Lebensmittel Das Schockbild vom Bio-Hof, das keines ist

Tierschützer kritisieren die Kastenstände als nicht artgerecht.

(Foto: privat)
  • Aus dem Musterbetrieb Gut Herrmannsdorf sind Bilder von einer eingepferchten Sau mit ihren Ferkeln aufgetaucht.
  • Unter den Kunden haben sich die Anschuldigungen scheinbar noch nicht rumgesprochen.
  • Tatsächlich sind auch in Bio-Betrieben verpönte Methoden erlaubt - aber unter anderen Voraussetzungen.
Von Franz Kotteder und Christian Sebald

"Wir Herrmannsdorfer meinen es ernst, sehr ernst, wenn es um das Wohlergehen unserer Tiere geht", schrieb Karl-Ludwig Schweisfurth, der Gründer der Herrmannsdorfer Landwerkstätten in seinem weihnachtlichen Rundschreiben an Freunde des Hauses im vergangenen Dezember. "Das ist uns ein großes Anliegen, mit Herz und Verstand." Dieses Anliegen ist nun sehr infrage gestellt durch Fotos und Fernsehbilder, die auf dem Musterbetrieb im Gut Herrmannsdorf bei Glonn entstanden sind.

Die Organisation "Soko Tierschutz" hat sie gemacht, sie zeigen eine Muttersau, eingepfercht in einen Kastenstand, so groß wie sie selbst, in dem sie sich nicht umdrehen kann. Um sie herum winzige Ferkel und eine Blutlache - das Bild ist kurz nach der Geburt entstanden. Und vor Dezember 2015: Denn inzwischen hat man auch in Herrmannsdorf auf ein moderneres System mit großen "Abferkelboxen" umgerüstet, seitdem werden die Sauen nicht mehr fixiert.

Das sagt Karl Schweisfurth, der Sohn des Gründers und jetzige Chef des Guts. Er spricht deshalb von "verleumderischen Anschuldigungen von einer Organisation, die die gesamte Tierhaltung abschaffen und die Gesellschaft zur veganen Lebensweise umerziehen will".

Herrmannsdorfer Landwerkstätten: Kritik an der Tierhaltung

Ein Tierschützer dokumentiert die Zustände in dem Biobetrieb. Schweine wurden in umstrittenen Kastenständen gehalten. Dabei gilt das Landgut als Vorzeigebetrieb. Von Christian Sebald mehr ...

Was der Betrieb zu den Vorwürfen sagt

Am Donnerstagvormittag ist man etwas geknickt in der Herrmannsdorfer Filiale am Max-Weber-Platz. "Ja, wir haben den Bericht gesehen", sagt Filialleiter Sebastian Finsterwalder, "aber von der Kundschaft gibt es bisher noch kaum feststellbare Reaktionen." Den Bericht in der ARD-Sendung "Fakt" vom Dienstag fand er "schon etwas ungerecht": Bilder aus Herrmannsdorf seien mit Aufnahmen aus anderen Betrieben vermischt worden.

Unter den Kunden im Laden haben sich die Berichte offenbar noch nicht sehr herumgesprochen, der Laden ist kurz vor elf Uhr gut gefüllt. Eine Frau steht an der Ladentheke und kauft Schweinefleisch. "Nein, davon habe ich noch nicht gelesen", sagt sie, "aber ich vertraue schon darauf, dass es bei Herrmannsdorfer mit rechten Dingen zugeht und das Wohl der Tiere im Vordergrund steht." Das sei schließlich auch einer der Gründe, warum sie dort einkaufe.

Kein Tier stirbt freiwillig

Wer glaubt, dass sein Bio-Fleisch von rundum glücklichen Tieren stammt, war schon vor dem Fall Herrmannsdorfer naiv. Wer sich an den Zuständen stört, der hat letztlich nur eine Möglichkeit. Kommentar von Andreas Schubert mehr ...

Das Problem, das die Herrmannsdorfer Landwerkstätten und mit ihnen die ganze Bio-Branche jetzt hat, ist die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Oder die Tatsache, dass auch die Bio-Landwirtschaft ein Kompromiss ist, wie Josef Brunnbauer sagt. Er ist Geschäftsführer von Biokreis, dem Bioverband, bei dem die Herrmannsdorfer Landwerkstätten Mitglied sind. "Natürlich bemühen sich unsere Biobetriebe, dass sie bei der artgerechten Haltung und beim Tierwohl ganz weit vorne sind", sagt Brunnbauer. "Aber auch wir kommen nicht völlig ohne Medikamente aus, viele haben Kastenstände."

Aktuelles Lexikon: Kastenstand In der sogenannten Abferkelbucht soll der Kastenstand verhindern, dass eine Sau ihre frisch geborenen Ferkel erdrückt. Meist steht oder liegt das Muttertier in dem käfigartigen Gerüst und die Ferkel können drumherum laufen und Muttermilch saugen. Gemäß Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung müssen Kastenstände oder auch "Ferkelschutzkörbe" so konstruiert sein, dass die Schweine sich nicht verletzen können und ungehindert aufstehen, sich hinlegen sowie den Kopf und in Seitenlage die Gliedmaßen ausstrecken können, eine konkrete Größe ist nicht vorgegeben. Der Nutzen ist umstritten, zumal es Alternativen gibt, die allerdings mehr Platz pro Muttertier samt Ferkeln beanspruchen. Etwa Nischen oder durch Stangen abgegrenzte Bereiche in der Abferkelbucht, wohin sich die kleinen Schweine zurückziehen können, wenn es durch die Bewegungen der Sau eng wird. Auch der bayerische Biofleischproduzent Herrmannsdorfer Landwerkstätten will zukünftig auf enge Kastenstände verzichten, nachdem das Unternehmen für seine Haltungsbedingungen kritisiert worden war. In Österreich gilt noch eine Übergangsfrist, danach dürfen Schweine dort nur noch maximal zehn Tage nach dem Abferkeln in einem Kastenstand gehalten werden, genauso wie es bereits in der Schweiz die Regel ist. Auch in Dänemark wurde die Anwendung von Kastenständen im vergangenen Jahr stark eingeschränkt. Hanno Charisius