München Wie sich das Schlachthofviertel ändert - und mit ihm die Boazn

Das Lokal von Irmgard Jörg war schon immer eine Arbeiterkneipe. Doch das Schlachthofviertel ist kein Arbeiterviertel mehr. Die Zeiten ändern sich.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Irmgard Jörg ist seit 1984 Wirtin im Bierschuppen. Hier wird Zusammenhalt gelebt - auch in schwierigen Zeiten.

Von Tobias Mayr

Ein junger Mann mit Vollbart und Outdoorjacke steckt den Kopf zur Tür des Bierschuppens herein. Er kommt nicht für ein Bier oder um eine Runde Watten zu spielen. "Es müsste ein Paket für mich abgegeben worden sein", sagt er. Im Schaufenster stapeln sich nicht abgeholte Päckchen bereits zu einem Turm. Irmgard Jörg, die Wirtin, zieht das richtige Paket heraus. Der Mann bedankt sich und verschwindet mit einem knappen "Tschüss". Ein Stammgast mit weißem Schnauzer brummt ihm hinterher: "Hier herinnen herrscht tschüssfreie Zone."

Im Bierschuppen am südlichen Ende des Schlachthofviertels treffen Alteingesessene und Zugezogene aufeinander. Meist ist die Begegnung flüchtig. Das urige Lokal war schon immer eine Arbeiterkneipe. Doch das Schlachthofviertel ist kein Arbeiterviertel mehr. Gerade in Räumen, in denen sich nichts verändert, wird diese Veränderung spürbar.

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Junge Berufstätige holen sich heute kein Feierabendbier mehr bei Irmgard Jörg. Stattdessen holen sie sich die Pakete, die sie tagsüber verpasst haben. "Die Akademiker", so nennt die Wirtin die Neuen, "gehen nicht mehr in solche Stüberl." Warum? Das wisse sie selbst nicht, sagt Jörg und schüttelt den Kopf.

Wer durch die große Scheibe des Lokals auf die Straße blickt, sieht ein sich veränderndes Viertel. Mietwohnungen sind in Eigentumswohnungen umgewandelt worden, alteingesessene Arbeiter mussten deshalb wegziehen. "Früher haben die Leute die Nase gerümpft, wenn sie gehört haben, dass wir im Schlachthofviertel wohnen. Heute wollen sie alle hierher", sagt Irmgard Jörg.

Ihrem Lokal sieht man diese Veränderung nicht an. Es wirkt, als hätte sich der Zahn der Zeit hier die Zähne ausgebissen. Manch andere Boazn in der Gegend, wie die "Gruam" oder die "Geyerwally", sind unter neuen Besitzern hip geworden und ziehen junges Publikum an. Der Bierschuppen nicht. Zwar verirren sich immer mal wieder junge Leute ins Lokal, die im Internet vom Bierschuppen gelesen haben, aber angesagt kann man das Stüberl deshalb nicht nennen.

Die Gäste mögen die Patina

Das Radio spielt keine Playlist, sondern Antenne Bayern. An den gelben Wänden hängen Fußballwimpel aus den Zeiten, als der TSV 1860 München noch erste Bundesliga spielte. Die einst farbige Zeichnung eines Segelschiffs, das stürmische Wellen durchkämmt, hebt sich kaum von der dunklen Holzvertäfelung ab. Die 30 Jahre, die im Bierschuppen geraucht werden durfte, sieht man dem Interieur an. Die Gäste schätzen das.

Im Bierschuppen geht es um Zusammenhalt. Zusammenhalt in einem Viertel, in dem vieles im Umbruch ist. Davor fürchten sich Alteingesessene manchmal. Vielleicht bietet ihnen Irmgard Jörgs Bierschuppen einen authentischen Rückzugsraum. Und vielleicht ist es deshalb so schwierig für die Neuen, sich im Bierschuppen zurecht zu finden. Dennoch begegnen die beiden Gruppen sich hier zwangsläufig.

Irmgard Jörg ist sechs Tage die Woche hier, zwölf Stunden pro Tag. Im März wird sie ihren 76. Geburtstag feiern. 1984, damals war sie 42 Jahre alt, hat die Kantinenköchin das Stüberl gemeinsam mit ihrem Mann übernommen. "Es war immer der Traum von meinem Mann, ich wollte das nie", sagt sie über den Ort, in den sie heute ihre gesamte Energie investiert. Der Mann geriet kurz darauf in einen Autounfall und konnte nicht mehr arbeiten. Seither macht Irmgard Jörg den Bierschuppen alleine.

"Alleine machen", diese Aussage beschreibt die Einstellung der 75-Jährigen gut. Sie möchte möglichst alles selbst stemmen. Sie ist ein Durchbeißertyp. Andernfalls wären Zwölf-Stunden-Schichten in diesem Alter auch nicht zu meistern. Irmgard Jörg tut das ab, als wäre es nichts Besonders. Über sich selbst zu reden, fällt ihr schwer. Ihre Antworten sind dann knapp. Sie bleibe lieber im Hintergrund, sagt sie selbst.