, der mittlerweile in allen größeren deutschen Städten ausgetragen wird: der Kampf zwischen den Kinderlosen, die nicht verstehen, warum junge Eltern mit ihren schreienden Kindern unbedingt im Café sitzen müssen, wo es doch so viele schöne Spielplätze gibt. Und den Eltern, die nicht glauben mögen, dass viele Menschen mit Kindergeschrei so wenig zurecht kommen, dass in Wohnanlagen Schilder das Spielen verbieten - oder ein Baby in manchen Gaststätten weniger gern gesehen ist als ein Terrier.
Erst vor wenigen Wochen berichtete ein deutsches Magazin über handfeste Grabenkämpfe in Hamburgs Nobelvierteln. Dort klagen Villenbesitzer gegen die Betreiber von Kindertagesstätten, die auf die Idee gekommen waren, mit den zu betreuenden Kindern ein hübsches Haus in einer hübschen Wohngegend beziehen zu wollen. Der Lärm spielender Kinder beeinträchtige Lebensqualität und Gesundheit der Anwohner, argumentieren die Kläger. Andersherum funktioniert das mit der Aufregung natürlich auch: Im vergangenen Jahr wurde ein Berliner Café-Besitzer von aufgebrachten Eltern (und von diesen Eltern aufgestachelten Medien) extrem angefeindet: Er hatte seine stets von vielen Eltern und Kindern besuchte Gaststätte um einen kleinen Ruheraum erweitert, in den sich kinderlose Gäste zum Lesen zurückziehen können.
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Psychologie und Ernährung
Wiesn-Nachrichten
Gerade Mütter, welche die grösste und meiste Zeit mit ihren Kleinen zusammen verbringen, haben ein Recht auf soziale Kontakte, auch ausserhalb der eigenen vier Wände. Kinder gehören in unser Leben, in unseren Alltag und in unsere Gesellschaft. Sie lassen sich nicht einfach „wegzappen“, bloss weil sie jemandem nicht in den Kram passen. Sie sind unsere Zukunft, die Gäste und Kunden von morgen! Mit etwas mehr Toleranz, Rücksicht, Respekt, Anstand, Verständnis, gesundem Menschenverstand auf Seiten der Eltern UND der Kinderlosen – mit etwas mehr Mit- und Füreinander statt Gegeneinander sollte einem entspannten, friedlichen und harmonischen Zusammenleben mit oder ohne Kindern eigentlich nichts (mehr) im Wege stehen :-)
Über diese kinder- und familienunfreundliche Entwicklung in der Schweiz wie in Deutschland bin ich, eine Mutter zweier Kleinkinder im Alter von vier und 2.5 Jahren (das Kleine oft noch im Buggy) sehr enttäuscht und besorgt. Lokale, wo Kinder nicht willkommen sind, meide ich aus Prinzip und boykottiere sie. Ein Kinderwagenverbot ist für mich indirekt eben auch ein Kinderverbot. Da bevorzuge ich von Anfang an kinder- und familienfreundliche Restaurants, wo sich alle wohl fühlen und sich niemand über lautes Kindergeschrei, Kinderlachen und verschüttete Getränke aufregen muss und die Kinder dabei noch beim Restaurant-Spielplatz spielen dürfen. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich meine Kinder nicht zwingend immer und überall hinschleppe – so viel zum Thema gesunder Menschenverstand. Doch nach bald vier Jahren kenne ich diese typischen Selbstbedienungsrestaurants in- und auswendig und habe auch mal Lust auf was anderes, Trendigeres, wo wir gemütlich etwas essen und uns auch mal „bedienen lassen“ dürfen ;-). Solange sich die Kids dabei wohlfühlen, sich anständig benehmen und niemanden gross stören, sehe ich absolut kein Problem dabei. Von Kinder-, Kinderwagen- und Stillverboten halte ich persönlich überhaupt nichts. Solche Verbote schiessen am Ziel vorbei, sind kontraproduktiv, provokativ und ein Schlag ins Gesicht verantwortungsbewusster Eltern! So was lasse ich mir als Mutter nun mal nicht bieten! Ich lasse mich nicht bevormunden, sondern entscheide noch immer selber, was, wann, wo, wie und ob ich zusammen mit meinen Kleinen unternehme. Und verbieten lasse ich mir schon gar nichts! Ob Bern bzw. die Schweiz kinderfreundlicher als zum Beispiel Zürich oder Deutschland ist, kann ich nicht beurteilen. Ich habe keine Vergleichsmöglichkeit. Bis jetzt begegnete ich zumindest in Bern noch nie einem solchen unsinnigen Kinder- bzw. Kinderwagenverbot (ausser auf Rolltreppen, dort machts aber auch Sinn und ist etwas anderes…), sondern immer wieder netten, freundlichen und hilfsbereiten Mitmenschen. Allen (ob Wirte oder Gäste), die Kinder am liebsten aus sämtlichen Restaurants verbannen möchten, sei ans Herz gelegt, dass auch sie mal klein, wild, neugierig und laut waren und bestimmt nicht bereits als wohlerzogene, ruhige, brave und “trockene” Erwachsenen auf die Welt gekommen sind. Ihre Eltern verschanzten sich damals bestimmt nicht den ganzen Tag zu Hause.
Wer muss als nächste draußen bleiben? Rollstuhlfahrer, Juden, Kopftücher, Frauen, Männer?
Ein Kinderwagen gehört eben zu Kleinkindern dazu. Man verbietet damit implizit den Kindern den Zutritt. Nicht jede/r Mutter/Vater kann ihr/sein Baby ständig auf den Arm tragen.
Es ist eben nicht so, dass ein Geschäft einzelnen Personengruppen den Zutritt verwehren darf! Wie groß wäre der Aufschrei würde man nur Männern den Zutritt gewähren oder nur Deutschen.
EKELHAFT!
...bei manchem der abgegebenen Kommentare haut's einem echt den Schalter raus!
Jeder kann selbst bestimmen, wen oder was er in seinen Laden lässt. Ist die Hütte klein, muss ich mich mit einem Kinderwagen nicht reinzwängen - theoretisch. Es stellt sich mir aber die Frage, bis wohin die Freiheit des Wirts gehen darf, zu bestimmen, wer sein Etablissement betritt und wer draussen bleiben muss.
Wie schaut's mit jemandem aus, der im Rollstuhl sitzt? Nimmt der auch zu viel Platz weg?
Was macht jemand der an Tourette leidet und das, was er von sich gibt in keinster Weise kontrollieren kann?
Was macht jemand mit spastischer Lähmung oder dessen/ deren Betreuer, wenn er einen Kaffee trinken möchte?
Da würde doch keiner auf die Idee kommen zu sagen "Mensch, der mit seinem Gesabber und Gejaule geht mir auf'n Sack!" Warum dann bei Kindern?
Die Diskussion hat mit der (vermeintlichen) Solidargemeinschaft nichts zu tun. Es scheint eher um mehr oder weniger vernünftige/ tolerante Menschen zu gehen, jeweils auf beiden Seiten gleichermaßen verteilt.
Es ist eine sehr antiquierte Attitüde, bestimmte Verhaltensweisen von bestimmten Menschen zu erwarten. Eltern, oder schlimmer: Mütter haben zu Hause zu bleiben! Kind und soziales Leben? Eine Unverschämtheit! Und dann kommt von den älteren Herrschaften gerne noch: Sowas gab's zu unserer Zeit nicht! Mißgunst?
Und von Jüngeren oder Kinderlosen: Sowas würd' ich niiiiieeee machen! Wart's erstmal ab und sag niemals nie!
Deswegen bitte ich dringend um die wenigstens kurzzeitige Einnahme eines anderen Blickwinkels und sozialverträgliches Verhalten. Merci!
Increase the Peace!
PS:
Ich kann also davon ausgehen, dass jede/r, der hier von "supertollen Supermuttis" spricht, mit besagten Personen gesprochen und sie um eine adäquate Namensbezeichnung gebeten hat und dann alle (weil irgendwie wird hier latent verallgemeinert...) gesagt haben: "Ich bin eine Supermutti! Ein supertolle noch dazu!" Oder wie kommt ihr auf die Bezeichnung?
Ja, ich schreibe auch mehr und mehr in Politikforen, weil dort weder wirklich zensiert wird (so weit muss eine Moderation nämlich nicht gehen, liebe SZ) noch gibt es ständig Probleme mit der eigentlichen Kommentarfunktion, die ja offensichtlich der Zensuranwendung wegen stark eingeschränkt, verschlimmbessert und beschädigt wurde.
Die SZ selbst meldet sich dazu überhaupt nicht zu Wort, außerdem gibt es - wie hier schon mehrere anmahnten - keine Liste SZ-politisch-korrekter oder nicht korrekter Wörter, sodass man diese nicht mehr verwendet bzw. umschreibt oder punktiert.
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