Dokumentarfilm Komm, süßer Tod

In Ästhetik und Szenerien überraschen viele der NS-Filme, die fast immer Frauen als Hauptfiguren haben. Die Schauspielerin Hilde Krahl spielte in "Großstadtmelodie" mit.

(Foto: farbfilm)

Hitler war vom Kino besessen, Goebbels nutzte den Film für beispiellose Propaganda. Ein Dokumentarfilm untersucht die "germanische Traumfabrik" der Nazis.

Von Susanne Hermanski

Was macht denn diese Mickey Maus neben Marianne Hoppe, die gerade ihren Mann mit salbungsvollen Worten an die Front schickt? Des Amerikaners liebste Zeichentrickfigur als Menetekel an der Wand in einem Film von Goebbels' Gnaden? - Nun, der genauere Blick auf das Kino der Nationalsozialisten überrascht zuweilen. Er lohnt, auch wenn es dem gängigen Reflex entspricht, die Werke des NS-Propaganda-Apparates lieber grundsätzlich zu meiden. Der zwischen München und Berlin pendelnde Filmjournalist Rüdiger Suchsland, hat ihn gewagt, und daraus eine Dokumentation gemacht. Deren Titel: "Hitlers Hollywood".

Es ist bekannt, dass Hitler filmbesessen war. Auch, dass er sich auf dem "Berghof", in der Reichskanzlei und im Münchner "Braunen Haus" bis tief in die Nacht - oft zum Verdruss seiner Entourage - Filme vorführen, und dass er sich über die Botschaft im neutralen Schweden Filme der Alliierten wie "Vom Winde verweht" besorgen ließ. Aber es ist doch vor allem Joseph Goebbels' Propagandafilm-Produktion, der Suchslands Interesse gilt.

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Seine erste Arbeit als Regisseur hatte Suchsland mit dem Dokumentarfilm "Von Caligari bis Hitler" über das deutsche Kino der Zwanzigerjahre vorgelegt. Nun knüpft er mit seinem Essay über die NS-Unterhaltungsfilme chronologisch daran an. Unter dem analysierten Material finden sich auch die sogenannten "Vorbehaltsfilme", die bis heute nicht für den allgemeinen Vertrieb freigegeben sind und die öffentlich nur eingebunden in kritische Vorträge und anschließende Diskussionen gezeigt werden sollen.

Sein Erkenntnisinteresse formuliert Suchsland unterdessen als eine Frage, die er als Sprecher im Film mehrfach wiederholt: "Was weiß das Kino, was wir nicht wissen?" Und weiter noch: "Welche Träume träumten die Deutschen in ihrer ureigenen germanischen Traumfabrik? Wovon sollten sie träumen, wenn es nach den Machthabern ging?"

Am Ende - aber erschreckender Weise auch schon am Anfang dieses Regimes - war dies vor allem eins: der Tod. Suchsland weist das anhand von vielen idealtypisch ausgewählten Sequenzen nach. Und er liefert dazu auch, überaus kundig, die passenden Theorien - zum Beispiel von Hannah Arendt, die schrieb: "Massenführer an der Macht haben ein Anliegen, das alle Nützlichkeitserwägungen übersteigt: Sie wollen ihre Prognosen wahr machen.

Die Nazis scheuten sich nicht, am Ende des Kriegs die konzentrierte Kraft ihrer noch intakten Organisation einzusetzen, um ihre Prognose wahr werden zu lassen, dass das deutsche Volk im Falle einer Niederlage zerstört werden würde." Und Hannah Arendt ist es auch, die indirekt die Begründung dafür liefert, warum man sich mit diesen alten NS-Filmen, so wie Rüdiger Suchsland, heute auseinandersetzen sollte.

Denn "was die Massen überzeugt, sind keine Fakten, noch nicht einmal erfundene Fakten, sondern die Konsistenz der Illusion", schrieb Arendt. "Die Effektivität der Propaganda demonstriert eine Hauptcharakteristik moderner Massen: Sie glauben an nichts Sichtbares, nicht an die Realität ihrer eigenen Erfahrung, sie trauen nicht ihren Augen und Ohren, sondern allein ihren Phantasien."

Und derer gab es überreichlich in den zwölf Jahren der NS-Gewaltherrschaft: Mehr als 1000 Spielfilme wurden in den Jahren 1933 bis 1945 in Deutschland hergestellt. Auch wenn die wenigsten davon offene Propaganda waren, so "waren sie doch alles andere als harmlose Unterhaltung", sagt Suchsland. Er stellt das NS-Kino in seiner Breite, in seinen Facetten, aber auch in seinen besonders interessanten Brüchen und Widersprüchen dar.

Rüdiger Suchsland versucht sich daran zu ergründen, "was überhaupt Propaganda auf der Leinwand ist, und was nicht? Wie Film-Propaganda sich selbst versteht, und wie sie funktioniert, vor allem aber auch, was ihre langfristige Wirkung ist, auf das Kino und das kulturelle Unterbewusste." Freilich geht das nicht ohne Wiedersehen mit den Ufa-Stars dieser Zeit einher und einer Betrachtung von deren Verstrickung. Dass Hans Albers, Heinz Rühmann, Zarah Leander, Ilse Werner, Marianne Hoppe und Gustaf Gründgens dazu zählten, ist klar. Doch dass auch Ingrid Bergmann damals in Deutschland gedreht hat (in "Vier Gesellen"), wollte sie später selbst kaum noch wahr haben.

Und was hat es nun mit dieser Mickey Maus an der Wand in "Auf Wiedersehen, Franziska" auf sich? Gedreht hat Helmut Käutner den Film im Jahr 1941. Als Ermunterungspropaganda für die Fronturlauber und ihre Frauen an der Heimatfront. Was Käutner mit dem Detail im Bühnenbild genau bezweckte, mag unklar sein. Verbrieft ist aber: An Weihnachten 1937 notierte Goebbels in seinem Tagebuch: "Ich schenke dem Führer 30 Klassefilme der letzten Jahre und 18 Mickey-Maus-Filme. Er freut sich sehr, ist ganz glücklich über diesen Schatz, der ihm hoffentlich viel Freude und Erholung spenden wird."

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