Tausende beim Ayinger Brauereifest In der Tracht zum Kirta

Seit 40 Jahren lädt die Brauerei im Oktober nach Aying. Dass Münchner in Lederhose und Dirndl kommen, ist relativ neu.

Von Gregor Bauernfeind, Aying

Mit mechanischer Präzision umfasst Willi 16 grüne Biertragl, presst sie aneinander und hebt sie auf die Holzpalette.

Fünfmal macht er das, dann ist eine Palette fertig. 80 Tragl, 1600 Flaschen Bier, aufgeschichtet in Minutenschnelle. "Der is voll geil, der Roboter", lobt ihn ein Bub im Kindergartenalter. Willi ist bestimmt drei Meter groß, sieht aus wie eine riesige grün-schwarze Bohrmaschine und ist am Sonntag Besuchermagnet bei der Brauereibesichtigung, die jedes Jahr fester Bestandteil des Ayinger Kirta ist.

Dann steht der Betrieb kurz. Ein Arbeiter kraxelt zur Palette, tritt beherzt die Kästen zurecht und behebt die Ungenauigkeit von Roboterarm Willi. Weiter geht's. Dass ein Mensch in den Ablauf eingreift, kommt gar nicht so oft vor. Fließbänder, lastwagengroße Maschinen und Abfüllanlagen erledigen die meiste Arbeit. Bei Brauereien dieser Größenordnung sei so eine Automatisierung schon lange üblich, sagt Helmut Erdmann, Direktor der Brauerei Aying. Auch vor mehr als 40 Jahren, als die Brauerei den ersten Kirta ausrichtete, sei schon viel maschinell gelaufen. Die Brauerei habe mit dem Kirta damals versuchen wollen, eine alte Tradition aufrecht zu erhalten, sagt Erdmann. Früher war der Kirta am dritten Sonntag im Oktober ein wichtiges Datum für die Bauern. "Die Ernte war vorbei. Es wurde ausgiebig gegessen und getrunken", erklärt Erdmann.

3000 bejubeln LaBrassBanda

Dieser Brauch hat es ins 21. Jahrhundert geschafft, wie man am Wochenende im Bierzelt beobachten konnte. In den ersten Jahren war der Ayinger Kirta auf den zweiten Sonntag im Oktober beschränkt, heute ist er ein viertägiges Spektakel. "Wieso sollten wir das Zelt nicht nutzen, wenn es schon mal steht", sagt Erdmann. Am Freitag spielten LaBrassBanda im Zelt vor 3000 Zuschauern, am Samstag gab es einen Frühschoppen, anschließend ein Kamelrennen. 15 000 bis 20 000 Leute seien trotz des ungemütlichen Wetters gekommen, schätzt Erdmann, viele aus dem Oberland, noch mehr aus München.

"Ich glaube, die Mehrheit kommt aus der Stadt oder aus dem Münchner Osten." Und gerade bei den Städtern habe in den vergangenen Jahren die Bereitschaft, Tracht zu tragen, stark zugenommen. Die Oberländer seien auch früher schon ganz selbstverständlich in Tracht gekommen, sagt der Brauereidirektor und wird im Bierzelt prompt von zwei Oberländern begrüßt - in Trachtenjanker und Jeans.

Waltraud Stacheter freut diese Entwicklung. "Es wird viel mehr Tracht getragen", bestätigt die Schneidermeisterin, die an ihrem Stand auf dem Kunsthandwerker- und Bauernmarkt in der Halle neben dem Festzelt maßgeschneiderte Dirndl verkauft. "Uns wäre früher gar nicht in den Sinn gekommen, bei so einem Anlass Tracht zu tragen", sagt sie. Vor sieben, acht Jahren habe sich das aber geändert. "Egal, ob mit Rastazöpfen oder tätowiert - so kann man einfach zeigen: Hier bin ich daheim", sagt sie. Und es entspreche wohl dem Zeitgefühl, dass man sich im Privatbereich kreativ ausleben und daher etwas Maßgeschneidertes will.

Stacheter ist mit ihrem Stand zum zweiten Mal auf dem Markt, den es seit dem ersten Kirta vor mehr als 40 Jahren gibt und der selbst schon zur Tradition gehört. Dort mischt sich Traditionell-Wertiges mit modernem Kruscht, es gibt Schmuck, Holzkunst, Blumengestecke, Kerzen, handgestrickte Strümpfe und handgewebte Leinenhemden, Honig, Speck und Schnaps. An den Ständen riecht es nach Leder, Wachs oder Stoff. Handwerker arbeiten vor den Augen der Besucher, der Gürtelmacher erklärt seine Technik und gerät ins Philosophieren, der Kripperlfigurenschnitzer ist gerade bei Ochs' und Esel.

Ein paar Stände weiter fragt eine Frau die Verkäuferin um Rat. Ihr Kind sei schlecht in der Schule, trägt sie leise ihr Problem vor. Die Tochter im Grundschulalter steht daneben. "Konzentrationsschwäche" diagnostiziert die Frau vom Esoterik-Stand und empfiehlt den Schwarzen Turmalin, einen "starken Schutzstein".

Gleich am Eingang verkauft Walter Fölsner filigrane historische Wappen, kaum größer als ein Fingernagel. Ein Sterbebild erinnert an Franz Josef Strauß, von einer Flagge grüßt König Ludwig II. "Unsere Leitfigur", sagt Fölsner, "weil er ein vorausdenkender Mensch war." An dem Markt gefällt ihm vor allem, dass man mit Leuten ins Gespräch kommt, die Wappen tauschen wollen. Viele Besucher sind Stammkunden und kommen seit Jahren zum Kaufen, Tauschen, vor allem aber zum Ratschen zusammen. So war das schon vor 40 Jahren, so wird es bestimmt auch nächstes Jahr sein, am zweiten Sonntag im Oktober, beim Ayinger Kirta.