Kräuterwanderung in Oberhaching Überall ist ein Kraut gewachsen

Das Wissen über viele essbare Pflanzen ist verloren gegangen. Doch dagegen will Inez Rattan (Dritte von links) etwas tun: "Vor zehn Jahren habe ich die Natur für mich entdeckt", sagt sie.

(Foto: Angelika Bardehle)

Ob Bärlauch, Löwenzahn oder Knoblauchrauke - am Wegesrand findet sich eine Vielzahl schmackhafter Kräuter. Wie man gesunde von ungenießbaren unterscheidet, erklärt die Expertin Inez Rattan bei einem Spaziergang durch Oberhachings Wälder und Wiesen.

Von Marie Ludwig, Oberhaching

Sie wachsen in unseren Gärten, auf der Verkehrsinsel und am Waldrand: wilde Kräuter. Oftmals als "Unkraut" verkannt, ist das Wissen über viele essbare Pflanzen mit den Jahren verloren gegangen. Doch dagegen will Inez Rattan etwas tun: "Vor zehn Jahren habe ich die Natur für mich entdeckt", sagt sie.

Damals war ihre Mutter gestorben und Rattan erbte ein Haus samt Wildwiese im Chiemgau. "Da stand ich eines Morgens, schaute auf die Wiese und dachte mir: Du hast gar keine Ahnung, welche Heilkräfte hier unter deinen Füßen wachsen", erinnert sie sich. Anschließend hat sie sich erkundigt und eine Ausbildung zur Kräuterpädagogin gemacht. Seither gibt sie ihr Wissen in Führungen unter anderem an der Volkshochschule in Oberhaching weiter. "Ich möchte den Blick auf Essbares und sogar Heilsames aus der Natur lenken."

Braune Trachtenjacke, Cordhose, Brille und eine Kette mit einem laminierten Bild von Rosen um den Hals - Inez Rattan wartet am Waldrand auf ihre Kursteilnehmer. Nach und nach treffen sieben Leute ein. Als einziger Mann ist Markus Gebhard unter ihnen. Er nimmt fast jeden Weg mit dem Rad und kommt dabei täglich an allerlei Grün vorbei. "Bei vielen Pflanzen weiß man gar nicht, was es für welche sind, und ob man sie vielleicht sogar essen kann", sagt er. Schon sein Opa habe Kräuter gesammelt. "Ich finde es schade, dass ich selbst so wenig über die Kräuterwelt weiß."

Bärlauch oder doch Maiglöckchen? Das sicher zu unterscheiden, ist wichtig.

(Foto: Angelika Bardehle)

Im Umgang mit Kräutern gibt es Optimisten und Skeptiker

Beim Kräutersammeln gibt es zwei extreme Lager: zunächst die Skeptiker, die sich vor Fuchsbandwürmern und Zecken auf den Pflanzen gruseln, und auf der anderen Seite die Optimisten, die sich allzu leichtsinnig alles aus der Natur in den Mund schieben. Der optimale Weg liegt dazwischen, weiß auch Kräuterexpertin Rattan. "Man sollte als Anfänger zunächst nur die Pflanzen essen und verarbeiten, die man auch wirklich kennt." Und das ist gar nicht so einfach. Denn einige Pflanzen unterscheiden sich nur minimal. Da kann es zu üblen Verwechselungen kommen: "Beispielsweise Maiglöckchen und Bärlauch gelten als sehr ähnlich", sagt Rattan.

Sie bückt sich nach einem dunkelgrünen Bärlauchblatt. "Ein einfacher Tipp zur Bestimmung: Bärlauchblätter haben auf der Rückseite eine Rippe", erklärt Rattan. Sie biegt das Blatt und die Rippe zerbricht mit einem leisen Knacken. "Das ist das Geheimnis", sagt Rattan. Beim Maiglöckchen gebe es diese Rippe nämlich nicht.

Geschmacklich ähnlich zum Bärlauch ist die Knoblauchrauke. "Man kann sie an den kleinen weißen Blüten erkennen", erklärt Rattan und reicht ein paar Blätter umher. Die Kursteilnehmer schieben sich die Blätter in den Mund. "Ich schmecke grad' nur Wiese", gluckst Iris Beck. Doch nach ein bisschen Kauen kommt er, der Knoblauchgeschmack. Beck möchte durch die Kräuterwanderung auch ihren eigenen Garten besser kennen lernen. Der Gundermann mit seinen violetten Blüten und der Giersch sind ihr schon bekannt. "Über den Giersch kann man sich so richtig ärgern, er sprießt immer wieder aus dem Boden, so wie er will", hat sie erlebt. Doch dafür lässt sich die kleine unscheinbare Pflanze verspeisen. "Giersch ist wie Spinat zuzubereiten", erklärt Rattan.

Mit einem Fachlexikon lassen sich die gefundenen Kräuter bestimmen, bevor man sie pfückt und isst.

(Foto: Angelika Bardehle)

Auf den Geruchssinn sollte man sich nicht verlassen

Eine besonders motivierte Teilnehmerin zückt einen wieder verschließbaren Plastikbeutel, fotografiert den Giersch mit dem Smartphone und notiert sich alle Informationen. Die genaue Bestimmung der Pflanzen ist besonders wichtig, weiß auch Rattan. Sie rät allen Teilnehmern, Kräuterwanderungen nicht ohne Bestimmungsbuch zu unternehmen. "Nehmen wir noch einmal das Beispiel Bärlauch", sagt sie. Angenommen, man pflücke das Kraut und lasse sich nur vom Geruchssinn leiten. Dann könne man schon nach wenigen Minuten den Geruch an den Fingern mit dem der Blätter nicht mehr auseinanderhalten. "Immer genau hinschauen und bei einem Spaziergang nur die Pflanzen pflücken, die man auch eindeutig bestimmen kann", rät Rattan.

Natürlich begegnet die Wandertruppe auch Pflanzen ohne gefährliche Doppelgänger. Beispielsweise dem Spitzwegerich. Er wächst auf Wiesen und lässt sich vor allem durch seine spitz zulaufenden kleinen Blätterbüschel erkennen. "Und es entstehen diese typischen Fäden", sagt Rattan und zupft eines der Blätter auseinander. Spitzwegerich wirke besonders gut bei Husten. Rattan empfiehlt daher, getrocknete Blätter als Tee zu trinken oder zu einem Sirup zu verkochen. Auch die Blüten des Spitzwegerich seien essbar. Sie sehen aus wie kleine schwarze Morcheln und wachsen nur im Frühling. "Man kann sie zum Beispiel wie Kapern in Essig einlegen und über den Salat streuen", schlägt die Expertin vor.

Die Kräuterexpertin Inez Rattan rät, immer ein Fachlexikon dabei zu haben.

(Foto: Angelika Bardehle)

Die meisten Gewächse, die sie von den Wegrändern rupft, schmecken bitter. Warum eigentlich? "Bitterstoffe sind gut für unsere Verdauung", erklärt die Kräuterexpertin. Die Bitterstoffe würden der Leber Signale geben, Verdauungssäfte zu produzieren. Heute seien wir daran nicht mehr gewöhnt, doch man sollte sich ausgewogen ernähren. "Ich bin nicht der Paleo- oder Vegantyp", erklärt Rattan. Auch von den sogenannten Superfoods wie Chia-Samen oder Goji-Beeren hält sie wenig: "Die Pflanzen werden inzwischen unter erheblichem Pestizideinsatz gezüchtet, um den steigenden Bedarf zu decken."

Sie hingegen rät zu einer abwechselungsreichen Ernährung: "Die Natur macht es uns vor." Kräuter und Pflanzen seien nur zu gewissen Zeiten und meist auch nur kurz zu finden. "Danach kommt etwas Neues. So hatten unsere Vorfahren immer eine abwechselungsreiche Ernährung."

Über Pharmaunternehmen kann sich Rattan ärgern

Richtig sauer wird Rattan, wenn sie zum Thema Pharmaunternehmen und deren Ansichten über Homöopathie kommt. Sie baut sich vor ihren Kursteilnehmern auf und hält ein Plädoyer für die Heilkunde der Pflanzenwelt. Doch schnell ist auch das nächste Kraut in Sicht und sorgt für Beschwichtigung. Der Löwenzahn leuchtet mit seinen gelben Blütenblättern schon vom Weitem. "Wenn man nur die gelben Blätter - ohne jegliches Grün - mit Zucker und Wasser einkocht, dann bekommt man einen knatsch-gelben Sirup", erklärt Rattan. Sie selbst gibt ihn gern über etwas Eis oder in den Sekt.

Für diejenigen, die doch lieber Tee trinken, hat sie auch noch einen Tipp: "Getrocknete Zitronenmelisse oder Minze sollte man so klein wie möglich und erst kurz vor dem Verzehr zerbröseln." So gingen keine ätherischen Öle, die sich übrigens als schillernder Film auf der Wasseroberfläche zeigen, verloren. Am besten noch einen Deckel beim Ziehen oben auflegen - so bleibe alles Gute im Tee erhalten.

Ob Giersch, Löwenzahn, Scharbockskraut, Spitzwegerich, Bärlauch, Knoblauchrauke, Hirtentäschel und Lungenkraut - all diese Kräuter konnten die Teilnehmer auf nur 500 Metern am Waldrand finden. "Regional und ungespritzt", sagt Rattan zufrieden. "Das Abendessen ist gerettet."