Windpark für München Strom für den Süden mit Wind aus dem Norden

Auch der Offshore-Windpark Dan Tysk gehört zu den Anlagen, an denen die Stadtwerke München beteiligt sind.

(Foto: Jorrit Lousberg)

Keine andere Millionenstadt steckt ihre Ziele so hoch: Bis 2025 soll Münchens kompletter Strombedarf aus regenerativen Energien erzeugt werden. Die Stadtwerke investieren dafür 1,2 Milliarden Euro in einen Windpark - in der Nordsee.

Von Katja Riedel

Es ist das erste deutsche Großprojekt seit der Reform des Erneuerbare- Energien-Gesetzes (EEG) - das erste, seitdem klar ist, dass der Staat künftig weniger Geld für Strom zahlen wird, der auf hoher See mit Windkraftanlagen erzeugt wird. Gemeinsam mit dem Energiekonzern Vattenfall bauen die Stadtwerke München (SWM) in der Nordsee vom kommenden Jahr an für 1,2 Milliarden Euro den neuen Windpark "Sandbank". 49 Prozent übernehmen die SWM an dem neuen Park, der in unmittelbarer Nähe eines weiteren Gemeinschaftsprojekts westlich von Sylt entsteht: der Windpark "DanTysk", der Anfang 2015 mit 80 Windrädern ans Netz gehen soll; DanTysk speist schon seit dem vergangenen Jahr mit einem Teil der Anlagen Strom ein.

Knapp 600 Millionen Euro hat der Aufsichtsrat nun SWM-Geschäftsführer Florian Bieberbach freigegeben, um erneut im hohen Norden den Strom zu erzeugen, den die SWM für ihr ehrgeiziges Energieprojekt benötigen. Bis 2025, so hat es der Münchner Stadtrat 2008 beschlossen, sollen die SWM so viel Strom aus regenerativen Energiequellen erzeugen, wie ganz München verbraucht, nicht nur die Stadtwerke-Kunden. Ein Ziel, das bisher noch keine Millionenstadt weltweit so formuliert hat. Es geht um 7,5 Milliarden Kilowattstunden im Jahr. Zwar werden die Münchner nicht genau den Strom aus ihrer Steckdose bekommen, der etwa vor Sylt oder in einem der anderen SWM-Windparks erzeugt wird. "Aber für jede Kilowattstunde, die auf See erzeugt wird, gelangt eine Kilowattstunde aus herkömmlichen Kraftwerken weniger ins Netz", sagt Bieberbach. Denn die Strommenge innerhalb des Netzes muss immer dieselbe bleiben, grüner Strom wird vorrangig eingespeist.

Aus ihren Kraftwerken bekommen die SWM nicht die finanziellen Erträge, sondern den Strom, den sie dann selbst vermarkten. Und dieser wird immer mehr: Nicht nur DanTysk geht bald vollständig ans Netz, sondern auch der Windpark "Gwynt y Môr", 13 Kilometer vor der walisischen Küste in der Bucht von Liverpool gelegen - der zweitgrößte Windpark der Welt. Hier sind die SWM mit 30 Prozent beteiligt, die Führung hat RWE Innogy, Siemens liefert die Turbinen, hält zudem zehn Prozent. Bieberbach hofft, dass auch das Großprojekt "Global Tech I" vor Bremerhaven Anfang 2015 endlich Strom liefern wird, hier halten die Stadtwerke knapp 25 Prozent. Dessen 80 Windkraftanlagen sollen Strom für rechnerisch 445 000 Haushalte liefern. Das Projekt wurde jedoch immer wieder zurückgeworfen: durch zwei Insolvenzen von Partnern aber auch durch technische Probleme. Hier hat der Netzbetreiber Tennet es bislang nicht geschafft, einen zumindest provisorischen Netzanschluss herzustellen. Dieser ist nun für diesen Herbst versprochen, Anfang kommenden Jahres sollen alle Turbinen angeschlossen sein.

Zu diesem Zeitpunkt, glaubt Stadtwerke-Chef Bieberbach, werden die SWM-Beteiligungen dann auch erstmals mehr Strom aus erneuerbaren Energien liefern als der SWM-Anteil am Atomkraftwerk Isar II beträgt, nämlich 2,2 Terawattstunden jährlich. Doch noch ist der Atomstrom aus dem Kraftwerk für die SWM ein großer Brocken: mehr als ein Viertel des Münchner Strombedarfs. Wenn das Kraftwerk Ende 2022 vom Netz geht, muss dieser Stromausfall kompensiert werden, die Demontage wird außerdem teuer. Wie teuer, dafür fehlen bislang Erfahrungswerte.

Zudem ist die Strommenge aus den erneuerbaren Energien nicht konstant, und die Laufzeiten der Offshore-Windparks sind zunächst auf 20 Jahre begrenzt. So lange sind sie zertifiziert - so lange war bisher aber auch noch kein Windrad Stürmen, Salzwasser und anderen widrigen Bedingungen auf See ausgesetzt. In 20 Jahren stehen dann weitere Investitionen an: Ob einzelne Anlagen saniert, viele gänzlich neu errichtet oder nur neu zertifiziert werden müssen, bleibt ein Unsicherheitsfaktor in der SWM-Strategie.