Deutsche Gemeinde in New York Seelsorge im Sehnsuchtsland

Miriam Groß ist fasziniert vom Leben in New York. Aber manchmal vermisst sie die Familie daheim, warmen Leberkäs, die Ordnung - und die Mülltrennung.

(Foto: oh)

Miriam Groß ist die Pastorin der einzigen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in New York, in der nur deutsch gesprochen wird. Fern von der Heimat vermisst die Münchnerin Bratwurst und Mülltrennung. Ein Besuch.

Von Jutta Czeguhn, New York

Eine frohe Botschaft zur Begrüßung. "Der Plumber kommt irgendwann am Nachmittag", verkündet Sekretärin Petra Fauerbach triumphierend, als ginge es um einen Lottogewinn. "Gott sei dank, wir brauchen ihn dringend, den Klempner", stoßseufzt ihre Chefin Miriam Groß. Sie schlüpft aus ihrem langen Mantel, zum Vorschein kommt ein dunkelblaues Kleid, das kaum über die Knie reicht. Kokett könnte das aussehen, wäre da nicht der strenge, weiße Kragen, einer, wie ihn Geistliche tragen. "Dog collar, Hundehalsband" nennt Groß dieses Accessoire.

Die 38-Jährige ist Pastorin von St. Paul's, der einzigen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde im Großraum New York, in der ausschließlich deutsch gesprochen wird. Vor einem halben Jahr ist sie in Manhattan angekommen, mit Mann, vier Kindern, zwei Katern und sechs Koffern. Aus Fürstenried.

Die alte Dame riecht, ächzt und stöhnt, schließlich ist sie 120 Jahre alt

"Die alte Dame braucht etwas Fürsorge", sagt Reverend Groß. Für Frau Pfarrer ist die Kirche im neogotischen Stil unbedingt eine Sie. Eine, die in die Jahre gekommen ist, die nach dem gelebten Leben von vielen Einwanderergenerationen riecht, die ächzt und stöhnt, wenn man wie Miriam Groß mit dem New Yorker Tempo, das sie sich inzwischen angewöhnt hat, die Holztreppen hinauf in den Kirchenraum steigt. 120 Jahre ist der Bau alt, steht - wie aus der Zeit gefallen - in der 22. Straße West. Gleich um die Ecke vom legendären Chelsea Hotel, dem seinerzeit letzten Außenposten der Bohème, der gerade zu einem Yuppie Hangout umgebaut wird. St. Paul's täte eine Renovierung indes gut. "Unsere Sanitäranlagen müssen saniert, die Kirchtürme neu ausgerichtet werden, die Böden sind feucht ", sagt Miriam Groß und legt ihre hohe Stirn in Falten.

Woher das Geld nehmen? Die Gemeinde muss sich selbst finanzieren. Von der evangelischen Kirche in Deutschland gibt es nur marginale Unterstützung, die Rücklagen von St. Paul's sind fast aufgezehrt. "Auf dem religiösen Markt gelten harte Wettbewerbsbedingungen", sagt sie. Um die Gläubigen und ihr Geld konkurrieren viele Freikirchen und Kulte, an die St. Paul's auch Räume vermietet. Miriam Groß wird still. Dann geht der Blick der jungen Pastorin hinauf zu den bunten Kirchenfenstern. Sie stammen von der Mayer'schen Hofkunstanstalt aus München. Ach, ja, München.

Die Pastorin sehnt sich nach Bratwurst, Leberkäs und Mülltrennung

Wenn man weit weg ist von der Heimat, lernt man Dinge zu vermissen. Miriam Groß sehnt sich manchmal nach der Familie daheim, nach den tiefen Gesprächen mit den Freunden in München, nach Bratwurst und warmem Leberkäs, nach der Ordnung - und der Mülltrennung. Sie muss lachen. Gott, wie deutsch sich das wohl anhört.

Sie zieht eine Grimasse und greift nach dem Playmobil-Luther auf ihrem Schreibtisch. "Den wollen hier alle haben", sagt sie. Als im vergangenen Jahr der Anruf kam, dass man sie ausgewählt habe für die Pfarrstelle in New York, saß die Familie Groß gerade im Auto. Jubel brach los, ganz offensichtlich sind alle in dieser Familie Expeditionsmenschen wie die Mama Miriam. Für sie würde sich nun ein Kreis schließen. Amerika, das ist so etwas wie ihr Sehnsuchtsland. Das hat mit einem bestimmten Menschen zu tun, ihrem Ziehvater.

Ihren leiblichen Vater kennt Groß nicht. Miriam Groß wird 1976 in Nürnberg geboren. Die Mutter lässt sich scheiden, heiratet einen amerikanischen GI. Die Familie zieht ins mittelfränkische Uffenheim, eine brave, kleine Stadt, die man in Manhattan komfortabel in zwei, drei Blocks packen könnte. Miriam wächst zweisprachig auf, zu Hause feiert man amerikanische Feste, es gibt Süßigkeiten aus dem PX-Supermarkt der US-Garnison. Man unternimmt Reisen zu den Verwandten in die amerikanischen Südstaaten.

Gott, sagt sie, halte immer wieder erstaunliche Zufälle bereit

Eine behütete Kindheit ist das, die aber überschattet wird von der schweren Krankheit des Ziehvaters, der als Vietnam-Veteran dem Gift Agent Orange ausgesetzt war. Miriam und ihre zehn Jahre jüngere Halbschwester unterstützen die Mutter bei der Pflege des Dialysepatienten. Diese Erfahrungen sind prägend für sie, ebenso das Gemeindeleben in der evangelischen Kirche. Als Zwölftklässlerin leitet sie, in Vertretung für den überlasteten Pfarrer, Gottesdienste. Nach dem Abitur entscheidet sie sich gegen die Medizin und für das Theologiestudium.

Schon zu der Zeit ist Herbert Groß an ihrer Seite, ihr damaliger Klassenkamerad. Der angehende Diplom-Physiker folgt seiner Frau bei fast allen Ortswechseln, die das Studium mit sich bringt. Im Praxisjahr geht Miriam Groß in die Luft, wird Stewardess bei Japan Airlines, fliegt regelmäßig auch nach New York. Als Seelsorgerin ist sie auch in der Kabine gefragt. "Es war erstaunlich, wie viele Passagiere mit mir über Gott reden wollten", sagt sie.

Miriam Groß bringt es fertig, im Studium und sogar mitten in den Vorbereitungen zu ihren Examen drei Kinder zu bekommen. Amos wird 2002 geboren, Raffaela 2003 und Samuel 2006. Tochter Seraphina kommt 2008 auf den schottischen Orkney-Inseln zur Welt, wo die Pfarrfamilie drei "wunderbare Jahre" verbringt. Von den Orkneys aus sind die Vorfahren ihres Ziehvaters Mitte des 19. Jahrhunderts während der großen Hungersnot nach Amerika aufgebrochen. Zufall? Gott, sagt Miriam Groß, halte immer wieder erstaunliche Zufälle für sie bereit.

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler unterstützte die Familie

Nächste Station war die Münchner Andreasgemeinde in Fürstenried, die Miriam Groß als geschäftsführende Pfarrerin vier Jahren lang leitet. Keine leichte Aufgabe in einem Stadtviertel mit vielen sozialen Brennpunkten. München, kann sie heute sagen, sei auf seine Art eine ebenso fordernde Leistungsgesellschaft wie New York. Auch dort spiele Geld eine enorm wichtige Rolle, gebe es Elend, wenn auch in einem anderen Ausmaß. Die Entscheidung, sich für die Pfarrstelle in Manhattan zu bewerben, ist ihr trotz allem nicht leicht gefallen. Vor allem bedeutete es für ihren Mann Herbert, seine Festanstellung als Physiklehrer aufzugeben. Ohne Arbeitserlaubnis in Amerika, kümmert er sich heute um die Kinder im großen Pfarrhaus im Vorort White Plains, wo auch die deutsche Schule steht und viele Expatriates aus Germany leben. Das Geld ist knapp für die sechsköpfige Familie.

Eine, die Miriam Groß unterstützt und bestärkt hat, den Schritt nach Amerika zu wagen, ist Münchens Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler. "Stolz bin ich auf meine evangelische Kirche, weil wir viel tun, damit Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen sind", sagt die Bischöfin. "Es ist ein Geschenk, wenn Mütter wie Frau Groß ihre Fähigkeiten als Pfarrerinnen auch anderen in Gemeinde und Gesellschaft zu Gute kommen lassen können."

Ein Spagat zwischen Vernachlässigung der Familie und Versagen im Beruf

Miriam Groß selbst sieht ihr Leben als Working Mom nüchtern bis ernüchtert. Bei allem Esprit, der ihr eigen ist, macht sie einen erschöpften Eindruck. "Heute Morgen etwa hatte mein Sohn Samuel 39 Grad Fieber", erzählt sie. Die Entscheidung, sich trotzdem für die 47 Kilometer zur Kirche nach Manhattan in den Expresszug zu setzen, sei ihr nicht leicht gefallen. Es sei immer eine "knallharte Kosten-Nutzen-Rechnung", ein Spagat zwischen "Vernachlässigung der Familie oder Versagen im Beruf". Manchmal in diesem heuer besonders eisigen, ersten New Yorker Winter war Miriam Groß zweieinhalb Stunden von Tür zu Tür unterwegs.

Doch natürlich ist sie auch fasziniert vom Leben in dieser lauten, schroffen, aufregenden Stadt. Auf dem Heimweg von der Kirche zurück in den geruhsamen Vorort lädt sie zu einem Espresso in den "besten Doughnut-Laden" von Chelsea, bestellt Espresso mit ihrem "german-scottish accent". Sie schwärmt von der Freiheit der Gesellschaft, niemand würde sich an ihrem Dog Collar stören, im Gegenteil, in der U-Bahn käme man deshalb leicht ins Gespräch, auch mit Rabbis.

Sie hat es nun eilig, der kranke Sohn. In der Subway-Station in der 23. Straße fetzt eine fette Ratte über die Gleise. Miriam Groß muss grinsen. Ja, in München gebe es allenfalls ein paar kleinere Exemplare. Der Zug fährt ratternd ein, sodass die Antwort auf die Frage, wie lange sie hier in New York bleiben wolle, beinahe im Lärm untergeht. "Sechs Jahre, vielleicht auch neun!"