Merkel auf dem Marienplatz "Mit Pfeifen und Brüllen wird man die Zukunft Deutschlands nicht gestalten"

8000 Menschen kamen zum Wahlkampfabschluss, einige Hunderte protestierten lautstark.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)
  • Zwei Tage vor der Bundestagswahl ist Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu einer Großkundgebung nach München gekommen.
  • Bei der Kundgebung auf dem Marienplatz wird sie von Mitgliedern der AfD ausgepfiffen.
  • Die hatte ihre Anhänger zudem zu einer eigenen Veranstaltung am nahegelegenen Rindermarkt sowie zu einem Protestmarsch durch die Fußgängerzone mobilisiert.
Von Christian Krügel und Thomas Schmidt

Irgendwann reicht es der resoluten Klosterschwester. Mit Engelsgeduld redet sie auf den alten Mann ein, der sich auf zwei Stühle schräg hinter die Mariensäule gestellt hat und ununterbrochen übelste Beschimpfungen gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) plärrt. Die alte Nonne stößt er weg, die beschwert sich bei der Polizei: "Können Sie gegen den nichts machen? So kann man nicht mit unserer Bundeskanzlerin umgehen." Der Polizist schüttelt den Kopf: "Das ist das Recht auf freie politische Meinungsäußerung."

Dieses Recht interpretierten am Freitagabend auf dem Marienplatz AfD-Mitglieder und -Sympathisanten als das Recht, mit einem pausenlosen Pfeifkonzert, wütenden Tiraden und üblen Schmähungen den Wahlkampf-Abschluss der Union massiv zu stören.

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AfD mobilisiert Anhänger für Merkels Auftritt und baut Zelt am Rindermarkt auf

Die CSU hatte sich von der Kundgebung auf dem Marienplatz eigentlich einen positiven Wahlkampfabschluss auch für Merkel erhofft, wohl wissend, dass in München, der Stadt der Willkommenskultur, die Kanzlerin wegen ihrer Flüchtlingspolitik bei vielen hoch im Kurs steht. Tatsächlich kamen auch rund 8000 Münchner - doch die hörten vor allem die lautstarken Proteste der AfD-Sympathisanten, Hasstiraden und massive Beleidigungen. Offenbar hatte die AfD für das Unions-Wahlkampffinale kräftig Merkel-Gegner mobilisiert: Die Proteste seien noch lauter und rüder gewesen als bei vergleichbaren Kundgebungen in Bayern, sagten Wahlkampfbeobachter.

Parallel zur Kundgebung auf dem Marienplatz hatte die AfD auf dem nahegelegenen Rindermarkt mit einem kleinen Zeltstand eine Wahlkampfveranstaltung abgehalten. An der Neuhauser Straße in der Fußgängerzone versammelten sich Pegida-Anhänger und zogen dann weiter vors Rathaus. Die Polizei musste an diesem Abend alle drei Veranstaltungen gleichzeitig im Auge behalten und war mit etwa 300 Einsatzkräften rund um den Marienplatz angerückt. Mit dabei waren auch Beamte des Unterstützungskommandos (USK) aus Dachau. Die Polizisten hatten auch alle Hände voll zu tun, da die Stimmung der Merkel-Gegner extrem aggressiv war. Es gab aber auch Protest gegen den Protest: Viele Münchner stritten heftig mit den Störern.

Merkel reagiert gelassen

Zu schweren Zwischenfällen kam es jedoch nicht. Ein Sprecher des Münchner Polizeipräsidiums berichtete am Abend von einigen wenigen Festnahmen. Mehrere Gegendemonstranten seien in Gewahrsam genommen worden, weil sie verbotene Gegenstände mitgebracht oder gegen das Versammlungsrecht verstoßen hatten. Störungen gab es auch von linken Gegendemonstranten.

Die Bundeskanzlerin reagierte gelassen auf die Störer: "Mit Pfeifen und mit Brüllen wird man die Zukunft Deutschlands nicht gestalten", sagte sie. CSU-Chef Horst Seehofer sagte, dies sei eine Veranstaltung "aufrechter Demokraten, nicht linker und rechter Schreihälse". CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann rief den Protestierenden zu: "Die Mehrheit zählt in einer Demokratie - und nicht die Lautstärke." Den Konflikt zwischen CDU und CSU um eine Obergrenze für Flüchtlinge erwähnten sie nicht. "Das, was 2015 war, das darf, das soll und das wird sich auch nicht wiederholen. Wir haben aus den Ereignissen von damals gelernt", sagte Merkel.

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