Mobilität Stadt will für Carsharing 1500 Parkplätze streichen

Ein gekennzeichneter Parkplatz für Carsharing-Fahrzeuge in München.

(Foto: Lukas Barth)
  • Bereits seit 2011 läuft in München ein Versuch zum Carsharing: Anbieter müssen für Leih-Fahrzeuge keine teuren Parkplätze mehr anmieten, sondern können verschiedene Lizenzen beantragen.
  • Künftig will die Stadt das Carsharing noch stärker fördern und dafür 1500 Parkplätze streichen.
Von Marco Völklein

Die Stadt will das Carsharing stärker fördern und dafür 1500 Parkplätze streichen. Weil sich immer mehr Münchner ihre Autos teilen, könnte in Zukunft auf Parkplätze in den Lizenzzonen verzichtet werden. Sie sollen zum Beispiel als Fahrradstellplätze oder für zusätzliche Carsharing-Autos genutzt werden. Voraussichtlich Mitte Dezember entscheidet der Stadtrat über die Vorschläge der Verwaltung.

Bereits seit 2011 läuft in der Stadt ein Versuch zum Carsharing. Anbieter wie Drive Now, Car2go, Flinkster oder Citeecar müssen seither für Leih-Fahrzeuge keine teuren Parkplätze mehr anmieten. Vielmehr können Nutzer die Carsharing-Autos einfach am Straßenrand abstellen. In Parklizenzgebieten müssen die Anbieter eine Lizenz bei der Stadt beantragen und dafür Gebühren entrichten: Beim "vollflexiblen" Carsharing, das Drive Now und Car2go nutzen, dürfen die Nutzer die Autos in sämtlichen Parklizenzgebieten abstellen - dafür kassiert die Stadt 1800 Euro pro Jahr und Auto. Bei der "teilflexiblen" Variante kostet das Parkwapperl die Carsharing-Anbieter Flinkster und Citeecar nur 240 Euro pro Auto und Jahr. Dafür können die Nutzer die Autos aber nur in einem einzigen, vorher festgelegten Lizenzgebiet parken. Bislang hat die Stadt die Zahl der Autos je Anbieter zudem auf 500 gedeckelt.

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Mit dem Langzeitversuch wollte die Stadt herausfinden, ob sich durch die zusätzlichen Carsharing-Autos die Zahl der Fahrzeuge, die insgesamt in der Stadt herumfahren, senken lässt. Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden haben mehr als 410 000 Fahrten in sechs Monaten ausgewertet und dazu über 1600 Carsharing-Nutzer befragt. Ihr Ergebnis: Je nach Anbieter haben zehn bis 20 Prozent der Nutzer ihre Privatautos abgeschafft. Und zwei Drittel gaben an, dass sie sich von ihrer Blechkiste vor allem deshalb getrennt haben, weil es das flexible Carsharing gibt. Unterm Strich, so das Ergebnis der Dresdner Forscher, ersetzt jedes Carsharing-Auto in München etwa drei Privatfahrzeuge.

Damit wurden nach Berechnungen der Forscher und der städtischen Verkehrsplane innerhalb der gut 60 Parklizenzgebiete 1500 Stellplätze frei - das sind etwa 1,5 Prozent aller Plätze innerhalb der Parkwapperlzonen. Um nun zu verhindern, dass "neuer Pkw-Besitz und -Verkehr erzeugt" wird, schlagen die Fachleute vor, diese 1500 Stellplätze anderen Nutzungen zuzuführen, wie es in einer Präsentation heißt, die den Stadtratsfraktionen nun vorgelegt wurde. So könnten die freien Flächen künftig unter anderem als reine Carsharing-Stellplätze genutzt werden, lautet ein Vorschlag.

Denkbar wären auch zusätzliche Fahrradabstellplätze, beispielsweise in der Nähe von U- oder S-Bahn-Stationen. Zudem will die Stadt das Angebot an sogenannten Mobilitätsstationen in den Stadtteilzentren ausbauen. Dort können Nutzer von Bussen und Bahnen auf Carsharing-Autos oder die neuen Mietfahrräder der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) umsteigen. Eine erste Station mit sechs Carsharing-Autos, 20 Mietfahrrädern und einer Ladesäule für Leihautos mit E-Antrieb gibt es an der Münchner Freiheit. Bei der Eröffnung im November 2014 hatte OB Dieter Reiter (SPD) angekündigt, in den nächsten Jahren an Knotenpunkten im MVV-Netz weitere Stationen errichten zu wollen.

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Zudem plant die Stadt, das Carsharing-Angebot massiv auszubauen. So sollen die Gebühren, die die Anbieter entrichten, auf 120 beziehungsweise 900 Euro jährlich halbiert werden, Carsharing-Autos mit Elektroantrieb sollen davon ganz befreit werden. Außerdem soll es künftig keine Obergrenze mehr für die Zahl der erlaubten Autos pro Unternehmen geben- sie sollen also auch deutlich mehr als 500 Fahrzeuge je Anbieter in die Parklizenzgebiete stellen dürfen. Bislang allerdings hat laut den Dresdner Forschern noch kein Anbieter das Kontingent voll ausgeschöpft: Lediglich die BMW-Tochter Drive Now nähert sich mit 428 Autos langsam der Obergrenze. Die Daimler-Tochter Car2go betreibt aktuell 292 Carsharing-Autos in der Stadt, bei Citeecar sind es 120, die Flotte der Deutsche-Bahn-Tochterfirma Flinkster umfasst 104 Autos.

Spannend wird sein, wie sich die Parteien im Stadtrat bei der Abstimmung über den Vorschlag positionieren. Grundsätzlich begrüßen eigentlich alle Fraktionen die Förderung des Carsharings - schließlich hoffen sie, so die Lärm- und Schadstoffbelastungen durch den Autoverkehr mindern zu können. Zuletzt hatten sich aber insbesondere die CSU wie auch Teile der SPD gesträubt, wenn es darum ging, vom Autoverkehr belegte Flächen für andere Zwecke zu opfern. Grüne, ÖDP und Linke, aber auch Umweltverbände werfen Schwarz-Rot deshalb vor, in Reden zwar stets zu erklären, umweltfreundliche Verkehrsmittel fördern zu wollen. Sobald es aber konkret werde, verweigere man die Unterstützung.

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