Lange Nacht der Münchner Museen Der Weg ist das Ziel

Bei der Langen Nacht verbringen die Besucher viel Zeit mit der Fahrt von einem Museum zum anderen. Das kann lästig sein - oder aber Teil des Vergnügens, wenn man im Oldtimer-Shuttle sitzt

Von Christiane Lutz

Wo er auftaucht, kreischen sie. Alle wollen ein Foto mit ihm, manche fassen ihn an. Christian Peschke lächelt in die Handykameras, er ist die Aufregung inzwischen gewohnt. Er ist auch gewohnt, dass die Leute gar nicht ihn, sondern das Auto fotografieren wollen, in dem er sitzt und dessen Flügeltüren er gerade so lässig geöffnet hat. Jetzt sieht es aus, als wolle das Auto abheben. "Ein junger Typ, vielleicht 25, hat geheult, als er zu mir ins Auto stieg", sagt Peschke. "Es war sein großer Traum, einmal mit einem Delorean zu fahren." Der Delorean also ist der Star. Jenes Auto, das in den Filmen "Zurück in die Zukunft" als Zeitmaschine diente. Peschke und sein Wunderauto gehören zum "Rollenden Museum" bei der "Langen Nacht der Museen", das heißt, sie und rund 80 andere Oldtimer befördern während des Abends die Besucher zwischen dem Verkehrszentrum auf der Schwanthalerhöhe und dem Deutschen Museum hin und her.

Man kann also während der "Langen Nacht der Museen" viel lernen und erleben, ohne ein einziges Museum zu betreten, indem man einfach den ganzen Abend im Oldtimer-Shuttle mitfährt. Gegen 19 Uhr beispielsweise nimmt Ralf Hartung den DKW-Elektrobus von der Steckdose und reiht sich in die lange Schlange der Oldtimer ein, die vor dem Verkehrszentrum auffahren. Die Schlange der Wartenden ist ebenfalls lang. Tür auf, vier Besucher rein, zack, Tür zu. Hornung ist ein kundiger Fahrer, er berichtet vom Elektrobus. Dieser stammt aus dem Jahr 1956, hat 7,5 PS und schafft es auf ganze 40 Stundenkilometer. Im Münchner Stadtverkehr fällt das nicht negativ auf. "In den Fünfzigerjahren wurde dieser Kleinbus gern für kleine Transporte in der Stadt genutzt", sagt Hornung. Nach höchstens 80 gefahrenen Kilometern aber ist Schluss, dann muss der Bus an die Steckdose. Das Problem mit der Reichweite, das bis heute die Schwierigkeit in der Weiterentwicklung der Elektromobilität darstellt. Die Schwestern Claudia Muck und Regina Reuser auf der Rückbank zeigen sich allerdings recht unbeeindruckt, "tolle Autos geben mir nichts", sagt Reuser, "obwohl ich als 20-Jährige schon mit einem Jaguar herumgefahren bin." Sie wollen nur schnell ins Deutsche Museum, das steht für den Abend groß auf ihrer Liste.

Die Idee solcher "Langen Nächte", möglichst viel in kurzer Zeit sehen zu können, ist immer besser als die Realität. In diesem Jahr gab es wieder dichtes Programm, mehr als 90 Museen und Galerien waren geöffnet, rund 22 000 Menschen waren unterwegs. Der Veranstalter Münchner Kultur GmbH wollte die Besucher in die neue Siemens-Zentrale am Wittelsbacherplatz locken, zu kunstvollen Lichtprojektionen an der Eisbachwelle und in den Schwabinger Norden, wo in einer Tiefgarage die Ausstellung "Coral North" junger Künstler zu sehen war. Der engagierte Besucher markiert zwar schon vorab alle interessanten Orte im Stadtplan und erstellt einen Zeitplan. Aber dann steht er eineinhalb Stunden vor der Pinakothek in der Schlange und der ganze schöne Plan ist dahin. Auch der Transfer von A nach B wird im allgemeinen als lästig empfunden. Die Fahrten mit den Oldtimer bilden da eine Ausnahme: Auf der Erhardtstraße winken fremde Menschen den Autos zu, der Abend ist so herbstlau, dass die Cabrios mit offenem Verdeck unterwegs sind und sich die Besucher an Bord übermütig in den Fahrtwind stemmen. Wenn dieser Weg wirklich das Ziel ist, ist es ein sehr angenehmer Weg.

Ins Feuerwehrauto aus dem Jahr 1965 der Freiwilligen Feuerwehr Gräfelfing stolpert gegen 22 Uhr eine Gruppe Teenager, die Fahrer Christian Lang überreden wollen, die Sirene einzuschalten. Auch ihr Museums-Zeitplan ist längst durcheinander geraten, wo sie doch "heute mal ein bisschen Kultur machen" wollten. Jetzt hoffen sie, dass sie es wenigstens noch zu den Eisbachsurfern schaffen. Als Lang die Sirene nicht einschalten will, singt die Gruppe einfach selbst: "Waunst amoi zu mia ham kummst, ruaf i di Polizei, und es geht: Tatü Tata, Tatü Tata!"

Bei Florian Schönreiter im minzgrünen Ford-Thunderbird aus dem Jahr 1955 gibt es auch Musik, aber nur stilgerechten Rock'n'Roll. An der Ampel winkt ihm die Bundespolizei entzückt zu. Schönreiter selbst trägt Anzug statt Pomade. Wie alle Fahrer bietet auch er seinen Shuttleservice umsonst an. Er sagt, er teile sein wertvolles Auto gern mit anderen. Dass heute meist Ahnungslose auf dem Beifahrersitz landen, macht ihm nichts aus. Die meisten seien spontan begeistert. "Ich würd' so gern selbst mal die Lange Nacht besuchen, aber ich fahr' ja jedes Jahr", sagt er. Da drückt er am Deutschen Museum kurz entschlossen das Gaspedal durch und biegt ab, Richtung Eisbachwelle.